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Mehr Südtirol als Franken im BR

Dominiert in der Berichterstattung des Bayerischen Rundfunks das südliche Element? Werden die fränkischen Regierungsbezirke benachteiligt? Fragen, die von kritischen Zeitgenossen mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden. Der BR sieht das natürlich ganz anders.
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Bayern ein homogenee Staatsgebilde? Das ist mehr Wunsch als Wirklichkeit. Auch wenn die politisch Verantwortlichen nicht müde werden, eben dieses zu behaupten. Wie sollte das auch funktionieren? Franken und Bayern, das sind zwei unterschiedliche Mentalitäten, unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Biografien, unterschiedliche Befindlichkeiten. Gerade was letztere angeht, fühlt sich der Franke allzu oft von den Altbayern bevormundet.

Auch und gerade dann, wenn es um die Darstellung ebendieser freistaatlichen Befindlichkeiten durch den bayerischen Rundfunk geht. Alles altbayerisch und damit südlich dominiert, Franken findet mehr oder weniger nicht statt. So wird immer wieder nördlich der Donau kolportiert. Und das, obwohl die gut fünf Millionen Franken mehr als 40 Prozent der bayerischen Bevölkerung stellen. An solch fränkischer Missstimmung vermag auch ein Franken-Tatort nichts zu ändern. Aber stimmt das wirklich? Werden die fränkischen Landesteile benachteiligt? Das stimmt natürlich. Sagt der Bamberger Rechtsanwalt Manfred Hofmann, der deshalb Klage gegen den BR erheben will (siehe nebenstehenden Bericht).

Das stimmt natürlich, sagt auch Professor Günter Dippold, seines Zeichens Bezirksheimatpfleger in Oberfranken und intimer Kenner des fränkischen Gemüts.

Die Beweise

Dippold liefert auch Beweise für seine Meinung: Von September 2011 bis Februar 2013 hat er über 18 Monate 76 Folgen der Sendung "Unter unserem Himmel" ausgewertet. Sein Ergebnis muss aus fränkischer Sicht nachdenklich stimmen: Über Österreich wurden mehr Beiträge ausgestrahlt als über ganz Franken zusammen. Südtirol, das etwa so groß ist wie Oberfranken und halb so viele Einwohner hat, hatte mehr Sendezeit zur Verfügung als jeder fränkische Bezirk. Und weiter: Über Schwaben wurde so oft berichtet wie über ganz Franken zusammen. Und: Es gab über Oberbayern anderthalbmal mehr Ausstrahlungen als über ganz Franken zusammen. Ein Zufall? Nein, sagt Professor Dippold. Und verweist aufs nächste Beispiel, die Sendung "Zwischen Spessart und Karwendel". Insgesamt 174 Beiträger hat er in der Zeit von 3. Dezember 2011 bis 9. Februar 2013 ausgewertet. Ergebnis: 29 Beiträge beschäftigen sich mit Niederbayern, 52 Beiträge mit Oberbayern - also knapp die Hälfte aller Beiträge. Ganz Franken erreichte dabei nicht die Zahl der Beiträge von Oberbayern. Eine gewisse Besserung sei erst nach direkter Intervention beim BR ein getreten. Zur Vervollständigung seiner Beweiskette führt Dippold die letzten Sendungen von "Unter unserem Himmel" an. Da habe am Palmsonntag unter dem Titel "Fastentuch und Osterei"eine Reise durch Kärnten stattgefunden, am 12. April werde man sich mit der im Wandel begriffenen Ortschaft Schwangau im Ostallgäu auseinandersetzen, und eine Woche später soll es um Autobahngeschichten zwischen München und Salzburg gehen. Franken? Fehlanzeige. Hat eine solche Form der Berichterstattung zum Beispiel wirtschaftliche Folgen für das benachteiligte Franken? Im Bereich des Tourismus etwa? Nein, sagt Olaf Seifert, Geschäftsführer des fränkischen Tourismusverbands. Wohl auch deshalb, weil man sich bei der Vermarktung der Regionen bayernweit schon um Ausgewogenheit bemüht. Wobei mit Blick auf den BR auch ein Olaf Seifert Verwunderung erkennen lässt, wenn es um die hohe Zahl an Beiträgen aus Österreich und Südtirol geht.

