Tradition und Fortschritt - für die Leiterin des Oktoberfests und dienstälteste Tourismuschefin Deutschlands ist das weniger Spagat als Einheit. Gabriele Weishäupl hat mehr als ein Vierteljahrhundert das Image Münchens in der Welt mitgeprägt, die Stadt als erste deutsche Tourismusmetropole 1995 im Internet positioniert und zugleich gerade auf dem Oktoberfest für den Erhalt des Brauchtums gekämpft. An diesem Dienstag (28. Februar) wird sie 65 Jahre alt, Ende März geht sie in den Ruhestand.

An die 10.000 Tage war sie dann im Amt, rechnet sie vor, rund 27 Jahre lang. Auch danach wird sie sich für den Tourismus und das Oktoberfest engagieren: Sie bleibt Vorsitzende des Vereins Oktoberfestmuseum, Vizepräsidentin des Deutschen Tourismusverbandes und Vizepräsidentin des Tourismusverbandes Oberbayern.

Die promovierte Kommunikationswissenschaftlerin hatte sich 1985 als Parteilose bei der Wahl zur Tourismus-Chefin im Stadtrat gegen CSU und Grüne durchgesetzt - und gegen 40 männliche Mitbewerber. Im Tourismus setzte die alleinerziehende Mutter eines inzwischen erwachsenen Sohnes Akzente auf für Bayern eher ungewöhnlichem Gebiet: Sie förderte den Schwulen- und Lesben-Tourismus. München wurde 1999 als erste Stadt Europas Mitglied in der "International Gay & Lesbian Travel Association". Mit einer Charme-Initiative bei Taxlern und Bedienungen bekämpfte sie Münchens Grantler-Image. Vor allem aber warb sie um Gäste aus dem Ausland. München gründete touristische Vertretungen weltweit, darunter die erste deutsche Vertretung in China.


Im Dirndl zur "Oktoberfest-Präsidentin" aufgestiegen



Anfangs war Weishäupl als "Botschafterin der Stadt" im Businesskostüm unterwegs. "Ich habe aber sehr schnell festgestellt, dass es viel mehr Furore macht, wenn ich im Dirndl komme." Sie stellte die Garderobe um. In den USA, in Afrika und Asien wurde sie nun als "President of the Octoberfest" vorgestellt. Elegantes Seidendirndl oder festliches Dirndl mit Familienschmuck für den Abend - über die Zahl ihrer Trachtenkleider wurde viel spekuliert. "Ein ewig Geheimnis will ich bleiben", zitiert sie dann den Märchenkönig König Ludwig II., dessen 125. Todestag sie 2011 mit dem Jubiläum 100 Jahre Blauer Reiter zum "Blauen Jahr" zusammengefasst hat.
Folgen der Wirtschaftskrise im Tourismus fürchtet Weishäupl nicht. Die "Weltstadt mit Herz" verzeichnet immer neue Besucherrekorde, knackte 2010 die Elf-Millionen-Marke bei den Übernachtungen und steuert 2011 trotz Krise und Regen-Sommers auf ein weiteres Plus zu.

Schlösser, Musik und Museen - damit präsentierte sie München unter dem Motto "Munich is more" und unterstrich den Anspruch einer Kultur-Hauptstadt, als Gegenpol zum Bier- und Lederhosen-Image. München dürfe sich nicht nur auf seine "Alleinstellungsmerkmale" Oktoberfest und Hofbräuhaus verlassen. "Wir müssen auch die anderen Seiten der Stadt aufschlagen und anbieten in der Welt."


Vorreiterin in Sachen Umweltverträglichkeit



Früh setzte Weishäupl, die das Bundesverdienstkreuz am Bande und den Bayerischen Verdienstorden trägt, auf Nachhaltigkeit. Ihr erstes "Radl-Sightseeing" 1987 stieß auf Befremden. "Damals haben die Leute gelacht, heute ist das Zeitgeist." Auch auf der Wiesn hielt Ökologie Einzug, 1997 gab es dafür den Bundesprojektpreis. Zugleich kehrt das Brauchtum zurück. Die "Oide Wiesn" mit Blasmusik und zünftigen Zelten wurde 2011 ein Renner - für Weishäupl ein Vorbild für die Zukunft der Wiesn und für andere Volksfeste. "Mit behutsamer Hand" müssten diese Biotope des Volkstums in die Zukunft geführt werden.

Mit Weishäupls Weggang wird das Tourismusamt umstrukturiert. Ihr Erbe bei der Wiesn tritt ihr Dienstherr an, Wirtschaftsreferent Dieter Reiter (SPD). Die Wiesn sei nicht seine unangenehmste Aufgabe, "und natürlich ist sie öffentlichkeitswirksam", sagte Reiter. Er will 2014 Christian Ude (SPD) als Oberbürgermeister beerben. Der Tourismus wird ein Fachbereich im Referat, die Leitung ist offen. Weishäupls letzte Amtshandlung wird am 29. März eine Pressekonferenz zur Tourismusbilanz sein. Und da wird sie jedenfalls noch einmal ein Rekordergebnis verkünden.