München
Ankerzentren

Große Kritik an Ankerzentren: "Strukturelle Gefährdung des Kindeswohls"

Im Landtag kritisierten Experten die umstrittenen Ankerzentren für Asylbewerber in Bayern: Besonders Kinder litten dort unter den Umständen der Unterbringung. Für sie besteht sogar eine Gefährdung des Kindeswohls laut Psychologen.
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In Bamberg steht eines der Ankerzentren, die nun im Landtag herber Kritik ausgesetzt sind. Foto: Ronald Rinklef
In Bamberg steht eines der Ankerzentren, die nun im Landtag herber Kritik ausgesetzt sind. Foto: Ronald Rinklef

Es war eine Idee der CSU: In Bayerns Ankerzentren sollen Asylbewerber durch die Zusammenführung aller zuständigen Behörden schnell Klarheit über ihre Zukunft bekommen. Bei einer Expertenanhörung im Landtag kritisierten jedoch Juristen und Wohlfahrtsverbände eine unzureichende Beratung der Migranten in den Einrichtungen und warnten vor einer zu langen Aufenthaltsdauer. Vor allem für Kinder sei die Unterbringung völlig ungeeignet.

Kinder im Ankerzentrum: Strukturelle Gefährdung des Kindeswohl

"Die Lebensbedingungen in Ankerzentren machen Kinder und Jugendliche krank", meint der Kinderpsychologe Daniel Drexler, der seit Jahren Flüchtlingskinder betreut. Viele Kinder seien von der Flucht traumatisiert und litten in den anonymen Unterkünften unter mangelnder Privatsphäre. Die Einrichtungen seien eine "strukturelle Gefährdung des Kindeswohls", sagt Drexler.

So sehen das auch Bayerns Wohlfahrtsverbände: Kinder lebten in den Ankerzentren in einer "angstbesetzten Umgebung". Auch ihr Menschenrecht auf Bildung werde oft nicht ausreichend berücksichtigt. Dies gelte umso mehr, als die gesetzlich festgeschriebene Obergrenze von sechs Monaten Aufenthalt oft überschritten werde, beklagt der Münchner Rechtsanwalt Hubert Heinold: "In der Realität müssen auch Familien mit Kindern bis zu 24 Monate in den Ankerzentren bleiben."

Leben im Ankerzentrum: Höhere Effizienz

Die inzwischen in allen bayerischen Regierungsbezirken etablierten Einrichtungen sollen sowohl die Asylverfahren selbst, als auch Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern beschleunigen. Ein Ziel, das laut dem Chef des zuständigen Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf), Hans-Eckhard Sommer, zumindest bei den Verfahren erreicht werde 2,2 statt 2,4 Monate dauerten diese dort im Schnitt. Nur fünf Prozent aller Fälle benötigten mehr als drei Monate. Auch bei der Identitätsfeststellung seien die Ankerzentren deutlich effizienter.

Sommer verwahrte sich zudem gegen den Vorwurf, der Zeitgewinn gehe zu Lasten der Flüchtlinge: Die Verfahren seien in den Ankerzentren "ebenso sorgfältig wie in den anderen Aufnahmeeinrichtungen". Eine verlängerte Aufenthaltsdauer liege vor allem an langen Verwaltungsgerichtsverfahren.

Der Bamf-Chef wehrte sich gegen den Vorwurf, Flüchtlinge unzureichend zu beraten: Sein Haus führe erfolgreich eine "unabhängige staatliche Verfahrensberatung" durch. Der weitgehende Ausschluss nicht staatlicher Berater und Anwälte aus den Ankerzentren untergrabe "die Chance auf ein faires Verfahren", findet Katharina Grote vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Viele Fälle würden deshalb erst langwierig vor Gericht geklärt.