Alle in die Delikte verstrickten Personen seien bereits verstorben. Es müsse jedoch von einer sehr viel höheren Zahl von Missbrauchsfällen ausgegangen werden, da durch die Vernichtung wesentlicher Akten "der Ungeist der Vertuschung erfolgreich war", fügte Westpfahl an, die gemeinsam mit weiteren Gutachtern mit der Sichtung von 13.200 Akten beauftragt worden war.

Untersucht wurde der Zeitraum von 1945 bis 2009, also auch die Amtsjahre von Josef Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI. Aus dessen Amtszeit sei lediglich der Fall eines Priesters im Münchner Süden dokumentiert, dem Ratzinger einen langen Brief geschrieben habe, er müsse die ihm angedrohten Sanktionen hinnehmen. Der Mann sei aus dem Priesteramt entlassen worden. "Nur dabei trat Ratzinger greifbar in Erscheinung", sagte Westpfahl.
Westpfahl gab zu, bei der Untersuchung oft an Grenzen gestoßen zu sein - nicht wegen mangelnden Aufklärungswillens, sondern wegen einer Aktenvernichtung im großen Stil. Wichtige Schriftstücke, die mögliche weitere Fälle von Sexualmissbrauch belegen könnten, seien unvollständig gewesen, einen Teil der Akten habe man nach dem Tod von Klerikalen in Privatwohnungen gefunden. Eine Zentralerfassung des Aktenbestandes, wie sie bei jeder Verwaltung üblich sei, existiere nicht.

Der Missbrauchsbericht macht auch vor gravierenden Vorwürfen gegenüber der katholischen Kirche im Umgang mit den Opfern nicht halt. Viele untersuchte Schriftstücke hätten einen "euphemistischen, verharmlosenden Sprachgebrauch". Die Auswirkungen auf das Opfer seien nur zu erahnen. Die betroffenen Kinder seien einer Vereinsamung ausgesetzt gewesen und gar nicht wahrgenommen worden, kritisierte Westpfahl.
Über die Täter fanden die Gutachter heraus, dass sie in einer Vielzahl von Fällen psychisch und physisch gering belastbar gewesen seien. Westpfahl sprach von "Wehleidigkeit und Selbstmitleid". Viele hätten sich hinter Krankheiten verschanzt und "Reifedefizite" aufgezeigt. Immerhin gehe es bei der überwiegenden Zahl der Täter um Männer zwischen 45 und 65 Jahren. Auffällig seien häufiger Alkoholmissbrauch gewesen sowie ein Auftreten der Fälle sexuellen Missbrauchs vorwiegend im ländlichen Bereich.

"Nach Auffassung der Gutachter findet die unterschiedlich ausgeprägte Bereitschaft, selbst gravierende Vergehen unaufgeklärt und ungesühnt zu belassen, ihre Wurzel in einem fehlinterpretierten klerikalen Selbstverständnis", sagte Westpfahl. Es gehe um ein brüderliches Miteinander, das sich dem rücksichtslosen Schutz des eigenen Standes verpflichtet fühle und Rechtfertigungen für Vertuschung suche. Homosexuell veranlagte Kleriker unterlägen bedauerlicherweise einem hohen Erpressungspotenzial.

Ein Missbrauchsbeauftragter, wie ihn die Deutsche Bischofskonferenz einsetzen will, müsse jährlich einen Bericht abliefern und weitestgehende Entscheidungskompetenzen erhalten, forderte die Juristin. Zudem müssten die berechtigten Opferinteressen noch besser berücksichtigt werden, angehende Priester durch unvoreingenommene Personen kritisch auf ihre Persönlichkeitsmerkmale hin zu prüfen.

Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx, der das Gutachten in Auftrag gegeben hatte, gab zu: "Es waren die sicher schlimmsten Monate meines Lebens." Er empfinde Scham, Traurigkeit und Betroffenheit. "Wir bitten als Kirche um Vergebung für das, was Mitarbeiter der Kirche getan haben." Die Glaubwürdigkeit der Kirche habe schweren Schaden genommen. epd