Memmingen
Verurteilt

Gelähmt, Blind und für immer Pflegefall: Vater schüttelte seine Tochter behindert - Urteil gefallen

Unvorstellbare Tat in Schwaben: Ein Vater schüttelte sein Baby so heftig, dass es blind wurde und schwere Gehirnschäden davontrug. Das Landgericht in Memmingen hat den 37-Jährigen nun verurteilt.
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Im Allgäu steht ein Vater wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen vor Gericht. Symbolbild: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa
Im Allgäu steht ein Vater wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen vor Gericht. Symbolbild: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa
Als seine Tochter zu lange schrie und keine Ruhe geben wollte, rastete der betrunkene Vater aus und zerstörte so die Zukunft des kleinen Mädchens. Dafür muss der Mann nun sechs Jahre in Haft.

Seit zweieinhalb Wochen musste sich der 37-Jährige wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen vor dem Memminger Landgericht verantworten. Am Freitag, den 13. Juli 2018, ist das Urteil gegen den 37-Jährigen gefallen. Das Landgericht Memmingen sprach den 37-Jährigen der schweren und gefährlichen Körperverletzung schuldig.


Eigene Tochter zum Pflegefall geschüttelt: Geständnis unter Tränen

Zu Prozessbeginn am 26. Juni 2018 hat der Vater vor Gericht zugegeben, sein schreiendes Baby heftig geschüttelt und damit schwerwiegende Hirnschäden bei dem Kind verursacht zu haben. Während sein Verteidiger das Geständnis des Angeklagten vorlas, brach der 37-Jährige in Tränen aus.

Der 37-Jährige wisse, dass er das Leben seiner Tochter zerstört habe, sagte der Verteidiger des Mannes zu Prozessbeginn vor dem Landgericht Memmingen. Das bei der Tat knapp sechs Monate alte Mädchen ist seither blind sowie an Armen und Beinen gelähmt, zudem wird es nie sprechen können und wird lebenslang ein Pflegefall bleiben. "Eine Besserung ist nicht in Sicht", sagte der Vorsitzende Richter Jürgen Hasler. "Schlimmere Folgen einer Tat sind nicht denkbar", betonte er.


Laura wird für immer auf dem geistigen Stand eines Babys bleiben

Die Therapeuten in einem Kinderpflegeheim können nur versuchen, dem vor wenigen Tagen zwei Jahre alt gewordenen Mädchen Reflexe anzutrainieren. Das Kind wird wohl spätestens im frühen Erwachsenenalter sterben, geistig wird Laura bis dahin auf dem Niveau eines Babys bleiben. Es kann weder sitzen noch stehen.

Der Vater hatte das Kind im Haus seiner Eltern in Bad Wörishofen geschüttelt, nachdem es nachts geschrien und sich trotz eines Fläschchens nicht beruhigt hatte. Es sei eine spontane Tat aus der Überforderung heraus gewesen, sagte Hasler. Der Vater sei sonst nicht gewalttätig gewesen. Es sei ihm auch nicht bewusst gewesen, wie schwer er sein Kind verletzt habe. Das Urteil wurde sofort rechtskräftig, weil der Staatsanwalt und der Verteidiger auf Rechtsmittel verzichteten.


Vater war alkoholabhängig

Der Mann musste sich weitgehend allein um seine beiden kleinen Töchter kümmern, weil die Mutter psychisch krank und oft in Kliniken ist. Zu der daraus resultierenden Belastung kam noch eine Alkoholabhängigkeit. Auch am Tattag hatte der Mann getrunken. Eine verminderte Steuerungsfähigkeit sei daher nicht auszuschließen, hatte ein Gutachter erklärt.

Die für diese Tat mögliche Maximalstrafe wurde deswegen auch von zehn auf siebeneinhalb Jahre nach unten korrigiert. Das Gericht ordnete auch an, dass der Mann während seiner Haft einen Entzug machen muss. Dazu hatte der Angeklagte sich auch bereit erklärt.
Ursprünglich war er wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen angeklagt. Doch die dafür nötige "gefühllose, rohe Gesinnung" sei nicht feststellbar, sagte der Richter. Der 37-Jährige hatte in dem Prozess immer wieder mit den Tränen gekämpft. "Was ich getan habe, ist nicht wieder gut zu machen", sagte er in seinem letzten Wort. Das Leid seiner Tochter werde immer bleiben. "Eine Entschuldigung ist eigentlich nicht möglich." Er und der Staatsanwalt akzeptierten die Strafhöhe, so dass das Urteil sofort rechtskräftig wurde.


Was vor dem Prozess geschah

Laut Anklage hatte der deutsche Staatsbürger mit seiner Tochter Anfang Januar 2017 bei Verwandten in Bad Wörishofen übernachtet. In der Nacht habe das Mädchen, das damals ein halbes Jahr alt war, zu Schreien angefangen - möglicherweise wegen eines Infekts oder weil es zahnte. Irgendwann habe der Vater sein Kind aus dem Bett genommen und mehrfach heftig geschüttelt, um Ruhe zu haben. Dann habe er das nicht mehr ansprechbare Baby mit einer Hirnblutung wieder ins Bettchen gelegt und sei schlafen gegangen.

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Erst Stunden später am Vormittag wurde der Notarzt alarmiert und das Mädchen ins Krankenhaus gebracht. Dort sei festgestellt worden, dass der Säugling aufgrund des Schüttelns vollständig erblindet ist und aufgrund irreparabler Gehirnschädigungen körperlich und geistig lebenslang schwerstbehindert sein wird. Die Mutter des Mädchens war bei der Tat nicht dabei, sie erstatte später Anzeige. Mehr als ein Jahr nach der Tat wurde der Vater festgenommen, seit Februar sitzt er in Untersuchungshaft.


Schwierige Familienverhältnisse

Der Anwalt schildert vor Gericht tragische Familienverhältnisse: Die Freundin des 37-Jährigen sei psychisch krank und deswegen ständig in Kliniken gewesen, sein Mandant habe die Arbeit verloren und sei vollkommen überfordert gewesen. Das Paar hat noch ein weiteres Kind, ein heute dreijähriges Mädchen. Wegen der "äußerst desolaten" Situation habe die Familie in zwei kleinen Kinderzimmern im Haus der Eltern des Angeklagten in Bad Wörishofen gelebt. Dort kam es auch zu der Tat.

Der Angeklagte ist nach Angaben seines Anwalts auch noch Alkoholiker und hat am Tattag reichlich getrunken. Nach der schweren Verletzung seiner Tochter sei dies noch schlimmer geworden. "Der Angeklagte wollte seine Schuld ertränken und sich totsaufen", sagte Bogdahn. Heute wisse sein Mandant, dass er damals Hilfe hätte holen müssen, um das Geschehen zu verhindern.

Der Fall des 37-Jährigen ist kein Einzelfall. Immer wieder stehen Eltern vor Gericht, weil sie ihre unruhigen Babys heftig geschüttelt und damit schwer am Hirn verletzt haben. "10 bis 30 Prozent der Kinder sterben sogar an den Folgen eines Schütteltraumas", erklärt das Nationale Zentrum Frühe Hilfen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.