Die Nürnberger könnten sich ein zweites Mal betrogen fühlen. Das erste Mal gingen sie vor über 200 Jahren einem Maler auf den Leim, dem sie Dürers Gemälde "Selbstbildnis im Pelzrock" zur Erstellung einer Kopie ausgeliehen hatten. Der gab ihnen prompt die Kopie zurück und verkaufte das Original in München. Von dort sollte das Dürerbildnis jetzt - leihweise wohlgemerkt - noch einmal nach Franken zurückkehren. Zur Bereicherung der Ausstellung "Der frühe Dürer", die von 24. Mai bis 2. September im Germanischen Nationalmuseum stattfinden soll. Aber: Die bayerische Staatsgemäldesammlung will das Bild nicht herausrücken. Aus, wie es heißt, konservatorischen Gründen. Also wieder nichts mit Kunst aus Franken, die in Franken ausgestellt werden soll. Da, wo sie entstand, da, wo sie eigentlich hingehört.

Die Argumentation der Verweigerer ist im Fränkischen sattsam bekannt.

Mit der gleichen Begründung wurde den Bambergern schon 2007 anlässlich ihres Bistumsjubiläums die Herausgabe der Glanzstücke des Bamberger Domschatzes verweigert. Anders als beim Dürer-Gemälde handelte es sich beim Domschatz um sogenannte Beutekunst-Kulturgüter also, die im frühen 19. Jahrhundert im Zuge der Säkularisation aus den früheren fränkischen Hochstiften und Reichsstädten nach München gebracht wurden.

Die Wunde klafft bis heute, zumindest nördlich der Donau. Da wäre es ein wenig Balsam gewesen, hätte der Franke seinen Dürer im Pelzrock einmal in Nürnberg bewundern dürfen. Das Nein aus München war dem Schwabacher Landtagsabgeordneten Karl Freller (CSU) denn auch zu viel. Er machte sein Ja zum geplanten neuen Münchner Konzertsaal abhängig von einem Ja zur Ausleihe von Dürers "Selbstbildnis im Pelzrock". Im speziellen Fall Dürer befürworteten auch die Minister Markus Söder (CSU) und Wolfgang Heubisch (FDP) die Leihgabe des Gemäldes.

Unmöglich dürfte das aus technischen Gründen jedenfalls nicht sein. Eine international tätige Kunstspedition bestätigte auf unsere Anfrage hin, derlei Gemälde durchaus schon transportiert zu haben.

Im Falle Dürers wird neben den Konservatoren allerdings das Haus Wittelsbach als Eigentümer das letzte Wort haben.
Und was wird aus dem fränkischen Herzogsschwert? Aus der Heinrichs- und der Kunigundenkrone? Aus Dürers apokalyptischen Reitern? Aus den Putten des Würzburger Hofgartens? Den Liedern Walters von der Vogelweide oder Wolfram von Eschenbachs Parzival und Willehalm?

Nach dem Streit um den Bamberger Domschatz hatte der Kulturausschuss des Landtags das Wissenschaftsministerium aufgefordert, eine Liste der bedeutenden Kunstgegenstände zu erstellen, die als Leihgabe oder dauerhaft nach Franken zurückkehren könnten. Das Wissenschaftsministerium hatte damals erklärt, dass Hauptwerke der abendländischen Malerei und der bildenden Kunst aus historischen Gründen ihren Aufbewahrungs- und Präsentationsort in München hätten. Zudem wurde auf die Eigentumsrechte des Hauses Wittelsbach verwiesen und - natürlich - auf konservatorische Gründe. Für Dürer in München scheint mehr zu sprechen.


Der Kommentar von Klaus Angerstein:

Mag ja sein, dass das Original der Heinrichskrone - weil zu fragil - nicht mehr transportiert werden kann. Trotzdem: Die Forderung nach Rückführung wichtiger fränkischer Kulturgüter steht weiter im Raum. Immer wieder sind es Ausstellungen und Jubiläen, die schmerzlich daran erinnern, dass viele Glanzlichter fränkischer Kultur inzwischen zu Ruhm und Ehre der Landeshauptstadt erstrahlen.
Es geht hier nicht darum, einigen unverbesserlichen fränkischen Separatisten das Wort zu reden. Es geht vielmehr um den berechtigten Wunsch einer Region, Zeugnisse ihrer großen Vergangenheit in möglichst umfassender Art und Weise zu präsentieren. Der Verdacht liegt nahe, dass oft genug eine sture und verbohrte altbayerisch geprägte Münchner Ministerialbürokratie Rück- oder Leihgaben zu verhindern weiß. Von der vom Kulturausschuss des Landtags dereinst geforderten Liste fränkischer Kulturgüter, die zurückgeführt werden können, ist nichts geblieben. Buchstäblich nichts.