Gut, dass Dieter Bullmann ein bisschen Bauch hat. Den braucht er jetzt. Er steht an der Werkbank, vor ihm liegt eine umgedrehte Mütze: Sie muss in Form kommen. Was dem Schuster sein Leisten, ist Bullmann ein fünfteiliges Holzset. Drei Klötze hat er schon in die Mütze eingelegt, für die beiden letzten braucht er Kraft. Und Bauch. Vorschieben, gegendrücken, klack: Leisten drin. Mütze umdrehen, mit flinkem Griff ein Tuch darüber und mit Dampf bügeln. Nähte festklopfen, damit alles schön glatt wird, nochmal bügeln, auskühlen lassen. Schirm antackern. Prüfender Blick, Endkontrolle Chef: Chef zufrieden. Jetzt wird die Mütze noch ausgestopft, damit sie den Transport unbeschadet übersteht, Bullmann sagt: "sehr wissenschaftlich mit Papier ausgelegt" und zwinkert.

Künsterlischer Name

Bullani, so hat Bullmann seinen eigenen Namen für seine Manufaktur abgewandelt. Sie liegt versteckt in einem Bamberger Hinterhof und ist gar nicht so leicht zu finden. Ein paar Schritte geradeaus, zur Seite, einmal um die eigene Achse - stimmt die Adresse? Dann fällt der Blick auf das Firmenschild an einem weißen Haus aus den 60-er Jahren. Auch drinnen alles im 60-er Stil, eine Treppe mit rotem Geländer führt hinauf in den ersten Stock. Erster Eindruck: überall Mützen, in allen Formen, Farben und Stoffen. Sie sind auf die Köpfe von Puppen drapiert, zieren die Wände des langen Flurs, lagern aufeinander zu Dutzenden in Regalen, fertig für den Transport und Fabrikverkauf. Auch Hüte auf Stoff, zum Beispiel Sonnenhüte, sind darunter. "Wir machen alles, was man nähen kann", erklärt Bullmann.

Mützenmacher: Bis 1999 ein Lehrberuf

Das Nähen liegt ihm im Blut. Erst hat er Schneider bei der traditionsreichen Bamberger Firma Greiff gelernt, dann Mützenmacher bei der Bamberger Mützenindustrie. Das war bis 1999 ein Lehrberuf. Nach 20 Jahren als Angestellter und später Betriebsleiter bei einer Mützenfirma in Marktzeuln machte sich Bullmann 1998 mit seiner Ehefrau Jutta selbstständig. Die gelernte Krankenschwester übernahm ein Bamberger Hutgeschäft und stand vorne im Verkaufsraum, während er hinten in der Werkstatt mit einer Mitarbeiterin seine Mützen nähte.

Das Geschäft lief bald so gut, dass die Firma mehr Platz brauchte und 2008 in das Haus im Hinterhof zog. Heute beschäftigen Bullmanns sechs feste Mitarbeiter und drei Aushilfen. "Wir sind selbst und ständig", sagt der Chef und zwirbelt seinen Schnurrbart. Er und seine Frau haben zehn Jahre lang keinen Urlaub gemacht, jetzt gönnen sie sich eine Woche im Sommer und vier Tage fürs Skifahren. Auch am Wochenende kommen sie in die Firma, um die Buchführung zu erledigen oder die Werkstatt zu putzen. Manchmal arbeiten sie Zuhause: In der Garage neben ihrem Wohnhaus steht die Lederzuschneidemaschine. Sie ist so schwer, dass man sie nicht in die Manufaktur nach Bamberg transportieren kann.

Der Zuschnitt ist der erste Teil der Mützenproduktion, in der jeder einzelne Schritt von Hand geschieht - und in der eigenen Werkstatt. Damit sei seine Firma in Deutschland eine Ausnahme, sagt Bullmann. Die großen Hersteller ließen im Ausland produzieren. Der Chef,, der privat immer eine Mütze trägt, öffnet gern die Werkstatttüren, Privatkunden bekommen immer eine Führung. Er bittet in den Schneideraum. Dort steht Elfriede Hartig an einem langen Holztisch und schneidet mit Schablonen die Grundformen aus verschiedenen Stoffen aus, die Bullmanns zwei Mal im Jahr auf der Stoffmesse in München einkaufen: Seide, Kaschmir, Wolle, Leinen, Leder. Das muss separat mit dem Kür schnermesser ausgeschnitten werden. "Ich habe mir letztes Jahr die Fingerkuppe abgesäbelt", sagt Jutta Bullmann und seufzt.

