Vögel zwitschern aufgeweckt im Morgengrauen, Blütenpollen fliegen durch die milde Januarluft und die ersten Frühblüher lugen bereits aus der Erde: Der bislang milde Winter bringt die Natur in Bewegung. Von einer Ausnahmeerscheinung mit drastischen Auswirkungen für Flora und Fauna wollen die Klimaexperten und Biologen deshalb jedoch nicht sprechen. "So ungewöhnlich warm ist es derzeit eigentlich nicht. Solche Schwankungen haben wir immer wieder", sagte Josef-Valentin Herrmann von der Bayerischen Landesanstalt für Gartenbau und Weinbau mit Sitz im unterfränkischen Veitshöchheim.

Auch der bereits schwach umherschwirrende Blütenstaub der Hasel sei kein Indiz für ein außergewöhnliches Phänomen: Haselsträucher hätten in den vergangenen 30 Jahren stets irgendwann zwischen dem 3. Januar und dem 15. März geblüht.

"Das ist eine ganz natürliche Variabilität von neun Wochen", so der Pflanzenexperte.
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat bereits reagiert und vor wenigen Tagen seine Pollenflugvorhersage gestartet. Auch er spricht trotz des warmen Winters von einem berechenbaren Trend. "Im langfristigen Mittel beginnt der Frühling in Deutschland immer früher", sagte DWD-Sprecher Uwe Kirsche. Im Vergleich mit den 1960er Jahren verabschiede sich der Winter im Mittel bereits eine Woche früher. Der diesjährige Winter bleibe zunächst warm: "Auch, wenn es in den kommenden Tagen ein wenig kühler wird, ein Kälteeinbruch ist derzeit nicht absehbar", sagte Kirsche.

Die wärmeliebende Tierwelt freut sich und kriecht aus ihren Löchern: Die Polizei meldete in dieser Woche, dass sich eine "leibhaftige Ringelnatter" in einer Hofeinfahrt in Niederbayern gesonnt hatte. Die Tiere verbringen den Winter eigentlich in frostsicheren Verstecken. Experten des Landesbundes für Vogelschutz in Bayern (LBV) sichteten bereits eine Blindschleiche und auch zahlreiche Grasfrösche. Molche hätten bereits die Wanderung zur ihren Laichgewässern begonnen.

Vor allem die heimischen Vögel profitieren nach LBV-Angaben von den milden Tagen.

"Beeinflusst von der angenehmen Witterung und den länger werdenden Tagen beginnen sie mit der Balz und stecken ihr Revier ab", sagte LBV-Vogelexperte Alf Pille. Deshalb zwitschern sie derzeit so früh. Durch ihren Gesang markierten Meisen, Kleiber, Amseln oder Rotkehlchen schon jetzt die besten Reviere und sicherten sich gute Voraussetzungen für die Brutsaison, sagte Pille.
"Sollten die Temperaturen nun langsam wieder sinken, bricht dieses Verhalten zugunsten der Nahrungssuche sofort wieder ab." Die Pflanzen- und Tierwelt komme mit Temperaturschwankungen generell gut zurecht. Problematisch werde es erst dann, wenn den milden Wintertagen eine plötzliche und längere Kälteperiode folge oder wenn sich kalte und warme Phasen in der Winterzeit in rascher Folge abwechselten.
"Durch die wärmeren Tage erwachen sie aus ihren Ruhephasen, ihr Stoffwechsel verdoppelt sich und sie brauchen mehr Energie", erklärte LWG-Agrarbiologe Herrmann. Diese Reservestoffe bräuchten Pflanzen und Tiere eigentlich im Frühling. Auch ihre Abwehrkräfte seien deshalb geschwächt. Im schlimmsten Fall können bei den Bäumen und Sträuchern starke Frostschäden auftreten, die sich dann im Frühjahr bemerkbar machen", so Herrmann. Verzögerter Austrieb und erfrorene Knospen können die Folge sein. Karge Landschaften erwartet der Agrarbiologe indes nicht. "Die Regenerationspotenz der Pflanzen ist durchaus gegeben." dpa