Die "Plastinaten" sind keine Geheimgesellschaft, die im Verborgenen die Welt mit Kunststoff überziehen will. Es sind Meister im Konservieren menschlicher Leichname. Oberste Prämisse: den Verwesungsprozess aufhalten. Dafür injizieren sie Formalin über die Körper-Arterien, legen die Toten in eine Azeton-Lösung, die das komplette Körperwasser entzieht. Anschließend wird in der Vakuumkammer das Azeton gegen Silikonkautschuk ausgetauscht. Der dringt in jede Pore, jede Zelle.

Das alles soll auch mit Carmen und Roland Richter geschehen. Irgendwann. Das Ehepaar sitzt gut gelaunt im Wohnzimmer seines Hauses in Neuenmarkt (Kreis Kulmbach). An der Wand hängen Bilder von Leuchttürmen und Meeresbrandung. Man möchte sagen: Die Atmosphäre ist heimelig, lebensbejahend geradezu. Dennoch wird der Tod hier nicht totgeschwiegen.
Die Richters wissen genau, was nach ihrem Ableben mit ihrer beider sterblichen Überreste geschehen soll: Sie wollen sich der medizinischen Forschung übergeben - um als Ganzkörper-Präparat dereinst irgendwo auf der Welt ausgestellt zu sein in Gunther von Hagens "Körperwelten".

Richters sind fasziniert von Körperwelten

Ein Fernsehbeitrag vor sieben Jahren über seine Methode zur Leichenkonservierung und ein Besuch in von Hagens Plastinarium in Guben, einen Knochenwurf entfernt von der Grenze zu Polen, lassen den Entschluss zügig reifen. "Das ist doch allemal besser, als sich von den Würmern anfressen zu lassen", bekundet Carmen Richter und untermauert das Gesagte mit entwaffnendem Lächeln. Die 47-Jährige gibt zu: "Es mag viele abstoßen, sich tote Föten zu betrachten oder mitanzusehen, wie mittels Wasser und Erbsen in einer Schüssel die Knochen eines menschlichen Schädels gesprengt werden. Mich faszinieren die Zusammenhänge des Lebens und ich bewundere Gunther von Hagens, wie er das so plastisch hinbekommt."

Ehemann Roland teilt die Begeisterung seiner Frau. Beide sind beim Institut für Plastination (IfP) in Heidelberg als Körperspender registriert. Dort ist auch hinterlegt, dass sich die Eheleute als Ganzkörper-Plastinat zur Verfügung stellen. In welcher Pose? "Ach, eigentlich egal", sagt Roland Richter. Der früher aktive Fußballer kann sich vorstellen, als Sportler in die Ausstellung zu kommen. "Ich hätte auch nichts dagegen, wenn man meinen Körper für die Darstellung des Sexualakts heranzieht." Carmen Richter lächelt wieder. "Ich auch nicht, aber es muss dann nicht mit seinem Körper sein - ihn hatte ich ja schon mein ganzes Leben lang."

Etwa 1500 Stunden werden die Präparatoren pro Neuenmarkter Leichnam beschäftigt sein. "So können wir der Wissenschaft und damit den Menschen noch einen letzten Dienst erweisen." Roland Richter blättert im "Körperwelten"-Ausstellungskatalog. "Die Ärzte von morgen müssen sich ja am Objekt weiterbilden." Nicht am lebenden in diesem Fall.

Der Sohn war geschockt vom Entschluss der Eltern

Pietätloses können die Richters im Tun Gunther von Hagens nicht erkennen. "Wir haben gesehen, wie würdevoll mit den Körpern umgegangen wird." Beide betonen, sie könnten ohnehin nicht viel anfangen mit hiesigen Beerdigungsriten. "Es ist ja auch eine Geldfrage. Und außerdem wollen wir keinem die Grabpflege auferlegen."
Auch nicht Sohn Nino. Der war 2007, als 15-Jähriger, zunächst geschockt vom letzten Willen seiner Eltern. "Mittlerweile kommt er klar damit", sagt Roland Richter. Der Sprössling würde sich Vater und Mutter sogar anschauen, wenn die mal nicht mehr sind.

Allerdings wird er dann keine der plastinierten Leichen zweifelsfrei als seine Eltern identifizieren können, denn: Sobald der Tod ein- und der sterbliche Rest abgetreten ist, wird der Tote zur Nummer. "Das soll Anonymität gewährleisten", sagt Melanie Ebert. Die Sprecherin der Ausstellung "Körperwelten - Eine Herzenssache" auf dem Quelle-Areal in Nürnberg (sie dauert bis 11. Februar) erklärt das Prozedere: "Die Körperspender sollten schnellstmöglich nach dem Ableben entsprechend gekühlt werden. Dann schicken wir das Bodymobil vorbei zur Abholung." Das alles ist für die Spender kostenlos. Die persönlichen Daten verwaltet ein Notar. "Jeder kann jederzeit sein Einverständnis widerrufen." Aktuell haben sich in Deutschland 10 000 Spender vormerken lassen, die meisten sind aus Bayern.

"Das wundert mich", sagt Roland Richter und zieht die Augenbrauen hoch. "Wo hier doch die kirchliche Beerdigung quasi das Maß aller Dinge ist." Nicht für ihn. "Ich bin zwar katholisch erzogen, aber es hat nicht die Bedeutung für mich." Was er aber lebe, das ist der Gedanke der Nächstenliebe. Seit Jahrzehnten ist er als Organspender eingetragen und auch bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) typisiert. "Ich sage immer: Mich kann man ausschlachten."

Der Tod an sich habe für ihn vor zwei Jahren seinen Schrecken verloren. Nach einer Nierenstein-OP bekommt der 53-Jährige eine Blutvergiftung und fällt kurzfristig ins Koma. "Es wurde unheimlich hell um mich. Ich fühlte mich ganz leicht und hatte überhaupt keine Schmerzen." Dann hört er diese Stimme. Einladend, ganz lieb. "Sie fragte mich, wen ich als erstes begrüßen will, wenn ich drüben bin: meine verstorbenen Eltern oder meine Großeltern." Kurz darauf wird er in dieses Leben zurückgeholt. "Seither weiß ich, dass die Seele eine ganz andere Reise antritt. Wenn mein Körper seine Schuldigkeit getan hat, dann kann ich ihn für wissenschaftliche Zwecke ausstellen. Das bin dann nicht mehr ich."