München
Medizin

Streit um Asthma-Produkt: "Das riecht stark nach Korruption"

Christoph Klein erfindet eine neue Inhalierhilfe für Asthmatiker. Patienten und Krankenkassen sind begeistert, doch eine Behörde lässt das Produkt verbieten. 18 Jahre lang kämpft der Erfinder vergeblich dagegen. Jetzt könnte er doch noch Recht bekommen.
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Eine Frau benutzt die klassische L-förmige Asthma-Inhalierhilfe. Ein Unternehmer entwickelte einen neuen Aufsatz. Das Produkt wird aber verboten.  Foto: dpa
Eine Frau benutzt die klassische L-förmige Asthma-Inhalierhilfe. Ein Unternehmer entwickelte einen neuen Aufsatz. Das Produkt wird aber verboten. Foto: dpa
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Christoph Klein ist ein lebensfroher Mensch. Am Telefon lacht der gebürtige Rheinländer immer wieder schallend los. Dabei ist dem 48-Jährigen eigentlich nicht zum Lachen zumute. Durch die Einflussnahme deutscher Behörden und die Untätigkeit der EU-Kommission wurde seine Firma in die Insolvenz getrieben. Klein lacht trotzdem. Ein Rheinländer mit ganz viel Galgenhumor.

Rückblick: 1993 erfindet der Unternehmer eine neue Inhalierhilfe für Asthmatiker. Sie ist gerade, nicht L-förmig wie die herkömmlichen. "Die L-Form funktioniert nachts im Liegen nicht richtig", erklärt Klein, der selber seit seinem vierten Lebensjahr an Asthma leidet. Patienten, Institute und Krankenkassen sind begeistert. Das Gerät lässt sich nämlich viel besser dosieren und spart so eine Menge Arzneikosten.


Regierung schaltet sich ein

Klein lässt den "Broncho-Air" von einer Firma in Sachsen-Anhalt produzieren. Der Vertrieb in Martinsried bei München läuft anfangs wie geschmiert, nach sechs Monaten sind 30 000 Geräte verkauft. Doch dann gibt es erste Probleme. Vertreter der Pharmaindustrie ziehen vor Gericht. Ihr Argument: Der Aufsatz ergibt zusammen mit dem Medikament eine neue Arznei und muss deshalb klinisch untersucht werden. Alles Quatsch, sagt Klein. "Die Inhaltsstoffe bleiben die gleichen. Die wollten einfach keine Konkurrenz. Am Telefon hat ein Manager zu mir gesagt: Wir sind eine große Familie. Wir machen sie fertig."

Vor Gericht bekommt Klein Recht. Doch der Prozess ist erst der Anfang. Plötzlich schaltet sich die Regierung von Oberbayern ein. Auch sie sagt: Das Gerät ist gefährlich. Nach langem hin und her verbietet Sachsen-Anhalt die Inhalierhilfe. "Ein Skandal! Ich denke, die Behörden sind von der Industrie eingespannt worden. Das riecht stark nach Korruption."

In solchen Fällen fungiert die EU-Kommission als eine Art Schiedsrichter. Sie prüft, ob das Produkt tatsächlich gefährlich ist und zu Recht vom Markt genommen wurde. Doch das EU-Organ reagiert nicht. Zehn Jahre lang. Klein wartet ab, beschwert sich, klagt - aber nichts passiert. "Wenn wirklich derart gravierende Bedenken bestanden haben, warum wurde dann nicht schnellstmöglich reagiert? Die Behörde hat mich um meine Rechte betrogen."


Insolvenz im Jahr 2009


Weil sich nichts tut, bringt der Unternehmer das Produkt 2003 unter einem anderen Namen auf den Markt. Aus "Broncho-Air" wird "effecto". Prompt folgt ein neues Verbot. Und wieder wartet Klein vergeblich auf eine Entscheidung der EU-Kommission. Es kommt, was kommen musste: 2009 meldet Kleins "atmed AG" Insolvenz an.
Klein gibt nicht auf. Er kontaktiert Politiker, Wissenschaftler, Anwälte. Mit Erfolg: Im EU-Parlament rumort es. Und es tut sich etwas. Mitte letzter Woche stellt der Europäische Gerichtshof (EuGH) fest, dass die Kommission verpflichtet gewesen wäre, eine Entscheidung über das Vertriebsverbot zu treffen. Stellt das Gericht jetzt noch die Haftung der Kommission fest, könnte eine Schadensersatzprozess gigantischen Ausmaßes folgen. Laut Klein liegt der Schaden für Europas Krankenversicherte im zweistelligen Milliardenbereich. "Der Kommission stehen sicherlich die Schweißperlen auf der Stirn."

Von Schweißausbrüchen ist man dort noch weit entfernt - zumindest scheint es so. Pressesprecherin Katrin Abele gibt auf Anfrage an, dass der EuGH noch keine abschließende Entscheidung gefällt habe. Im laufenden Verfahren werde die Kommission daher weiter die Ansicht vertreten, "dass der Kläger keinen Anspruch auf Zahlung von Schadensersatz hat, der vom Haushalt der EU zu tragen wäre."



Christoph Klein ist sich sicher, dass er Recht bekommt. Aus seiner Sicht ist sein Fall ein trauriges Beispiel dafür, wie Behörden und Interessenverbände illegale Absprachen treffen. Schon alleine deshalb will er sich als Vorstand des Münchner Vereins "Justiz-Opfer" weiterhin ehrenamtlich für andere Menschen einsetzen. "Die Dunkelziffer ist groß", weiß der 48-Jährige, der sein Durchhaltevermögen geerbt hat. "Ohne den Dickschädel meines Vaters hätte ich schon längst aufgegeben."


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