München
Kirche

"Lüge der Kirche" - Ex-Mönch Bilgri kritisiert Kirche wegen Zölibat scharf

Ein Drittel der Priester ist wohl heterosexuell aktiv, ein Drittel homosexuell und nur ein Drittel versucht sich ans Zölibat zu halten. Ist die Regelung zeitgemäß - oder lügen sich alle gegenseitig in die Tasche?
Artikel drucken Artikel einbetten
Drei Priesteranwärter des Erzbistums Freiburg falten am 09.05.2010 im Münster in Freiburg während ihrer Weihe zum Priester die Hände. Der Priestermangel lässt das Unverständnis über das Eheverbot wachsen. Foto: Rolf Haid dpa/lby
Drei Priesteranwärter des Erzbistums Freiburg falten am 09.05.2010 im Münster in Freiburg während ihrer Weihe zum Priester die Hände. Der Priestermangel lässt das Unverständnis über das Eheverbot wachsen. Foto: Rolf Haid dpa/lby

Vor fast 15 Jahren machte Anselm Bilgri bundesweit Schlagzeilen, weil er das berühmte Kloster Andechs verließ und aus dem Benediktinerorden austrat. Ein Grund dafür, dass er kein Mönch mehr sein wollte, so sagt er heute, sei auch der Zölibat gewesen. Jetzt fordert der 64-Jährige in seinem neuen Buch die Abschaffung der erzwungenen Ehelosigkeit für katholische Priester. Es heißt "Bei aller Liebe".

Oberhaider Pfarrer Hartmann entscheidet sich für die Liebe

Frage: Herr Bilgri, warum haben Sie dieses Buch geschrieben?

Antwort: Anlass sind zwei anstehende Synoden in Rom. Jetzt im Herbst geht es bei der Bischofssynode um die Jugendarbeit der Kirche. Und da muss man aus meiner Sicht das Thema kirchliche Berufe, Zölibat und Nachwuchssorgen schon ansprechen. Und im nächsten Frühjahr findet die sogenannte Amazonas-Synode statt, bei der die Bischöfe aus dem Amazonasgebiet zusammenkommen und dem Papst hoffentlich mutige Vorschläge machen - wie zum Beispiel die Abschaffung des Zölibats und die Weihe bewährter Männer, der sogenannten viri probati.

Franziskus ermuntert die Bischöfe, kreative und mutige Vorschläge zu machen - und ich dachte, vielleicht kann man die Bischöfe mit so einem Buch ebenfalls ermuntern. Das ist aber natürlich utopisch.

Frage: Was ist denn aus Ihrer Sicht das Problem am Zölibat?

Antwort: In meinem Buch spreche ich von einer Lüge der Kirche. Sie lügt sich selbst in die Tasche, indem sie eine Forderung aufstellt, die immer schon schwierig einzuhalten war. Und heute, in unserer Zeit, in der Sexualität kein Tabu-Thema ist, ist es noch schwieriger. Der Zölibat soll ein Zeichen sein, das auf das Jenseits verweist, wo es keine Ehe mehr gibt. Aber dieses Zeichen wird heute auf keinen Fall mehr von den Menschen verstanden - ganz im Gegenteil, weil man viele Priester dazu zwingt, ihre sexuellen Empfindungen heimlich zu leben.

Frage: Wie viele Priester schaffen es denn tatsächlich, durchzuhalten?

Antwort: Es gibt eine Schätzung, die davon ausgeht, ein Drittel der Priester ist heterosexuell aktiv, ein Drittel homosexuell und ein Drittel versucht es redlich, sich daran zu halten. Dabei sind es gerade die Konservativen, die besonders streng mit sich sind, die irgendwann merken, dass es nicht klappt - und das macht dann oft noch verbitterter, weil man unter einem ständigen Gewissensdruck steht.

Frage: Ist der Zölibat schuld am Priestermangel?

Antwort: Auch. Als Joseph Ratzinger zum Priester geweiht wurde, wurden mit ihm noch 40, 50 Priester in Freising geweiht - in diesem Jahr drei. Das liegt sicher auch an unserer säkularisierten Gesellschaft, aber eben auch an der Familienpolitik der Kirche der vergangenen 50 Jahre. Diejenigen, die heute noch Priester werden, wollen ein katholisches Milieu, das es so gar nicht mehr gibt. Darum sind die jungen Priester heute insgesamt sehr konservativ.

Frage: Sie selbst haben festgestellt, dass der Zölibat nichts für Sie ist - und haben das Kloster verlassen. Haben Sie diesen Schritt jemals bereut?

Antwort: Nein. Aber die 30 Jahre im Kloster waren auch eine schöne Zeit. Ich habe weder den Eintritt bereut noch den Austritt.

ZUR PERSON:

Anselm Bilgri war noch keine 30 Jahre alt, als Joseph Ratzinger, der spätere Papst, ihn 1980 zum Priester weihte. Jahrelang arbeitete Bilgri danach als Wirtschaftsleiter des Klosters Andechs - bis er bei der Abt-Wahl übergangen wurde. Als er 2004 aus dem Kloster und dem Benediktinerorden austrat, machte er bundesweit Schlagzeilen. Heute lebt Bilgri in München. Er arbeitet als Unternehmensberater, hält Vorträge, lehrt an der Hochschule München - und schreibt Bücher.