Die Bundeswehr hat bei ihrem größten Evakuierungseinsatz bislang mehr als 1700 Menschen aus Afghanistan in Sicherheit gebracht.

Wie die Bundeswehr am Freitag weiter mitteilte, handelt es sich dabei um Deutsche, afghanische Ortskräfte sowie Menschen aus insgesamt 36 weiteren Ländern. Den mit Abstand größten Teil an Schutzsuchenden flog die US-Armee aus. US-Präsident Joe Biden erklärte am Freitag, seit dem Start der Mission vor etwa einer Woche seien rund 13.000 Menschen evakuiert worden. Nach Angaben des Weißen Hauses waren es allein in den vergangenen 24 Stunden 5700 Menschen.

Auch andere westliche Staaten haben nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban Luftbrücken gestartet. Tausende Menschen warten aber immer noch in zunehmender Verzweiflung auf eine Möglichkeit, Afghanistan verlassen zu können.

Am Sonntag war Afghanistans Präsident Aschraf Ghani fluchtartig außer Landes geflogen. Wenige Stunden später nahmen die Taliban kampflos die 5,4 Millionen Einwohner zählende Hauptstadt Kabul ein. Der Zeitdruck für Evakuierungen wächst, weil die USA ihren Abzug aus Afghanistan eigentlich bis zum 31. August beendet haben wollen.

Wie viele Schutzsuchende die USA genau in Sicherheit bringen müssen, ist nach Angaben des Verteidigungsministeriums unklar. US-Präsident Biden sprach von etwa 50.000 bis 65.000 Helfern einschließlich ihrer Familien. Am Freitag warteten rund 6000 Menschen mit gültigen Papieren darauf, von US-Militärmaschinen ausgeflogen zu werden, berichtete der US-Sender CNN. Die US-Streitkräfte wollen die Zahl der täglich ausgeflogenen Menschen deutlich steigern. Flugzeuge stehen dem Pentagon zufolge für 5000 bis 9000 Menschen pro Tag bereit.

Die britische Regierung hatte angekündigt, täglich rund 1000 Menschen auszufliegen. Dieses Ziel sei in den vergangenen 24 Stunden erreicht worden, sagte Verteidigungsstaatssekretär James Heappey am Freitag dem Sender Sky News. Bis Mitte der Woche hatten offiziellen Angaben zufolge bereits mehr als 300 britische Staatsbürger und über 2000 afghanische Ortskräfte das Land verlassen.

Frankreich stellt Visa vor Ort aus

Frankreichs Außenministerium teilte mit, bis Donnerstagabend seien knapp 500 Menschen ausgeflogen worden. Dazu seien bislang drei Flüge organisiert worden. Darüber hinaus seien bereits zwischen Mai und Juli Hunderte Franzosen und afghanische Ortskräfte in Erwartung der aktuellen Krise außer Landes gebracht worden. Frankreich wies darauf hin, im Gegensatz zu anderen Ländern noch vor Ort Visa an gefährdete Afghanen auszustellen.

Spanien hat mehr als 160 Menschen ausgeflogen. Eine weitere zweite Maschine startete am Freitagmorgen mit 110 Spaniern und Afghanen, wie Ministerpräsident Pedro Sánchez auf Twitter mitteilte. Zu den Ausgeflogenen gehört nach Angaben des staatlichen Radiosenders RNE auch Nilofar Bayat, die Kapitänin der afghanischen Rollstuhlbasketballmannschaft. Insgesamt wolle Spanien rund 600 Menschen aus Afghanistan in Sicherheit bringen, berichtete die Tageszeitung «El Mundo» unter Berufung auf die Regierung.

Italien hat im Zuge der Operation «Aquila Omnia» eine Luftbrücke mit acht Militär-Transportflugzeugen eingerichtet. Die Menschen werden von Kabul nach Kuwait ausgeflogen und von dort weiter nach Italien. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums evakuierte Italien (Stand Freitagmorgen) seit Juni rund 900 frühere afghanische Mitarbeiter und ihre Familien. Ungefähr 800 davon wurden nach Italien gebracht. Mehr als 1500 italienische Soldaten seien an dem Einsatz beteiligt.

Nato plant Aufnahmelager

Unterdessen plant die Nato die Einrichtung von Aufnahmelagern für ausgeflogene afghanische Helfer. «Wir diskutieren unterschiedliche Orte für die vorübergehende Unterbringung von Afghanen», sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg am Freitag nach Beratungen der Außenminister der Bündnisstaaten. Mehrere Alliierte hätten zudem bereits ihre Bereitschaft signalisiert, auch längerfristig frühere afghanische Helfer der Nato aufzunehmen.

Nach Angaben von Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) wird bereits jetzt der riesige US-Militärstützpunkt im pfälzischen Ramstein als Drehkreuz für die Evakuierung von Schutzsuchenden aus Afghanistan genutzt. Zudem soll es nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur unter anderem eine Aufnahmeeinrichtung im Kosovo geben. Darüber berichtete auch der «Business Insider».

Nach Angaben von Stoltenberg arbeiteten zuletzt noch an die 200 Afghanen für die Nato. Hinzu kommen zum Beispiel die Mitarbeiter, die für die nationalen Kontingente tätig waren und noch ausgeflogen werden müssen.

Um die Menschen in Sicherheit zu bringen, sollen sie zunächst vom Flughafen in Kabul nach Katar oder Kuwait gebracht werden. Von dort aus geht es dann weiter nach Europa. Die vorübergehenden Unterkünfte sollen in bereits existierenden Militäreinrichtungen aufgebaut werden.

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