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Schweinfurt
Bildung

Echte Helden sind gut zu Frauen

In dem Schweinfurter Projekt "Heroes" lernen migrantische Jugendliche, die patriarchalischen Werte und Traditionen ihrer Herkunftsländer zu hinterfragen.
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Ein Sohn muss tun, was sein Vater von ihm verlangt. Ansonsten verletzt er dessen Ehre. "Ein Sohn muss deshalb auch auf seine Schwester aufpassen. Zum Beispiel dann, wenn sie mit einem Jungen ausgeht, den der Vater nicht akzeptiert", sagt einer der Schweinfurter Heroes.

Er und die anderen Jungs wissen, wie sich das Leben in einer patriarchalischen Ehrenkultur anfühlen kann. Sie wissen es aus den Erzählungen anderer, oft aber auch aus eigener Erfahrung. Sie nennen sich Heroes, Helden also. Sie sind zwischen 16 und 21 Jahre alt und haben ihre Wurzeln in Syrien, Weißrussland, der Türkei, Albanien oder Tschetschenien. Sie stehen im Spagat zwischen den Traditionen ihrer Herkunftsgesellschaft einerseits und dem Wertekanon der deutschen Mehrheitsgesellschaft andererseits.


Wechsel der Perspektiven

"Heroes - gegen Unterdrückung im Namen der Ehre" nennt sich ein Projekt, in dem junge Männer aus archaisch-patriarchalischen Strukturen einmal in der Woche über Gleichberechtigung diskutieren, über Frauen, Gewalt, Homosexualität und ihren spezifischen Begriff von Ehre.
Ins Leben gerufen hat "Heroes" vor neun Jahren der palästinensisch-israelische Psychologe Ahmad Mansour. Bayerische Gruppen existieren inzwischen in München, Augsburg, Nürnberg und eben Schweinfurt. "Es geht um den Wechsel der Perspektiven. Um die Frage, was eine Frau fühlt und will", erklärt Chan, der seit einem halben Jahr ein Heroe ist.

Nicht immer sind Frauenbilder von Männern aus Ehrenkulturen mit den westlichen Vorstellungen vom Zusammenleben der Geschlechter vereinbar. Manchmal prallen sie auch unversöhnlich aufeinander.
Spätestens die Vorfälle aus der Kölner Silvesternacht haben die Gesellschaft genötigt, sich dem Zusammenhang zwischen Kultur, Religion und sexueller Gewalt zu stellen. Damals hatten vor allem Männer aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum Frauen bedrängt, bestohlen und sexuell belästigt.


Von Männern dominiert

Wer individuelles Fehlverhalten mit kulturellen Mustern begründet, begibt sich auf dünnes Eis. Verantwortungslos aber wäre es, die Diskussion aus Gründen der politischen Korrektheit erst gar nicht zu führen.

Die Bedeutung der Religion hält Mathias Rohe für vernachlässigenswert. "Die Muster aus patriarchalischen Gesellschaften in Nordafrika und dem Nahen Osten können aber problematisch sein", sagt der Erlanger Islamwissenschaftler. Patriarchalischen und damit von Männern dominiert sind Gesellschaften in seinen Augen immer dann, wenn gesellschaftliche Machtpositionen allein Männern vorbehalten sind. Sie sind Ernährer, Beschützer, Repräsentanten und Respektspersonen. Die Ehre der Frau dagegen hängt fast ausschließlich davon ab, ob sie noch als Jungfrau in die Ehe geht.

Über die Jungfräulichkeit der jungen Frauen zu wachen, ist oft Aufgabe ihrer Brüder. "Das verleiht jungen Männern Macht über Frauen und prägt ein negatives Bild von ihnen. Darüber muss gesprochen werden. Deshalb ist das ,Heroes'-Projekt so wichtig", sagt Rohe.


Doppelte Emanzipation

So steht "Heroes" auch für die Frage, ob sich junge Männer aus männlich dominierten Kulturen in europäische Gesellschaften integrieren können. "Ich will den Deutschen zeigen, dass ihr Bild von uns oft falsch ist. Wir sind nicht aggressiv und triebgesteuert", sagte einer der Schweinfurter Heroes.

Genau genommen geht es "Heroes" deshalb auch um eine doppelte Emanzipation: Denn um den Frauen mehr Freiheiten zugestehen zu können, müssen sich die jungen Männer zunächst aus ihren eigenen Rollenerwartungen befreien. Sie sollen die sein können, die sie sein wollen. Und nicht die, die sie aus Gründen der Tradition glauben sein zu müssen. "Das Patriarchat ist auch für Männer nicht immer lustig", sagt Rohe. Als Umerziehungsgruppe für migrantische Jugendliche versteht sich "Heroes" dennoch nicht. Zwar ist das von Geschlecht und sexueller Orientierung unabhängige Recht auf ein selbstbestimmtes Leben das nicht verhandelbare normative Fundament von "Heroes". "An dieser Grundüberzeugung müssen die Jungs ihr Handeln ausrichten", sagt Diyap Yesil.

Deren Einstellungen kategorisiert der Gruppenleiter dennoch nur sehr zurückhaltend als richtig oder falsch. Ungleich wichtiger ist ihm, dass die Jungs ihr Verhalten überhaupt zu reflektieren lernen. Allein dies erfordert großen Mut.

Denn die Diskussionen und Rollenspiele unter dem Dach von "Heroes" können die Jugendlichen mit den Werten ihrer Eltern immer wieder in Konflikt bringen. Allein deshalb ist der Name "Heroes" keine Anmaßung. "Manchmal werfen uns Eltern vor, dass wir ihnen ihre Kinder entfremden wollen", sagt die Schweinfurter Projektleiterin Claudia Federspiel.
Wer "Heroes" besucht, tut dies aus freien Stücken. Als Einwand ließe sich deshalb formulieren, dass die Teilnehmer für Fragen der Gleichberechtigung bereits ausreichend sensibilisiert sind, während diejenigen mit unverändert problematischen Einstellungen im Zweifel nie eine "Heroes"-Gruppe besuchen werden.


Ohne Bevormundung

Diese Deutung vernachlässigt jedoch das pädagogische Schneeballprinzip des Projekts. Denn nach einem Dreiviertel- jahr erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat. Anschließend besuchen die zertifizierten Heroes Schulen und diskutieren dort mit Jugendlichen über Geschlechterbilder und Ehrbegriffe. Heroes wie Chan sprechen die Sprache Gleichaltriger, sie kennen deren kulturelle Hintergründe und Codes: "Das ist authentischer, als wenn ein Erwachsener sprechen würde", sagt Federspiel.
So kommt "Heroes", dieses Projekt gegen patriarchalisches Denken, selbst ohne pädagogische Bevormundung aus.