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Grafenrheinfeld
Kernkraft

Nach der Stilllegung ist es noch lange nicht still

Ein Atomkraftwerk verschwindet nicht von heute auf morgen von der Bildfläche. Wenn im Akw Grafenrheinfeld 2015 die Lichter ausgehen, herrscht noch einige Jahre reger Betrieb auf dem Kraftwerksgelände. Bis zum Abriss der letzten Betriebsgebäude vergehen viele Jahre.
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Oft werden in stillgelegten Akws noch Castorbehälter zwischengelagert. Foto: Berg/dpa
Oft werden in stillgelegten Akws noch Castorbehälter zwischengelagert. Foto: Berg/dpa
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Der Countdown läuft - am 31.Dezember 2015 stellt des Atomkraftwerk Grafenrheinfeld seinen Betrieb ein. Seit 6. Juni 2011 ist das Beschlusslage. Aber was passiert dann?

Erfahrung mit der Stilllegung von Atomkraftwerken, die nicht nur als Forschungsreaktoren genutzt wurden, sondern in großem Umfang Strom produzierten, sammelten die Energiekonzerne in Deutschland zum Beispiel in den Atomkraftwerken Würgassen und Stade. Wie lange es dauert, bis über die Kernkraftanlagen buchstäblich wieder Gras gewachsen ist, hängt auch vom jeweiligen Reaktortyp ab, der zum Einsatz kommt.

Im Akw Würgassen hat der Rückbau 19 Jahre gedauert

Beim mit Beschluss vom 29. Mai 1995 stillgelegten Kernkraftwerk Würgassen handelte es sich um einen Siedewasserreaktor.
Wie der dortige Kraftwerksprecher Peter Klemmek erklärte, sei in Würgassen mit einem Ende des Rückbaus bis etwa 2014 zu rechnen - 19 Jahre nach Stilllegung der Anlage. Das Standortzwischenlager, in dem radioaktive Castorbehälter gelagert werden, bleibe allerdings weiter in Betrieb, inklusive der dazu benötigten Infrastruktur.

Erst in den Jahren ab 2019 bis 2024 könnte das Zwischenlager, abhängig von den Aufnahmekapazitäten und den Prioritäten des Betreibers eines Endlagers, nach dem Entfernen der Castorbehälter aufgelassen werden und im Jahr 2025 der konventionelle Abriss der letzten noch stehenden Gebäude erfolgen - so der ungefähre Fahrplan.

In Unterfranken soll es schneller gehen

30 Jahre nach der Stilllegung wären dann die letzten Spuren radioaktiver Vergangenheit in Würgassen getilgt - eine lange Zeit. Grafenrheinfeld könnte jedoch von den Erfahrungen von Würgassen und Stade profitieren, so Klemmek. Was dazu führen dürfte, dass der Rückbau der Anlage in Unterfranken wesentlich schneller erfolgen dürfte. Zumal es sich in Grafenrheinfeld wie in Stade um einen Druckwasserreaktor handle, bei dem dank geringerer radioaktiver Kontamination der Rückbau schneller und preisgünstiger erfolgen könne.

Wie könnte das Szenario in Grafenrheinfeld nach einem Abschalten der Anlage aussehen? Am Beispiel des Atomkraftwerks Stade ist folgende Vorgehensweise vorstellbar:

Nachbetriebsphase: Nach Abschalten des Atomkraftwerks im Jahr 2015 werden im Verlauf von eineinhalb Jahren vorbereitende Arbeiten zum Abbau nuklearer Anlagenteile durchgeführt. Konkret heißt das: Abtransport der Brennelemente, Dekontamination von Großkomponenten und Stilllegung nicht mehr benötigter Systeme. Mit dem Abtransport der Brennelemente sinkt die Radioaktivität im Kernkraftwerk gegenüber dem aktiven Betrieb um 99 Prozent. Was bleibt ist die radioaktiv verseuchte Anlage. Nach der offiziellen Genehmigung der Stilllegung durch die Atomaufsichtsbehörden erfolgt in weiteren Schritten der Rückbau des Kraftwerks.

