München
Münchner Sicherheitskonferenz

Explosive Lage: "Gefahr einer Konfrontation der Großmächte groß wie nie"

"Abgrundtiefes" Misstrauen und folgenreiche Missverständnisse: Die Gefahr eines militärischen Konflikts zwischen den Großmächten wird immer realer.
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Ein vom US-Militär zur Verfügung gestelltes Bild zeigt amerikanische Soldaten, die sich in einer M109A6 Paladin Panzerhaubitze auf eine Gefechtsübung auf dem Truppenübungsplatz bei Grafenwöhr vorbereiten. Die Gefahr eines militärischen Konflikts zwischen den Großmächten wird immer realer, sagt ein Experte. Foto: Markus Rauchenberger/US Army/dpa
Ein vom US-Militär zur Verfügung gestelltes Bild zeigt amerikanische Soldaten, die sich in einer M109A6 Paladin Panzerhaubitze auf eine Gefechtsübung auf dem Truppenübungsplatz bei Grafenwöhr vorbereiten. Die Gefahr eines militärischen Konflikts zwischen den Großmächten wird immer realer, sagt ein Experte. Foto: Markus Rauchenberger/US Army/dpa
Jahr für Jahr geben sich Staatspräsidenten, Regierungschefs, Minister, Chefs internationaler Organisationen, Sicherheitsexperten und Spitzenmanager im Münchner Hotel "Bayerischer Hof" ein Stelldichein. Die Sicherheitskonferenz findet dieses Jahr zum 54. Mal statt.

Am Rande der Konferenz warnt der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, vor der explosiven weltpolitischen Lage: Seit dem Ende der Sowjetunion hat es seiner Einschätzung nach "noch nie eine so hohe Gefahr auch einer militärischen Konfrontation zwischen Großmächten" gegeben. Das Misstrauen beispielsweise zwischen der Militärführung in Washington und in Moskau sei "abgrundtief", sagte Ischinger am Freitag im Deutschlandfunk.

Die Kontakte, die es früher zuhauf gegeben habe, seien im Wesentlichen eingefroren. "Die Gefahr von Missverständnissen, denken Sie an die Vorgänge in und um Syrien, denken Sie an die Vorgänge in und um Nordkorea, die Gefahr von Fehlkalkulationen, von ungewollten eskalatorischen Manövern ist größer, als ich sie in Erinnerung habe über die letzten 30 Jahre hinweg", sagte Ischinger.

Die Gründe für diese "unglückselige Entwicklung" sieht der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz unter anderem in der neuen Rolle der USA unter Präsident Donald Trump. "Immer häufiger, so ist mein Eindruck, wird versucht, nicht nur mit Waffen zu drohen, sondern den Waffeneinsatz tatsächlich zu praktizieren, um eigene Interessen durchzusetzen.

Woran liegt das?", fragte Ischinger. "Es liegt daran, dass eine große Ordnungsmacht, ein Weltpolizist, um es salopp auszudrücken, in der Form, wie wir ihn längere Jahre, vielleicht Jahrzehnte hatten, nicht mehr existiert", so Ischinger. "Die USA haben sich doch in sichtbarer Weise von dieser früheren Rolle zurückgezogen, insbesondere im Nahen und Mittleren Osten."

Alle wesentlichen Infos zur Münchner Sicherheitskonferenz auf einen Blick:

DAS SETTING: Die Münchner Sicherheitskonferenz hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem der bedeutendsten Foren für Außen- und Sicherheitspolitik weltweit entwickelt - vor allem wegen des informellen Charakters. Oftmals wird gerade in München Klartext gesprochen, weil es sich um keine offizielle, staatlich organisierte Konferenz handelt, sondern sozusagen um ein privates Treffen. Viele Teilnehmer nutzen die Gelegenheit zu vertraulichen, bilateralen Gesprächen am Rande - in einem der vielen Hinterzimmer des Nobelhotels "Bayerischer Hof" mitten in München. Die Konferenz dauert rund 48 Stunden, von Freitag- bis Sonntagmittag.

DIE TEILNEHMER: Unter den rund 500 Teilnehmern werden knapp 20 Staats- und Regierungschefs sowie knapp 80 Außen- und Verteidigungsminister erwartet. Der geschäftsführende Außenminister Sigmar Gabriel (SPD), US-Verteidigungsminister James Mattis und - zum ersten Mal - Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu haben ihr Kommen angekündigt.

DIE THEMEN: Beherrschendes Thema wird die US-Außenpolitik sein, ein Jahr nach dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump. Der Syrien-Krieg und die Spannungen im Nahen Osten werden ebenfalls Schwerpunkte der Konferenz sein. Auch die Zukunft Europas ist weit oben auf der Agenda angesiedelt. Es geht in München aber auch um den Ukraine-Konflikt, den weiteren Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat und die Zukunft der Nato.

DIE SICHERHEIT: Die Münchner Innenstadt wird wieder zur Hochsicherheitszone. Ein großes Polizeiaufgebot von 4000 Beamten soll die Konferenz schützen. Der Bereich um den Veranstaltungsort wird weiträumig gesichert. So werden mehrere Straßenzüge gesperrt. Die Polizei rechnet mit mehr als 20 Versammlungen, so hat das "Aktionsbündnis gegen die Nato-Sicherheitskonferenz" am Samstag zu einer Kundgebung mit rund 4000 Aktivisten aufgerufen.

DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE: Der deutsche Verleger Ewald von Kleist hatte das Treffen ins Leben gerufen: Er lud 1963 zur ersten "internationalen Wehrkundebegegnung". Ziel von Kleists, der 1944 zu den Mitverschwörern um den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehörte, waren der sicherheitspolitische Austausch von Experten aus den USA und Westeuropa sowie die Stärkung der transatlantischen Beziehungen. Inzwischen heißt das Forum "Münchner Sicherheitskonferenz". Konferenzleiter ist der frühere deutsche Botschafter in London und Washington, Wolfgang Ischinger.
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