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Pandemie

Nach Sonderweg in Covid-19-Krise: Über 5000 Corona-Tote in Schweden

Schweden setzte in der Corona-Krise lange Zeit auf eine "Laissez-faire"-Strategie. Mittlerweile sind in dem skandinavischen Land mehr als 5000 coronainfizierte Menschen gestorben.
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Schweden geht in der Corona-Krise einen Sonderweg. Statt - wie andere Staaten - auf einen "Lockdown" zu setzen, verzichtete das skandinavische Land darauf. Die Regierung unter Premierminister Stefan Löfven ordnete vergleichsweise "milde" Corona-Maßnahmen an: Schulen wurden nicht geschlossen, Bars und Restaurants durften öffnen. 

Inzwischen sind in Schweden mehr als 5000 mit dem Coronavirus infizierte Menschen gestorben.

Update vom 18.06.2020: Über 5000 Menschen mit Coronavirus in Schweden gestorben

In Schweden sind mittlerweile mehr als 5000 mit dem Coronavirus infizierte Menschen gestorben. Die Zahl der von der staatlichen Gesundheitsbehörde verzeichneten Todesfälle stieg am Mittwoch auf 5041, was einer Zunahme um 102 im Vergleich zum Vortag entsprach. Mehr als 54.500 Corona-Infektionen wurden in dem skandinavischen EU-Land bislang nachgewiesen. Zum Vergleich: Im benachbarten Dänemark, wo etwa halb so viele Menschen wie in Schweden wohnen und bislang knapp 13.000 Infektionen bestätigt sowie 598 Tote verzeichnet wurden, kam am Mittwoch kein neuer Todesfall hinzu.

Schweden hatte in der Corona-Krise weniger strenge Maßnahmen verfügt als alle anderen europäischen Länder. Auch hier gelten für die Bürger aber bestimmte Corona-Beschränkungen wie ein Besuchsverbot in Altersheimen oder eine maximale Teilnehmergrenze von 50 Personen für öffentliche Versammlungen. Restaurants, Kneipen und Cafés blieben aber ebenso durchgehend geöffnet wie Schulen und Kindergärten.

Verglichen mit Deutschland hat Schweden mit seinen 10,3 Millionen Einwohnern auf die Bevölkerungszahl gerechnet fünfmal so viele Todesfälle. In Großbritannien, Spanien, Italien und Belgien liegt dieser Wert jedoch noch höher, wie aus Zahlen des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hervorgeht.

Update vom 28.05.2020: Kein Schweden-Lockdown wegen Verfassung?

Wäre ein "Lockdown" in Schweden überhaupt möglich gewesen? Diese Frage stand bislang kaum im Raum. Alle Kommentatoren der schwedischen Situation in der Corona-Krise lenkten den Fokus auf die Tausenden Toten.

Einem Zeitungsbericht vom 26. April 2020 zufolge wäre dieser radikale Schritt überhaupt nicht möglich gewesen, selbst wenn Premierminister Löfven das gewollt hätte. "Im Gegensatz zu den skandinavischen Nachbarstaaten, die Schulen und Grenzen geschlossen haben, verfügt Schweden über keine gesetzliche Regelung, mit der in Friedenszeiten ein Ausnahmezustand verhängt werden könnte", heißt es in der Le Monde diplomatique

Die schwedische Verfassung sichere jedem Bürger des Landes zu, "sich innerhalb des Staatsgebiets frei zu bewegen oder es zu verlassen", heißt es weiter.  Somit sei beispielsweise keine Ausgangssperre möglich. Titti Mattson, Professorin für öffentliches Recht an der "Universität Lund" kommentierte die aktuelle Lage: "Wir müssen unbedingt an die Zukunft denken: Dann werden wir zurückschauen und analysieren, ob wir unsere grundlegenden Freiheitsrechte, die uns so wichtig sind, bewahren konnte."

