Hof
Fall Peggy

Geständnis im Fall Peggy: "vollkommen unglaubwürdig"

Das Geständnis von Manuel S. bringt Bewegung in den Fall der toten Peggy aus Lichtenberg. Nun könnte sogar Ulvi K. wieder in den Fokus der Ermittler rücken. Auch dessen ehemaliger Anwalt Michael Euler hält dies für denkbar.
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Michael Euler (l.) und sein Mandant Ulvi K. am 14. Mai 2014: An diesem Tag sprach das Landgerichts Bayreuth K. vom Vorwurf an Peggy frei.  Foto: David Ebener, dpa
Michael Euler (l.) und sein Mandant Ulvi K. am 14. Mai 2014: An diesem Tag sprach das Landgerichts Bayreuth K. vom Vorwurf an Peggy frei. Foto: David Ebener, dpa

Am 7. Mai 2001 verschwand die neunjährige Peggy in ihrem Wohnort Lichtenberg (Landkreis Hof). Am 30. April 2004 verurteilte das Landgericht Hof den Lichtenberger Ulvi K. wegen Mordes an Peggy zu einer lebenslangen Haftstrafe.

Die Halbwertszeit des Urteils erwies sich als gering. Am 9. Dezember 2013 ordnete das Landgericht Bayreuth die Wiederaufnahme des Verfahrens an; am 14. Mai 2014 wurde K. freigesprochen. Zu verdanken hatte er dies auch der akribischen Arbeit seines Anwalts Michael Euler.

Inzwischen hat der 41-jährige Manuel S. gestanden, Peggys Leiche beiseite geschafft zu haben. Getötet haben soll sie aber ein anderer. Euler hält diese Darstellung für unglaubwürdig. Ihr ehemaliger Mandant Ulvi K. soll dem Vernehmen nach jener Mann sein, von dem Manuel S. die tote Peggy übernommen haben will. Können Sie das bestätigen?

Michael Euler: Ich habe darüber keine offiziellen Informationen. Dass Manuel S. in den Vernehmungen Ulvi K. belastet hat, habe ich auch nur unter der Hand erfahren, sowie der Presse entnommen. Ich kann es mir im Übrigen aber sehr gut vorstellen, dass Manuel S. Ulvi belastet. S. hat lediglich gestanden, die tote Peggy in den Wald gebracht zu haben. Da stellt sich die große Frage, von wem er das tote Mädchen übernommen haben will: von einem unbekannten Dritten? Oder war es Manuel S. am Ende doch selbst, der Peggy getötet hat? Von allen Möglichkeiten ist es für S. am bequemsten, Ulvi zu belasten.

Für wie glaubwürdig halten Sie die Angaben von Manuel S.?

Er hatte jetzt 17 Jahre Zeit, um sich eine Version für den Fall zurechtzulegen, dass ihm die Polizei eines Tages doch noch auf die Schliche wegen der Leichenverräumung kommt. In dieser Zeit konnte er sich so einiges ausdenken.

Sie schenken S. keinen Glauben?

Ich halte die Einlassungen von Manuel S. für vollkommen unglaubwürdig. Er will am hellichten Tag an einem Bushäuschen mitten in Lichtenberg ein totes Mädchen übernommen haben. Ausgerechnet an dem Tag, an dem - soweit mir bekannt ist - er Geburtstag hatte. Dann will er Peggy in eine rote Decke gewickelt und mit dem eigenen Auto in den Wald geschafft haben. Wer macht so was? Warum hat er keinen Notarzt gerufen? Und welches Motiv sollte Manuel S. gehabt haben, Ulvi in einer derartigen Situation überhaupt zu helfen?

Weil sich Manuel S. und Ulvi K. kannten und mochten.

Sie kannten sich allenfalls vom Sehen aus dem Dorf. Dass sie sich mochten, stimmt meines Wissens nicht. Das hat mir die Mutter von Ulvi erst jetzt wieder bestätigt. S. und Ulvi waren sich nicht grün. S. wollte mit Ulvi nichts zu tun haben und machte das laut der Mutter von Ulvi auch immer wieder sehr deutlich. S. soll sich verächtlich gegenüber Ulvi verhalten haben. Warum also sollte er vor diesem Hintergrund Ulvi helfen, die tote Peggy im Wald zu verstecken? Das passt nicht zusammen.

Allerdings soll Ulvi K. diese Version gegenüber der Polizei selbst einmal artikuliert haben. Er habe Peggy getötet, Manuel S. habe ihre Leiche anschließend weggeschafft.

