Die bayerische SPD-Bundestagsabgeordnete Bela Bach (30) will ein Vorbild für Frauen sein, die Erfahrungen mit sexueller Belästigung machen mussten. "Wenn mir so etwas widerfährt, wird darüber berichtet. Wenn eine Kellnerin belästigt wird, berichtet keiner darüber", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur in München. "Ich möchte allen Frauen Mut machen, die Opfer sexueller Belästigung werden. Das muss im 21. Jahrhundert keine Frau hinnehmen."

Bach hatte in einem Interview der "Bunten" und zuvor auch schon bei "Zeit Campus" von Belästigung im Bundestag berichtet. "Einmal brauchte ich Unterstützung für ein Projekt. Ich schrieb einem Abgeordneten aus meiner Fraktion. Seine Antwort: Er würde mich unterstützen – wenn ich mich dafür privat mit ihm treffe. Ich habe ihm geschrieben, wie irritierend ich sein Verhalten finde, und abgesagt. Auch andere Kolleginnen haben so was erlebt", sagte sie "Zeit Campus" im Juli.

Abgeordnete Bach berichtet von sexueller Belästigung im Bundestag

In der "Bunten" berichtete sie nun außerdem: "Im Plenum hat ein anderer Kollege, der mir gegenüber mehrfach mit sexistischen Sprüchen aufgefallen ist, sich so über den Sitz gebeugt, dass er mir über das Gesäß streifen konnte. Das sind Momente, da kann man nicht glauben, dass das passiert."

Der dpa sagte sie: "Es kann nicht sein, dass unsere Demokratie von älteren Männern bestimmt wird und Frauen, die sich engagieren, derartiges ertragen müssen. Da läuft gewaltig etwas falsch." Es gehe ihr nicht um ihren individuellen Fall, "sondern darum, auf ein System aufmerksam zu machen, in dem Macht missbraucht wird".

"Ich war wütend. Auf mich selbst, weil ich nicht sofort etwas gesagt habe", sagte Bach der "Bunten". "Aber auch auf die Situation, weil ich mich als Frau im Plenum des Deutschen Bundestags nicht sicher fühlen kann." Sexismus in der Politik werde aus ihrer Sicht zu wenig thematisiert. "Es gibt keine Kontrollinstanz, das Thema wird nicht als wichtig wahrgenommen, und das muss sich schnell ändern", sagte sie. "Wir brauchen die Öffentlichkeit und eine Gesellschaft, in der es nicht länger hingenommen wird, dass Sexismus als Banalität abgetan wird."

SPD zieht Konsequenzen aus Belästigungsvorwürfen

Die Bundestagsverwaltung verwies auf dpa-Anfrage darauf, dass es seit 2002 eine "Dienstvereinbarung zum Beschäftigtenschutz und partnerschaftlichen Verhalten am Arbeitsplatz" gebe. Außerdem gebe es Mitarbeiter, die nach einer Schulung als sogenannte Anlaufstellen fungierten. "Hierüber sind die Beschäftigten der Verwaltung durch Hausmitteilung informiert." Dies gelte allerdings nur für die Verwaltung - und "gerade nicht" für Abgeordnete, Fraktionen und deren Mitarbeiter. Da seien die einzelnen Fraktionen zuständig.

Die SPD hat nun Konsequenzen gezogen und eine Anlaufstelle für solche Fälle eingerichtet. Schon Anfang Juli habe die Fraktion eine Ansprechpartnerin benannt, an die sich Betroffene vertraulich wenden könnten, sagte ein Sprecher der SPD-Fraktion der Deutschen Presse-Agentur. "Seither sind keine weiteren Fälle bekannt geworden."

Sie sei kein Einzelfall, betont Bach. "Es gibt viele Kolleginnen und Parteifreundinnen, die Übergriffe oder Sprüche zu gut kennen", sagte sie. Und diese Mandatsträgerinnen seien nur die Spitze des Eisbergs. "Das geht weiter auf lokaler Ebene. Ich traue mich zu sagen: Es gibt keine jüngere Frau in einem Ortsverband, die noch nie einen schlüpfrigen Spruch, eine anzügliche WhatsApp oder einen Popo-Streichler erlebt hat. Auf Parteitagen, auf Konferenzen, auf Parteiabenden - da gibt es unzählige Geschichten."

"Nur die Spitze des Eisbergs": Sexismus im Parlament kein Einzelfall

Bach ist nicht die erste Bundestagsabgeordnete, die über Sexismus im Parlament klagt. Die Grünen-Abgeordnete Luise Amtsberg sagte im vergangenen Jahr dem Nachrichtenportal "t-online": "Meine älteren Kollegen haben es noch nicht so ganz verstanden, dass es kein Kompliment ist, wenn man sich rein aufs Äußere bezieht und sagt "Das ist hier die hübsche Kollegin aus Schleswig-Holstein". Das will ich nicht hören."

Die FDP-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann sagte 2020 der Deutschen Presse-Agentur: "Insbesondere seit dem Einzug der AfD ist Sexismus im Bundestag, aber auch außerhalb des Parlaments, gegenüber Politikerinnen eher Alltag als Randnotiz." Sie selbst sei von einem AfD-Politiker belästigt worden, als sie eine Lederjacke getragen habe. Von konkreten Übergriffen wie nun Bach berichteten Amtsberg und Strack-Zimmermann allerdings nicht.

Die in Magdeburg geborene Wahl-Münchnerin Bach war 2020 als Nachrückerin in den Bundestag eingezogen, kandidiert allerdings nicht mehr für die neue Legislaturperiode. "Ich möchte als jüngste Frau der 19. Wahlperiode anderen jungen Frauen, die nachkommen, ein Parlament hinterlassen, in dem sie solche Erfahrungen hoffentlich nicht mehr machen müssen", sagte sie der dpa.