Er gilt als Deutschlands berühmtester Christkindlesmarkt. Für Viele ist er der Inbegriff deutscher Weihnachtsromantik, auch wenn er Jahr für Jahr mehr Konkurrenz bekommt. Wenn an diesem Freitag (25. November) der Nürnberger Christkindlesmarkt öffnet, werden nach Schätzungen der Stadt bis zum 24. Dezember wieder rund zwei Millionen Menschen das "Städtlein aus Holz und Tuch" besuchen. Für Nürnberg ist der bis heute streng reglementierte Markt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Elemente der früheren Wintermärkte


Dabei liegen die Ursprünge des Nürnberger Christkindlesmarkts - wie die der meisten deutschen Weihnachtsmärkte - weitgehend im Dunkeln. Klar ist nur: Mit vorweihnachtlicher Romantik im heutigen Sinn hatte der Nürnberger Christkindlesmarkt Anfangs wenig zu tun. Die entwickelt sich erst im 19. Jahrhundert. Dass sich bei einigen Weihnachtsmärkten - wie in Nürnberg - dennoch Elemente der früheren Wintermärkte erhalten haben, macht für Volkskundler ihren heutigen Charme aus.

Auch der Nürnberger Historiker und Stadtarchivar Horst-Dieter Beyerstedt will sich bei der Entstehung des Nürnberger Christkindlesmarktes nicht auf ein konkretes Jahr festlegen. Klar sei jedenfalls, dass es spätestens Ende des 17. Jahrhunderts in der Freien Reichsstadt einen florierenden Weihnachtsmarkt gab. Darauf weise die Erwähnung eines "Christkendleinsmarck" in der 1697 erschienen Nürnberger Stadtgeschichte des Altdorfer Professors Christoph Wagenseil hin.

Doch Beyerstedt ist sicher: Die Anfänge des Nürnberger Christkindlesmarkt reichen bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurück. Damals seien auf dem normalen Markt in der Adventszeit immer mehr Produkte angeboten worden, die im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Christfest standen. Die Impulse dafür habe der Reformator Martin Luther gegeben. Er sei im Zuge der Reformation dazu übergangen, seine Kinder nicht mehr am 6. Dezember - dem Namenstag des Heiligen Nikolaus - zu beschenken, sondern an Heiligabend.

Erstmals "Kindleinsbescheren"


Dem Vorbild des großen Reformators folgten bald auch viele Nürnberger Patrizier. So bezeugen Einträge im Haushaltsbuch des Patriziers Endres Imhoff, dass dort im Jahre 1564 die Bescherung der Kinder vom 6. auf den 22. Dezember verlegt wurde. Und auch im Haus von Paulus I. Behaim hielt man es seit diesem Zeitpunkt so. Dass sich im Zug der veränderten Schenkgewohnheiten ein eigener Markt entwickelte, darauf könnte ein Nürnberger "Ratsverlaß" aus dem Jahr 1610 hindeuten. Darin ist im Zusammenhang mit der Beschlagnahme "unzüchtiger Artikel" an einigen Marktständen erstmals von einem "Kindleinsbescheren" die Rede.

Im Jahre 1616 beklagt der Nürnberger Pfarrer Lüder von der Kirche St. Sebald, dass die Nachmittagspredigt am Heiligen Abend ausfallen musste, weil alle beim "Kindleinsbescheren" waren. Auf die Tradition des Kinderbeschenkens und damit auf die Existenz eines Weihnachtsmarktes weist auch eine als Geschenkverpackung genutzte Spanschachtel hin. Das aus dem Jahr 1628 stammende Behältnis trägt die Aufschrift "Kindlesmarkt".
Ihre heutige weihachtlich-romantische Prägung entwickelt sich bei den meisten Weihnachtsmärkten erst spät. So war etwa der bereits 1434 entstandene Dresdner Striezelmarkt ursprünglich ein freier Fleischmarkt, bei dem sich die Dresdner mit dem Festtagsbraten für Weihnachten versorgten. Nach und nach seien aber auf den im Weihnachtsvorfeld entstandenen Wintermärkten "Produkte angeboten worden, die es auf normalen Märkten nicht gab", berichtet etwa die Leiterin des Rothenburger Weihnachtsmuseums, Felicitas Höptner.

Heutige Form nach dem Wirtschaftswunder


Die Weihnachtsmärkte in ihrer heutigen Form entstanden nach ihrer Einschätzung erst mit dem deutschen Wirtschaftswunder. "Dabei entwickelte sich plötzlich eine neue Kultur des Schenkens. Und wer Geschenke sucht, bekommt Lust am Bummeln und Shoppen. Dem Trend kamen die Weihnachtsmärkte mit ihrer heimligen Atmosphäre sehr entgegen", urteilt die Chefin des Weihnachtsmuseums. Tatsächlich verzeichnete auch der Nürnberger Christkindlesmarkt Ende der 1960er Jahre einen Besucherboom.

Für den Volkskundler Berthold Heizmann vom Landschaftsverband Rheinland in Bonn hat der heutige Erfolg der Weihnachtsmärkte vor allem einen Grund: "Weihnachtsmarkt - das ist für Viele ein Stück Rückbesinnung auf ihre Kindheit", meint Heizmann, der sich seit Jahren mit dem Phänomen Weihnachtsmarkt beschäftigt. Wer in der Dämmerung über einen Weihnachtsmarkt laufe, "bei dem erwacht schnell die Erinnerung an frühere Heiligabende". Dazu trügen auch die Gerüche bei, die Märkte unverwechselbar machten: "Schließen Sie Augen und Ohren - allein an den Gerüchen von Glühwein und Lebkuchengewürzen wissen Sie, dass sie auf einem Weihnachtsmarkt sind".