Rückbauphase 1: Durch den Abbau nicht mehr benötigter Systeme soll Platz geschaffen werden für den späteren Ausbau von Großkomponenten. Deshalb wird der Flutwasserbehälter für den Primärkreislauf ausgebaut, im Reaktorraum verschwinden die Regelstabführungen. Auch die Druckspeicher werden abgebaut. Ebenso nichtnukleare Systeme wie Notstromdiesel und Turbinen- und Generatorkomponenten.

Rückbauphase 2: Im Kernkraftwerk werden die Großkomponenten wie Dampferzeuger und die Primärkühlmittelleitungen einschließlich der Pumpen entfernt.

Rückbauphase 3: Jetzt werden die am stärkten belasteten Anlagenteile ausgebaut. Dabei handelt es sich in erster Linie um den Reaktordruckbehälter und die Betonabschirmung um den Druckbehälter. Hier ist Radioaktivität so fest in das Material eingebunden, dass die Dekontimation nicht mehr in Frage kommt.

Rückbauphase 4: Die letzten Systeme im Kontrollbereich werden abgebaut. Dazu gehören die Abwasseraufbereitung, die Abluftanlage, die Krananlage und die Wechselbühne für die Brennelemente.
Nach den Erfahrungen in Würgassen und Stade ist für die diversen Phasen des Rückbaus in Grafenrheinfeld mit einer Zeitspanne von circa 12 Jahren zu rechnen. Trotz der Stilllegung wird es also zunächst nicht still werden auf dem Kraftwerksgelände.

Im Gegenteil: Parallel zum Abbau der nuklear belasteten Anlagenteile erfolgt der Abriss konventioneller Anlagenteile wie Maschinenhaus mit Turbinen- und Generatorkomponenten. Abgeschlossen wird der Rückbau mit dem Abbruch aller noch vorhandenen Gebäude. Dabei geht es um eine Größenordnung und eine Masse von etwa 156 000 Tonnen für den Kontrollbereich des Reaktors. Der größte Teil kann konventionell abgebaut werden, ist normaler Bauschutt. Bei etwa 600 Tonnen Rückständen aus der Reinigung (Dekontimation) rechnet man mit der Notwendigkeit einer Endlagerung. Hinzu kommen etwa 3000 Tonnen radioaktiver Abfall und weitere 500 Tonnen radioaktiver Abfälle aus dem Stilllegungsbetrieb.

Kosten für den Rückbau des Atomkraftwerks Würgassen: eine Milliarde Euro

Für die aufwendigeren und längere Zeit beanspruchenden Rückbaumaßnahmen beim Akw Würgassen rechnet Kraftwerksprecher Peter Klemmek mit Kosten von etwa einer Milliarde Euro. Das entspricht einem Viertel der Summe, die der Bau eines neuen Kernkraftwerks verschlingen würde. Eine Summe, die der Betreiber bei der Kalkulation des Gesamtprojekts berücksichtigt und deshalb auch entsprechende Rücklagen gebildet hat.

Der Rückbau von Grafenrheinfeld käme mit rund 500 Millionen Euro günstiger, weil es sich hier um einen Druckwasserreaktor handelt, bei dem ausschließlich das Reaktorgebäude nuklear kontaminiert ist. Anders in Würgassen. Bei dem Siedewasserreaktor sind Reaktorgebäude und Maschinenhaus gleichermaßen betroffen.

Natürlich bedeutet die Stilllegung auch Veränderungen für die Mitarbeiter. Es entstehen neue Aufgabenfelder im Zusammenhang mit dem Rückbau, viele Kerntechniker werden überflüssig. In Würgassen arbeiten 16 Jahre nach Stilllegung des Kernkraftwerks immer noch 80 Eon-Mitarbeiter und rund 550 Mitarbeiter externer Firmen in der Anlage.

Das Zwischenlager bleibt länger bestehen

Richtig abgeschlossen ist der Rückbau dann, wenn die letzten Castorfässer aus dem Zwischenlager des Kernkraftwerks ins Endlager abtransportiert sind. So lange das nicht der Fall ist, muss ein Mindestmaß an Infrastruktur zur sicheren Zwischenlagerung der Fässer aufrechterhalten werden.

Recht unmittelbar sind die Auswirkungen einer Stilllegung auf die betroffene Kommune. Grafenrheinfeld erhält mit der Stilllegung keinen Cent Gewerbesteuer mehr vom Kraftwerkbetreiber.