Als das Urteil gesprochen ist, beteuert Vera Brühne noch einmal ihre Unschuld. Echte Verzweiflung einer Frau, die Opfer eines Justizskandals wurde? Oder die perfekte Maskerade einer kaltblütigen Mörderin? Am 4. Juni vor 50 Jahren geht in München einer der berühmtesten Prozesse im Nachkriegsdeutschland zu Ende. Vera Brühne und ihr Jugendfreund Johann Ferbach werden wegen Mordes an dem Gynäkologen Otto Praun und dessen Haushälterin Elfriede Kloo zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Motiv: Habgier.

Doch die Zweifel sind gravierend. Praun soll in Waffengeschäfte verstrickt gewesen sein, von Schmiergeld und Geheimdienstaktivitäten ist die Rede. Freilich, auf den ersten Blick scheint die Sache klar zu sein. Die Öffentlichkeit weidet sich an der Vorstellung, die zweimal geschiedene Blondine habe ein Verhältnis mit Praun gehabt, um ihn finanziell auszunehmen. Die prüde Nachkriegsgesellschaft rümpft die Nase - und giert dann doch nach Details aus dem vermeintlich ausschweifenden Leben Brühnes. Die in gutbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsene Tochter eines Bürgermeisters aus Essen-Kray gibt sich vor Gericht selbstbewusst und widerspricht damit dem damals gängigen Ideal des stillen, zurückhaltenden Frauchens. Erst beim Urteilsspruch bricht sie zusammen.


Ein Mord für eine Villa?



Im April 1960 werden Praun und seine Haushälterin tot in seiner Villa am Starnberger See gefunden. Man geht von Selbstmord aus. Dann aber stellt sich heraus, dass Brühne Prauns Villa in Spanien erben sollte. Günther, der Sohn des Arztes, wird misstrauisch. Die Leichen werden exhumiert und obduziert. Das Ergebnis: Es war kein Suizid. Der Verdacht fällt auf Brühne, sie soll gemeinsam mit Ferbach den alternden Liebhaber umgebracht haben, um sich die spanische Villa zu sichern. Als Lohn habe sie Ferbach ein gemeinsames Leben im sonnigen Süden versprochen.

Gibt es Beweise? Eigentlich nicht. Schließlich sind beim Fund der Leichen keine Spuren gesichert worden, das holt die Polizei erst später nach. Brühnes Tochter gibt zunächst an, ihre Mutter habe ihr den Mord gestanden, widerruft diese Aussage aber später. "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein schreibt acht Jahre nach dem Urteil, der Indizienprozess sei "bis zum heutigen Tag ein fortwirkender Skandal geblieben".

Vor allem der Todeszeitpunkt ist strittig. Die Staatsanwaltschaft nimmt an, die tödlichen Schüsse auf Praun und Kloo seien am Gründonnerstag 1960 gefallen. Für diesen Zeitpunkt haben weder Brühne noch ihr Jugendfreund ein Alibi. Später gelangen Gutachter zur Ansicht, dass der Todeszeitpunkt später gewesen sein musste, also an Ostern. Für diese Tage aber haben die Angeklagten ein Alibi. Mehrere Anträge auf Wiederaufnahme werden gestellt. Alle schmettert die Justiz ab. Dabei glaubt nach neuerlichen Erkenntnissen zur Leichenstarre der Opfer das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" im Jahr 1973: "Für Vera Brühne sind Wiederaufnahmeverfahren, Freispruch und vorzeitige Haftentlassung so gut wie sicher."


Von Franz Josef Strauß begnadigt



Brühne wird schließlich 1979 begnadigt - von Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU). Es gibt Gerüchte, wonach Strauß sie deshalb aus dem Aichacher Frauengefängnis holen ließ, um weitere Nachforschungen in dem Fall zu verhindern. Brühne, das Bauernopfer in einem undurchsichtigen Skandal, der bis in die hohe Politik hinaufreichte?

Die Zweifel an ihrer Schuld machen sich vor allen an der Figur Prauns fest. Er soll, so heißt es, bei illegalem Waffenhandel die Hände nicht nur im Spiel gehabt haben, sondern für Schmiergeld aufgehalten haben. Musste er wegen solcher dunklen Machenschaften sterben?

Nach der Begnadigung lebt Brühne zurückgezogen in München. Sie stirbt 2001 im Alter von 91 Jahren. Noch nach ihrem Tod kämpft ihr Adoptivsohn David Wilfried Tasch um die Wiederaufnahme. Dem "Münchner Merkur" hat er gesagt: "Sie wollte keine Gnade, sondern Recht." Doch auch seine Bemühungen versanden.