• Studie dreier Ökonomen der Johns-Hopkins-Universität enthüllt Wirkungslosigkeit von Lockdowns
  • Auswirkungen auf Corona-Todesrate verschwindend gering: Mortalität nur um 0,2 Prozent gesunken
  • Viele negative Shutdown-Folgen
  • Die Empfehlung der Forscher: "Abriegelungsmaßnahmen (...) sollten als pandemiepolitisches Instrument abgeschafft werden"
  • Kritik von Virologen und Experten: Studie wird skeptisch betrachtet - "absolut unüblich und unwissenschaftlich"

Eine Studie der renommierten Johns Hopkins Universität (JHU) im US-amerikanischen Baltimore ist der Frage nachgegangen, wie sich staatlich verordnete Lockdowns auf die Covid-19-Sterberate auswirken. In Anbetracht dessen, dass seit Beginn der Corona-Pandemie zahlreiche Regierungen auf das zeitweilige Herunterfahren des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens gesetzt haben, fällt das Ergebnis erschreckend aus: Wie die Studie ergab, ist der Effekt auf die Corona-Mortalität verschwindend gering. Doch die Studie wird von Virologen und Experten kritisiert - sie sei "absolut unwissenschaftlich". So ist die Lage.

Lockdown-Studie fällt vernichtendes Urteil: Corona-Sterblichkeit nur um 0,2 Prozent gesunken

In der Zusammenfassung ihrer Untersuchung stellen die JHU-Wissenschaftler und Ökonomen der Wirksamkeit von Lockdowns ein vernichtendes Zeugnis aus: Demnach hätten Lockdowns in Europa und in den Vereinigten Staaten die Covid-19-Sterblichkeit nur um durchschnittlich 0,2 Prozent gesenkt. Während Lockdowns "nur einen geringen bis gar keinen Effekt auf die öffentliche Gesundheit" gehabt hätten, führten sie zu enormen wirtschaftlichen und sozialen Kosten. Die Schlussfolgerung: "Abriegelungsmaßnahmen sind unbegründet und sollten als pandemiepolitisches Instrument abgeschafft werden." 

Die Forschenden fanden zudem heraus, dass das Tragen von Masken eine wesentlich höhere positive Auswirkung auf die Covid-Mortalität hat als beispielsweise Schulschließungen. Im Detail schlüsselten die Forscher auf, wie wirksam folgende Einzelmaßnahmen waren: 

  • Grenzschließungen: Senkung der Corona-Sterblichkeitsrate um 0 Prozent
  • Schulschließungen: Senkung der Corona-Sterblichkeitsrate um 0,1 Prozent
  • Schließung von Clubs und Bars: Senkung der Corona-Sterblichkeitsrate um 15 Prozent
  • Tragen von Masken am Arbeitsplatz: Senkung der Corona-Sterblichkeitsrate um 24 Prozent

Forscher betonen negative Folgen von Lockdowns und positive Auswirkungen von Freiwilligkeit

Die Untersuchung hebt die negativen Folgen von Lockdowns hervor. Dabei führt sie die Verringerung der Wirtschaftstätigkeit, den Anstieg der Arbeitslosigkeit, eine Verringerung der Schulbildung, die Verursachung politischer Unruhen, die Förderung häuslicher Gewalt und die "Untergrabung liberaler Demokratie". 

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Anstelle von Lockdowns sollte die Politik ihren Fokus auf freiwillige Verhaltensänderung der Bürger*innen setzen, raten die Autor*innen. Es sei eine wichtige Aufgabe der Behörden, Informationen bereitzustellen, damit die Bevölkerung "freiwillig so auf die Pandemie reagieren" könne, dass ihre Gefährdung verringert werde.  

Bei der Studie mit dem Titel "A literature review and meta-analysis of the effects of lockdowns on covid-19 mortality", die die Universität auf ihrer Website veröffentlicht hat (was im späteren kritisiert wird),  handelt es sich um eine Meta-Analyse. Dabei werden die Ergebnisse weltweiter Studien zu einem Thema zusammengetragen, verglichen und für ein Gesamturteil ausgewertet. Nach einem komplexen Auswahlprozess trugen 24 internationale Studien bis Sommer 2020 zum Ergebnis der Lockdown-Analyse bei - eine erste Suche hatte noch die enorme Zahl von 18.590 Texten mit möglicher Relevanz ergeben. Die Autoren der Studie sind Jonas Herby von der Universität Kopenhagen, Lars Jonung, emeritierter Professor der Uni Lund (Schweden) und Steve H. Hanke, Professor, Gründer und Co-Direktor des Instituts für angewandte Wirtschaftslehre an der-Johns Hopkins-Universität.

Reaktionen: Forschende bekommen Gegenwind von Virologen und Experten

Auf Twitter hat der deutsche Virologe Klaus Stöhr die Studie geteilt. Zwar weist er darauf hin, dass "allgemeingültige Schlussfolgerungen sicherlich schwierig" seien, hebt aber dennoch die Kernpunkte der Untersuchung hervor, darunter die Wirkungslosigkeit von Lockdowns und Schulschließungen.  

Die Studie der drei Ökonomen haben nun Experten kritisch bewertet. Die Kernaussage, Lockdowns verhinderten keine oder kaum Todesfälle, ist aus Sicht des Leiters des Instituts für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie an der Universität Marburg, Max Geraedts, "so nicht haltbar". Ihr Papier bezeichnen die Autoren Jonas Herby, Lars Jonung und Steve H. Hanke als sogenannte Meta-Studie, die als eine Art Überblick die Daten von rund 30 Einzelstudien und Arbeitspapieren zusammenfasse. Es gebe eine Fülle wissenschaftlich qualitativ wesentlich hochwertiger Studien, "die aber auf der Basis der von den Autoren gewählten Auswahlkriterien nicht berücksichtigt wurden", teilte Geraedts der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mit.

Der Ökonom Andreas Backhaus von der Ludwig-Maximilians-Universität München analysiert, dass einige der untersuchten Einzelstudien "nicht übermäßig überzeugend" seien. Sie erhielten "in der Meta-Analyse jedoch ein sehr hohes Gewicht, treiben also das Gesamtergebnis", twitterte er über das US-Papier.

Studie der Ökonomen ohne Prüfung durch Fachleute herausgegeben: "Absolut unwissenschaftlich"

Die Untersuchung von Herby und seinen Kollegen wurde in keinem Journal herausgegeben, sondern Ende Januar von einem der Autoren auf der Homepage des Johns Hopkins Institute for Applied Economics veröffentlicht. "Dadurch umgehen die Autoren die Begutachtung durch Fachleute (Peer Review), eine der wichtigsten Maßnahmen zur Qualitätssicherung in der Wissenschaft", teilte der Virologe Friedemann Weber von der Universität Gießen der dpa mit. "Studien im Eigenverlag herausgeben, ist absolut unüblich und unwissenschaftlich."

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