Zwischen Schrankwand, Couch, Ölofen und Blumentapete setzt der Zahnarzt Volkmar Göbel vorsichtig die Spritze für die lokale Betäubung. Mit einer Stirnlampe leuchtet er in den Rachen der 80-jährigen Elisabeth Egert, die es sich - so gut es geht - im Rollstuhl bequem macht. Wenn Göbel seinen Gerätekoffer auspackt, wird das Wohnzimmer der Patienten zur Zahnarztpraxis. Der Doktor aus dem unterfränkischen Gössenheim (Landkreis Main-Spessart) bietet Hausbesuche an - und bietet damit als mobiler Zahnarzt in Bayern eine Antwort auf den demografischen Wandel.

Wie viele mobile Zahnärzte es in Bayern gibt, wird statistisch nicht erhoben. Insgesamt gibt es in Bayern rund 8600 niedergelassene Zahnärzte. Nach derzeitigen Schätzungen der Bayerischen Landeszahnärztekammer (BLZK) bieten im Moment einige hundert Zahnmediziner auch Hausbesuche an. Nach Angaben der Kammer ist das ein neuer Trend: "Die Zahl wächst schnell", sagt BLZK-Präsident Christoph Benz. Der Grund sei die wachsende Zahl pflegebedürftiger Menschen. "Die Kollegen haben diese neue Aufgabe rasch erkannt."

Bayern war zudem Vorreiter mit einem Konzept, dass Zahnärzte in die Pflege- und Seniorenheime bringt. Die BLZK sei die erste Kammer in Deutschland gewesen, die dieses Patenzahnarzt-Konzept eingeführt habe. Auch die Bundespolitik hat den Handlungsbedarf erkannt und mit dem seit Januar 2012 geltenden Versorgungsstrukturgesetz unter anderem finanzielle Anreize geschaffen, um die ärztliche Versorgung auf dem Land und für Pflegebedürftige sicherzustellen.


Anfragen schon vor zehn Jahren



Göbel war in Bayern einer der ersten Zahnärzte auf Rädern. Erste Anfragen von Patienten gab es schon vor rund zehn Jahren. "Einige konnten einfach nicht mehr in die Praxis kommen", erinnert sich der 53-Jährige, der seit 1988 praktiziert. Sie brachten den Stein ins Rollen: Gerade Menschen im Rollstuhl, Patienten mit Demenz, Gelähmten, Unfallopfern und Bewohnern von Senioren- und Pflegeheimen sei es fast unmöglich, die Zahnarztpraxis zu besuchen. Anfangs besuchte er sie freitagabends und samstags, mittlerweile tourt er an drei Nachmittagen im Umkreis von 50 Kilometern durch die Dörfer.

Wenn Göbel mit seiner mobilen Praxis in die Wohnzimmer kommt, zieht er Zähne, entfernt Zahnstein, repariert Füllungen und nimmt Abdrücke für Prothesen. Die Grenzen erreicht Göbel bei der Chirurgie, aufwändiger Prothetik und Wurzelbehandlungen. Er behandelt rund 150 Patienten in deren eigenen vier Wänden und noch einmal so viele in einem Gesundheitszentrum in Gemünden (Landkreis Main-Spessart).


Ausrüstung im Kofferraum



Die Ausrüstung für die Behandlung passt in den Kofferraum eines Kleinwagens: Sie besteht aus einer mobilen Behandlungseinheit in der Größe einer Trolleys mit Absaugmaschine, Kompressor, Bohrer, Ultraschall und einem mobilem Röntgengerät. In den Fächern eines metallenen Rollkoffers liegen medizinisches Einweg-Besteck, Einmal-Handschuhe, Medikamente, Pasten, Tupfer und Tücher. Die Krankenkassenkarte seiner Patienten liest er per Laptop ein. Eine Mitarbeiterin aktualisiert während der Behandlung die Patientenakte.

Deutschlandweit gibt es nach Auskunft von Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, einige Projekte, die durch ein "hohes Maß an freiwilligem Engagement getragen werden". Aber auch er kennt keine Zahlen. Der höhere personelle und zeitliche Aufwand der Zahnärzte, die immobile Patienten versorgen, müsse sich in entsprechenden Vergütungen niederschlagen. Zudem müsse der ambulanten Versorgung Älterer mehr Beachtung geschenkt werden. Rund zwei Drittel der Pflegebedürftigen würden im häuslichen Umfeld versorgt.

Bei der Alterszahnheilkunde gebe es noch "große Lücken", sagt auch Göbel. Sie sei im Studium kaum Thema und auch in der Praxis tue sich wenig. Einige immobile Patienten waren seit mehreren Jahren nicht mehr beim Zahnarzt. "Das ist braches Land, das die Zahnärzte beackern müssen." Göbel hofft, dass seine Idee Schule macht. "Die älteren Patienten sind so dankbar, dass ihnen geholfen wird, das motiviert ungemein", sagt Göbel. Für Patientin Egert ist der Besuch des Zahnarztes enorm wichtig. "Käme Herr Göbel nicht vorbei, fiele der Arztbesuch wohl aus."