Das war eine von mehreren Tatvarianten, die Ulvi der Polizei präsentiert hat. Zuvor hatte er aber auch schon Bekannte aus Hamburg bezichtigt, ihm bei der Verräumung der Leiche geholfen zu haben. Diese hielten sich zum Tatzeitpunkt aber nachweislich gar nicht in Hamburg auf. Später hat Ulvi ja auch seinen Vater beschuldigt, die Leiche beseitigt zu haben. Hier hätte es dann doch nahe gelegen, bei der "wahren" Version mit Manuel S. zu bleiben, als dann den eigenen Vater zu beschuldigen.

Hatten Sie mit Manuel S. je persönlich zu tun?

Nicht persönlich. Aus den Akten ist er mir bekannt, bei Gericht ist er nicht als Zeuge vernommen worden. Ich kannte bis zur Presseberichterstattung noch nicht einmal sein Gesicht.

Passt die Darstellung von Manuel S. mit dem zusammen, was Sie im Zuge des Wiederaufnahmeverfahrens selbst über den Tattag in Erfahrung gebracht haben?

Nein, überhaupt nicht. Wir wissen, dass Peggys Schulbus an diesem Tag Verspätung hatte. Er kam erst um 13.24 Uhr in Lichtenberg an. Und Ulvi hatte nach den Ermittlungen der Soko II lediglich für die Zeit zwischen 13 und 14 Uhr kein Alibi. Ab 14 Uhr war er beim Holzhacken, dann beim Kaffeetrinken und abends ist er noch mit dem Bürgermeister nach Naila gefahren. Das Entscheidende aber ist: Es gibt darüber hinaus mehrere Zeugen, die Peggy am Tag ihres Verschwindens noch am späten Nachmittag gesehen haben wollen. Das alles lässt für mich nur einen Schluss zu: Ulvi kann Peggy nicht getötet haben. Er war es nicht.

Also war es Manuel S.?

Das herauszufinden, ist jetzt die Aufgabe der Ermittler. Ich hoffe, dass sie sich mit dem derzeitigen Stand nicht zufrieden geben werden.

Fürchten Sie das?

Es wird auch bei den Ermittlern das große Bedürfnis geben, den Fall endlich einmal zu den Akten legen zu können. Für die Polizei könnte sich die derzeitige Aussage als Win-Win-Situation darstellen. Auf der einen Seite wäre der Fall dahingehend aufgeklärt, dass man weiß, wer die Leiche beseitigt hat. Auf der anderen Seite könnte die Polizei behaupten, dass man schon seinerzeit Ulvi als den richtigen Täter ermittelt hat. Aufgrund des Strafklageverbrauchs könnte Ulvi nicht erneut angeklagt werden, die Leichenverbringung durch Manuel S. wäre verjährt. Das Problem ist nur, dass dieses Szenario nicht zu den damaligen und jüngeren Ermittlungen passt. Denn Peggy ist noch in den späten Abendstunden durch Zeugen gesehen wurde.

Wie interpretieren Sie die Entscheidung der Ermittler, Manuel S. auf freiem Fuß zu belassen?

Diese Entscheidung hat mich sehr verwundert. Wie gesagt: Man kann meines Erachtens seine Aussagen nicht für bare Münze nehmen. Allerdings muss die Polizei ihm ein Tötungsdelikt erst einmal nachweisen. Vielleicht hat die Entscheidung, ihn auf freiem Fuß zu lassen, auch ermittlungstaktische Gründe. Vielleicht überwacht die Polizei bereits sein Telefon. In Bayern ist die Polizei damit oft sehr schnell. Vielleicht verplappert sich Manuel S. ja tatsächlich am Telefon.

Wird Ulvi K. nochmals von Ermittlern befragt werden?

Dies ist möglich.

Könnte Ulvi K. im Fall Peggy überhaupt ein weiteres Mal angeklagt werden? Er ist 2014 rechtskräftig freigesprochen worden. Zwar sieht die Rechtsordnung auch eine Wiederaufnahme zuungunsten des Freigesprochenen vor. In diesem Fall müssten unter anderem Zeugen allerdings bewusst falsche Angaben gemacht machen. Nachdem weder S. noch seine Mutter im Zuge des Wiederaufnahmeverfahrens ausgesagt haben, würde ich diese Möglichkeit ausschließen. Das Gespräch führte Christoph Hägele.