Der langjährige Bayernkurier-Chefredakteur und Strauß-Intimus Wilfried Scharnagl fordert in seinem neuen Buch die Unabhängigkeit Bayerns. Als Hauptgrund nennt Scharnagl die "doppelte Bedrückung" Bayerns durch Berlin und Brüssel. Dieser Würgegriff mache "bayerische Notwehr umso dringender". Betitelt hat er sein Werk mit "Bayern kann es auch allein". Das Buch erscheint am 17. August bei Quadriga - einem in Köln ansässigen Verlag, der Rezensionsexemplare vorab an mehrere Redaktionen versandt hat. Über das Buch berichtete am Wochenende auch der "Focus".
Der Freistaat ist in Scharnagls Sicht groß genug, um als eigener Staat in der EU mithalten zu können: In der Wirtschaftskraft rangiert Bayern auf Platz sieben der 25 EU-Mitgliedstaaten, von der Bevölkerungszahl her auf Platz neun, verweist Scharnagl auf die Statistiken. Er lässt allerdings offen, ob er sich eine volle Unabhängigkeit Bayerns mit eigener Außenpolitik und eigenen Streitkräften vorstellt oder eine Autonomie Bayerns innerhalb eines deutschen Staatenbundes.
Strauß schätzte Scharnagl wegen seiner humanistischen Bildung. Und in seinem Buch schlägt Scharnagl - der heute noch an manchen CSU-Vorstandssitzungen teilnimmt - den großen historischen Bogen: Wie viele bayerische Landeshistoriker führt Scharnagl an, dass Bayern einer der ältesten europäischen Staaten ist - älter als Deutschland. Aus seiner Sicht befindet sich der Freistaat seit 1871 auf einem historischen Irrweg, als die damalige Regierung in München Bayerns Souveränität opferte und dem von Preußen dominierten zweiten Kaiserreich beitrat. In der Katastrophe des Ersten Weltkriegs sei die "maßlose Überschätzung" des neuen Reichs durch die "nationalen Jubler" gescheitert, analysiert Scharnagl.
Heute sieht er die bayerische Politik angesichts der Euro-Krise offensichtlich vor einer ebenso entscheidenden Weichenstellung wie 1871: Je weiter die europäische Integration fortschreite, desto größer werde der Kompetenzverlust der Bundesländer. "Deutsche, europäische und globale Gleichmacherei sind auf Dauer auch von einem starken Bayern nicht auszuhalten", schreibt Scharnagl. Alle, denen eine solche Entwicklung nicht gleichgültig sei, ruft er zu "unerbittlicher Gegenwehr" auf. Ein "europäisches Großreich" werde zu einem Verlust der Freiheit führen.
Abgesehen von den Brüsseler Vorschriften wertet Scharnagl den innerdeutschen Länderfinanzausgleich als "Raubzug gegen Bayern". "Es ist Zeit für das große bayerische Aufbegehren." Bayern müsse den politischen Kampf um seinen Staat und um die Interessen seiner Bürgerinnen und Bürger aufnehmen.
Scharnagl plädiert dafür, dass die Grenzen Europas nicht unveränderlich sein dürften. Er verweist unter anderem auf das Beispiel Schottlands, wo Regierungschef Alex Salmond einen Volksentscheid über die Unabhängigkeit angekündigt hat. Die bayerische Verfassung sei die Verfassung eines Vollstaats. "Wer den Kampf um die Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit Bayerns aufnimmt, steht damit auf einem festen Fundament." dpa