Maschinen mit Museumswert

Nach dem Zuschnitt geht es in die große Werkstatt, wo die Näherinnen die Maschinen rattern lassen. Es sind alte Maschinen, zwei haben schon 50 Jahre auf dem Buckel. Sie stammen aus der Konkursmasse von Bullmanns früherem Arbeitgeber. "Museumswert", sagt der Chef und lächelt. Aber die Maschinen schnurren wie am ersten Tag. "Sowas gibt's heute gar nicht mehr. Wenn man sie nachbauen lassen wollte, würde das bestimmt 20 000 Euro kosten", schätzt Bullmann.

Er stellt Inge Bockreiß vor. Sie kennt er seit seiner Zeit als Lehrling - 41 Jahre ist das her. Mit Gunda Folger hat er vor 30 Jahren in der Bamberger Mützenindustrie zusammengearbeitet, Monika Post war sein Lehrling. Jede Mitarbeiterin hat ihren Part: Nähte ausstecken, Ober st off nähen, Randeinlage und Futter einnähen, Hutrand annähen, Schirme zusammenbauen und annähen, Abnäher ausbügeln, damit die Mütze rund wird. Etwa eine halbe Stunde brauchen die Näherinnen für ein Modell. Der Chef wuselt zwischen den Arbeitsplätzen herum und setzt sich immer wieder schnell an eine freie Maschine und näht flugs einen Rand auf, ein Futter ein. Und, "schauen Sie”, Schirme antackern ist eh' seins: Zehn schafft er in drei Minuten.

Klassiker seit 100 Jahren

Jedes Jahr entstehen zwei Kollektionen: Kuba-, Baseball- und Sherlock-Holmes-Modelle, Mützen mit Fell, Uniformmützen für Kapitäne. Das Nähen von Uniformmützen hat Bullmann während seiner Lehre gelernt. Bei manchen - Herrensportmützen, Schieber- und Ballonmützen - hat sich die Form in den letzten Hundert Jahren kaum verändert. Bei Ballonmützen müssen die Näherinnen genau aufpassen: Sie haben acht Nähte. "Wenn die Naht nur einen Millimeter tiefer sitzt, passen die Mützen nicht. Deshalb muss hier genau gearbeitet werden", erklärt der Chef.
Gerade liegen unter den Nadeln die Teile für Sommer 2013, die im Herbst ausgeliefert werden sollen. "Wir produzieren ein Jahr im Voraus", erklärt Jutta Bullmann. Ihr Mann und ein Vertreter gehen mit Musterkoffern alle paar Wochen auf Reisen und zeigen den Kunden die neuesten Stücke. Hauptabnehmer sind Geschäfte in Deutschland, in Österreich, Luxemburg und in der Schweiz sowie der Edelvertrieb Manufaktum. Pro Jahr werden 8000 bis 10 000 Mützen ausgeliefert, für Manufaktum werden etwa 800 produziert. Im aktuellen Katalog des Luxusgeschäfts und -Versenders finden sich zwei Modelle von Bullani: eine Moleskin- und eine Schiebermütze für Herren. Die Produktbeschreibungen hören sich edel an, da ist von einem "stattlichen Materialgewicht, gewebt mit einem kräftigen Zwirn in der Kette und einer hohen Dichte im Schuss" die Rede.

Preise zwischen 35 und 160 Euro

Die handgefertigten Stücke kosten zwischen 35 und 160 Euro. Unter den Kunden sind aber auch Reedereien, Fluggesellschaften und Theater, die Sonderanfertigungen brauchen. Einmal hat Bullman eine Mütze mit 67 Zentimeter Kopfumfang genäht. Ein andermal kam ein Kunde mit einem besonderen Wunsch: "Er hat seinen Mantel abgeschnitten und aus dem Stoff eine Mütze nähen lassen." Sonderanfertigungen gibt's oft. Und jede ist auch ein Stück Bamberg: Das Firmenlogo zeigt das Alte Rathaus.


Mützengarten und Führungen

Während der Landesgartenschau in Bamberg, die am 26. April beginnt, gibt es einen "behüteten Garten". Darin werden Zwerge stehen, die Mützen von Bullani auf den Köpfen tragen.

Kunden dürfen Bullani bei der Mützenfertigung über die Schulter schauen. Es werden auch Führungen über die Volkshochschule angeboten sowie für Privatleute, wenn sich mindestens zwölf Personen anmelden.