Frankens besondere Rolle

Und was sagt der Bayerische Rundfunk zu den Vorwürfen aus Franken? Zu den Hinweisen von Rechtsanwalt Hofmann erst mal gar nichts. Äußern wolle man sich erst dann, wenn formell Klage eingereicht worden sei, so Pressesprecher Markus Huber. Zudem: Der Bayerische Rundfunk werde der besonderen Rolle Frankens im Freistaat durch den hervorgehobenen Stellenwert der Berichterstattung aus Franken und für Franken in vielfältiger Weise gerecht. Teilt Huber mit. Und verweist darauf, dass allein aus dem Nürnberger Studio Franken von rund 400 Mitarbeitern jährlich rund 3000 Stunden Radio- und Fernsehprogramm produziert würden. Zudem betreibe man in Würzburg auch noch das Regionalstudio Mainfranken. Und bei Langformaten wie "Unter unserem Himmel" würden Themen aus allen Regierungsbezirken berücksichtigt. Eine Aussage, die auch Professor Dippold unterschreiben könnte. Allerdings versehen mit der Einschränkung, dass der Süden dabei besser wegkommt als der fränkische Norden.

So tickt der echte Franke



Die fränkische Identität gibt es eigentlich gar nicht, Wie auch? Historisch ist da nichts gewachsen. Bis vor 200 Jahren einem Flickenteppich unterschiedlichster Herrschaften und Konfessionen zugehörig, war es erst Napoleon, der für eine Einheit unter dem Dach des Königreichs Bayern sorgte.

Die Abgrenzung Frank-Markus Barwasser interpretiert die Suche des Franken nach Identität dahingehend, dass der Franke vor allem weiß, was er nicht sein will: ein Bayer.

Die Mentalität Das wiederum hat etwas mit der unterschiedlichen Mentalität von Franken und Altbayern zu tun. Der Franke ist eher abwartend, neigt nicht zu Gefühlsausbrüchen. Sein Credo: nicht geschimpft ist genug gelobt. Dafür ist er zuverlässig, stellt aber sein Licht unter den Scheffel. Und jammert gern. Dabei könnte er mit seinem Erfindungsreichtum protzen. Warum? Die Jeans wurden in Oberfranken (Buttenheim) erfunden, der Airbag in Unterfranken (Aschaffenburg) und der MP3-Player in Mittelfranken (Erlangen).

Der Vorbehalt Der Altbayer ist anders. Weshalb der Franke Vorbehalte hat. Der Bayer strotzt vor Selbstbewusstsein, hält sich für unübertrefflich (mir san mir). Was andere denken, ist ihm egal. Wesenszüge, die der Franke nicht kennt und schon gar nicht mag.




Kommentare - Pro und Contra

Von wegen Heimatsender (Klaus Angerstein): Dass Franken bayrisch ist, darf nicht den Franken angelastet werden. Napoleon sorgte vor 200 Jahren dafür, dass aus einem leicht rückständigen Herzogtum durch Zuschlag fränkischer Landesteile ein vorzeigbares Königreich entstand. Der Bayerische Rundfunk bzw. seine Redakteure haben diese für sie offenkundig neue politische Entwicklung noch nicht so recht verinnerlicht. Den ausgestrahlten Spielfilmen und Serien zufolge reduziert sich bayerisches Staatsgebiet derzeit auf eine Region irgendwo im Münchner Norden bis in die Gegend um Wolfratshausen im Süden. Kein Heimatsender also für die Gostenhofer oder Laibaröser. Das heißt: Für feinfühlig-sensible Franken vermag der Bayerische Rundfunk derzeit mit seiner krachledernen, altbairisch-schrullig und stenzigen Art in etwa so viel identitätsstiftendes Heimatgefühl zu vermitteln wie der Norddeutsche Rundfunk oder der arabische Sender Al Jazeera.

Hauptsache Qualität (Sebastian Martin): Es gab mal vor Jahren eine Sat1-Serie, die "Der König" hieß. Günter Strack spielte darin einen Kriminalkommissar, der in seiner Heimat Bamberg ermittelt. Das Problem: Von Bamberg sah man nichts und die Charaktere sprachen kein Wort fränkisch. Ganz so schlimm treibt es der Bayerische Rundfunk nicht. Doch zeigt sich an dem Beispiel: Eine Serie muss Qualität haben, alles andere ist egal.
Denn daran richtet sich alles aus: Ob Altbayern oder Franken ist für den Rundfunkgebührenzahler dann doch zweitrangig. Oder was interessiert den Coburger ein schlecht gemachter Film, der in Mittelfranken gedreht wurde? Auch wenn die Handlung in Oberbayern spielt: Solange das Drehbuch und die Umsetzung stimmen, sagt jeder doch gerne: Franken gehört zu Bayern!
Authentizität ist da nur ein Stichwort. Unterhaltung ein ganz anderes. "Der König" lockte wahrscheinlich keine Touristen nach Bamberg.