Maskierte Männer überfallen eine Familie - vor den Augen der Nachbarin. Die Frau zögert nicht und greift zum Telefon. Nun fahndet die Polizei nach den Tätern. Dabei setzt sie auf die Hilfe des ZDF-Publikums und berichtet in "Aktenzeichen XY ... ungelöst" (30. März) über den Fall. Mit dabei ist - wie seit 30 Jahren - Alfred Hettmer vom Landeskriminalamt (LKA) in München. 

Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur gibt der 60-Jährige einen Einblick in die Arbeit der Polizei hinter den Kulissen der Sendung, die 1967, vor fast 50 Jahren, erstmals ausgestrahlt wurde. "Aktenzeichen XY ... ungelöst" ist ein Dauerbrenner und, so sagt Hettmer, eine große Hilfe für die Polizei. Etwa 40 Prozent der Fälle, über die berichtet wird, würden später aufgrund von Zuschauerhinweisen aufgeklärt.
Das Erfolgsgeheimnis der Sendung? "Wenn ein Täter, Mitwisser oder Zeuge sieht, dass über einen Fall berichtet wird, erwächst ein Druck", sagt Hettmer. Zeugen von Straftaten gingen oft davon aus, dass ihre Beobachtungen nicht wichtig seien oder die Polizei schon Bescheid wisse und ihre Hinweise nicht benötige. Durch die Sendung bemerkten sie, dass sie doch helfen können.

Bei Beteiligten werde die Erinnerung an die Tat aufgefrischt und plötzlich plage vielleicht einen Mitwisser das schlechte Gewissen, sagt Hettmer. "Oder er erfährt, dass ihm nichts passieren kann, weil seine Beteiligung an der Tat verjährt ist. Und dann greift er zum Hörer." Die nachgestellten Szenen appellieren zudem an die Gefühle der Zuschauer. Sie sehen, welche zum Teil schlimmen Folgen die Tat für ein Opfer hat. "Das löst Betroffenheit aus."

Auf diese Weise ist etwa im Jahr 2011 der Fall Lolita Brieger nach 29 Jahren aufgeklärt worden. Eine Mitwisserin sah die Sendung, in der auch über die inzwischen betagte Mutter des Opfers gesprochen wurde, und gab den entscheidenden Hinweis. Die Polizei ermittelte daraufhin den Täter - der jedoch wegen Verjährung nicht mehr verurteilt werden konnte - und fand die Leiche des Mädchens. 

Seit 1986 gehört Hettmer zum Team der Beamten, die im Studio an den Telefonen sitzen und die Anrufe der Zuschauer entgegennehmen, seit 2003 leitet er das Team. Immer am Ende der Sendung bespricht er mit Moderator Rudi Cerne die Zuschauerhinweise - und hat es so zu einem der wohl bekanntesten Kriminalbeamten des Landes gebracht. Im LKA sei er inzwischen aber nicht mehr als Ermittler in vorderster Front tätig, erzählt er. Hettmer leitet das Sachgebiet INPOL, das etwa die Informationsdatenbank der Polizei betreut.
Einige Tage vor der Sendung bekomme er die Fahndungsfotos und die Fälle von der XY-Redaktion zugeschickt, erzählt Hettmer. Daraus erstelle er Manuskripte für die Kollegen, die an den Telefonen sitzen. Acht Apparate sind pro Sendung besetzt. 150 bis 200 Zuschauerhinweise gehen ein. Das Studio ist bis 01.30 Uhr besetzt.
Von ein paar Besserwissern und Wichtigtuern abgesehen versuchten die meisten Anrufer ernsthafte Hinweise oder Tipps zu geben. "Sie fragen dann: Haben Sie das schon geprüft? Haben Sie da oder dort schon gesucht?" Manchmal seien die Hinweise sehr konkret: "Vor einigen Jahren war ein Anrufer sicher, dass er die gesuchte Person in einem Lokal in seinem Urlaubsort in Spanien erkannt hat." Als dann ein Zweiter und ein Dritter anriefen, die dort auch im Urlaub waren, habe sich die Sache schnell verdichtet.


Ermittler geben bei keinem Fall aus

Die meisten Hinweise habe es gegeben, als "Aktenzeichen XY" über die 2007 in Portugal verschwundene Maddie McCann berichtete. Gibt es Fälle, die so aussichtslos sind, dass die Ermittler aufgeben? "Nein. Dieser Punkt wird nie erreicht. Ein ungeklärter Fall wird nie hundertprozentig zu den Akten gelegt." Man gehe vielleicht mit einem anderen Team dran, sagt Hettmer. Auch die Technik habe sich verbessert - was bei Altfällen hilfreich sei. Mittels DNA-Analyse könnten Verdächtige überführt oder Unschuldige entlastet werden.

Manchmal seien die Ermittler schon während der Sendung dicht am Ziel. So habe einmal eine Zuschauerin ein Betrügerpaar erkannt. Es hatte sich in ihrer Ferienwohnung eingemietet. Als die Beamten anrückten, war das Paar weg - es hatte den Beitrag wohl selbst gesehen. "Das war ganz knapp damals. Die Ofenplatte war noch warm." In einem anderen Fall stellte sich ein Täter vor der Ausstrahlung. "Weil er nicht wollte, dass Freunde und Bekannte sein Bild im Fernsehen sehen."