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Garching
Zwischenfall

Garching bei München: Radioaktivität an Forschungsreaktor ausgetreten - Konsequenzen nach Panne gefordert

An einem Forschungsreaktor in Garching nahe München ist Radioaktivität ausgetreten. Es handelt sich um einen meldepflichtigen Zwischenfall. Der Reaktor ist wegen Corona-Beschränkungen derzeit nicht in Betrieb. Grüne und Umweltschützer fordern Konsequenzen.
 
Garchinger Forschungsreaktor FRM II
Am Garchinger Forschungsreaktor FRM II ist Radioaktivität ausgetreten. Der Jahresgrenzwert des radioaktiven Nuklids C-14 sei überschritten worden, teilte die Technische Universität München (TUM) als Betreiberin auf ihrer Homepage mit. Foto: Peter Kneffel (dpa)

Am Forschungsreaktor FRM II in Garching bei München ist Radioaktivität ausgetreten. Der Jahresgrenzwert des radioaktiven Nuklids C-14 sei überschritten worden, teilte die Technische Universität München (TUM) als Betreiberin auf ihrer Homepage mit. Es sei eine "geringfügige Überschreitung" des in der Betriebsgenehmigung festgelegten Wertes bei der C-14-Ableitung über den Kamin in die Atmosphäre festgestellt worden.

Der Jahresgrenzwert sei um rund 15 Prozent überschritten worden, sagte FRM II-Sprecherin Anke Görg auf Anfrage am Samstag. Bei einer Ausschöpfung des Grenzwertes liege die theoretische Belastung der Bevölkerung bei maximal 3 Mikrosievert. Das sei weniger als der Wert bei einer Röntgenaufnahme beim Zahnarzt. Für Menschen und Umwelt hat nach Angaben der Betreiber zu keiner Zeit Gefahr bestanden.

Reaktor wegen Corona nicht in Betrieb: Atom-Aufsichtsbehörde entscheidet zu weiterem Vorgehen

Wegen der Corona-Beschränkungen ist der Betrieb des Reaktors seit 17. März auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, da Gastwissenschaftler nicht vor Ort arbeiten können. Welche Auswirkungen der Vorfall für den weiteren Betrieb habe, sei offen. Darüber müsse das bayerische Umweltministerium als atomrechtliche Aufsichtsbehörde entscheiden.

Die Meldung sei nach der atomrechtlichen Meldeverordnung in die "Kategorie E" als eilbedürftig eingestuft worden, habe aber nach der internationalen Bewertungsskala (INES) die Stufe 0, das stehe für keine oder eine sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung.

Grüne und Umweltschützer forderten Konsequenzen aus dem Vorfall. "Mit Überschreitung des Jahresgrenzwerts für den C-14-Ausstoß darf der Reaktor in diesem Jahr nicht mehr angefahren werden", sagte der Fraktionschef der Grünen im Landtag, Ludwig Hartmann. Es dürfe keine zusätzliche radioaktive Belastung der Menschen in der Nähe des Meilers geben. "Wir müssen jetzt eine grundlegende Debatte über den Forschungsreaktor führen." Die neue Panne zeige, dass die Betreiber den Reaktor nicht im Griff hätten. "Das ist bei einem Atommeiler nicht hinnehmbar." Er glaube auch nicht an den "individuellen Fehler eines einzelnen Arbeiters".

Neue Panne an Reaktor in Garching - Grüne: Betreiber haben Reaktor nicht im Griff 

Der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Bayern, Richard Mergner, äußerte sich "sehr besorgt" und forderte eine Stillegung. Er halte den Betrieb derzeit wegen der Nutzung von hochangereichertem Uran ohnehin für nicht mehr durch die Betriebsgenehmigung gedeckt. Ähnlich äußerten sich Hartmann und Heinz Smital von Greenpeace. Der Forschungsreaktor falle seit Jahren durch eine schlechte Sicherheitskultur auf, kritisierte Smital. Dies schade aber nicht nur der Umwelt, sondern auch dem wissenschaftlichen Betrieb.

Die Emissionen fanden vom 20. bis 26. März sowie vom 2. bis 7. April statt. Im April sei der erhöhte Wert aus dem ersten Quartal bei der routinemäßigen Überprüfung durch das Bundesamt für Strahlenschutz und das eigene Labor des FRM II aufgefallen. Der Wert habe noch unter dem in der Betriebsgenehmigung festgelegten Grenzwert gelegen, dennoch sei auf eine monatliche Auswertung umgestellt worden. Am Donnerstag habe die Gesamtauswertung dann den überhöhten Wert erbracht. Aus Wetterdaten der Tage mit C-14-Emissionen sei berechnet worden, dass der Niederschlag auf dem Betriebsgelände des FRM II oder in unmittelbarer Umgebung stattgefunden haben müsse.

Das C-14, das etwa in der Archäologie zur Altersbestimmung organischer Materialien benutzt wird, hat laut Görg eine Halbwertzeit von 5730 Jahren. Am FRM II entsteht es in Form von Kohlendioxid bei einer Kernreaktion im Reaktorbecken, das auch beim Stillstand des Reaktors gefüllt ist. Der Vorfall geschah bei der routinemäßigen Reinigung des sogenannten Schweren Wassers. Ursache des Vorfalls sei ein Fehler bei der Montage einer Trocknungseinrichtung gewesen. Nach der Überschreitung der Werte seien alle Trocknungsvorgänge unverzüglich eingestellt worden.

FRM II ist leistungsstarke Neutronenquelle: Forschungsprojekt zum Coronavirus?

Der FRM II ist wegen des hochangereichertem Uran umstritten. Atomgegner und Grüne forderten deshalb die Abschaltung, sie sprechen von waffenfähigem Material. Derzeit gibt es Fortschritte bei der Suche nach einem niedriger angereicherten Brennstoff. Wegen der Einleitung von potenziell schwach radioaktivem Wasser in die Isar hatte es im vergangenen Jahr Bürgerproteste und Einwendungen gegeben, die in einem Anhörungsverfahren mit Umweltschützern, Anwohnern und Behörden erörtert wurden. Es seien aber keine Klagen eingereicht worden, die Frist sei inzwischen abgelaufen, sagte Görg.

Viele Wissenschaftler warteten dringend auf das Wiederanfahren des FRM II, der als eine der leistungsstärksten Neutronenquellen weltweit auch für die Industrie und die Medizin bedeutsam ist, sagte Görg. Es gebe auch schon Anfragen für Forschungsprojekte zum Coronavirus.