Update vom 25.05.2020: Fast 4000 Corona-Tote in Schweden

Die Fallzahlen in Schweden lagen am Sonntag (24. Mai 2020) knapp unter der 4000er-Marke: 3998 Todesfälle, die im Zusammenhang mit einer Infektion des Coronavirus "Sars-CoV-2" stehen, wurden offiziell vermeldet. Diese Marke dürfte mittlerweile wieder gestiegen sein, da die zentralen Behörden zum Wochenstart regelmäßig eine Bestätigungswelle erreicht. 

Insbesondere die schwedischen Alten- und Pflegeheime rücken dabei in den Fokus. Rund die Hälfte der Toten stammt aus einer solchen Einrichtung. Die "Lassez-faire"-Strategie riet Menschen ab 70 Jahren, zu Hause zu bleiben. Verordnungen, die Verbindlichkeit zu Hause zu bleiben bedeutet hätten, blieben aus. Erst Mitte April wurde beispielsweise ein Besuchsverbot in den Heimen erlassen. 

Hauptverantwortlich für die Corona-Strategie der Skandinavier ist der Epidemiologe Anders Tegnell.  Er setzt seit Beginn der Pandemie das Prinzip der "Herdenimmunität". Tegnells Vorgängerin, Annika Linde, die Schwedens Chefepidemiologin zwischen den Jahren 2005 und 2013 war, ging nun auf Abstand zum Corona-Kurs der Behörden. "Ich denke, wir hätten mehr Zeit zur Vorbereitung benötigt. Hätten wir früh einen Lockdown gemacht, hätten wir in dieser Zeit sicherstellen können, dass wir das Notwendige zum Schutz der Schwachen tun können", sagte sie dem Guardian.

Tegnell selbst bezeichnete die aktuelle Lage am Sonntag wie folgt: "Es ist eine schreckliche Situation, in der wir gelandet sind, die unsere Gesellschaft wirklich herausfordert", sagte er dem Sender SVT. Schwedens Premierminister Stefan Löfven betonte zuletzt erneut, dass die aktuelle Strategie zum Ziel habe, die Infektionsanstieg zu verzögern, sodass das Gesundheitssystem nicht überlastet werde: "Aber das beinhaltet zugleich, dass wir weitere Schwerkranke haben werden, die Intensivpflege benötigen, wir werden bedeutend mehr Tote haben. Wir werden mit Tausenden Toten rechnen müssen. Darauf sollten wir uns einstellen", so Löfven gegenüber DN.

Coronavirus in Schweden: Kein flächendeckendes Problem

Schweden verzeichnet deutlich mehr Tote als die skandinavischen Nachbarländer. Norwegen, Finnland oder Dänemark hatten sich beispielsweise für einen Lockdown entschieden. Schweden weist zum Beispiel 392 Tote pro einer Million Einwohner auf, Deutschland kommt auf 97, Norwegen auf 44. 

Das Coronavirus "Sars-CoV-2" ist in Schweden allerdings kein flächendeckendes Problem. Dabei wird insbesondere die Hauptstadt Stockholm zum Corona-"Hotspot". Von dort geht knapp die Hälfte der Todesfälle aus. Ein Drittel der Infektionen stammen aus der Großstadt.

Die Frage, ob ein Lockdown die richtige Maßnahme gewesen wäre, wehrt Epidemiologe Tegnell mit einer Gegenfrage ab: "Wenn ich die Frage stelle, was genau wir hätten tun können, bekomme ich nicht mehr so viele Antworten." Seinen Kritikern entgegnet er, dass es einfach sei, im Nachhinein mit Kritik aufzuschlagen. 

Es bleibt abzuwarten, wie sich die weitere Strategie der Schweden auswirken und sich die Zahl der Todesfälle weiterentwickeln wird. Unabhängig davon wird sich Tegnell wohl oder übel Kritikern stellen müssen, angesichts von mittlerweile fast 4000 Corona-Toten. 

Erstmeldung vom 24.04.2020: Was taugt Schwedens Sonderweg in der Corona-Krise?

Der schwedische Sonderweg ist mit kaum einem so eng verknüpft, wie mit Anders Tegnell. Der Christian Drosten Schwedens arbeitet bei der obersten Behörde für öffentliche Gesundheit und sagt: "Wir glauben, wir erreichen mit Freiwilligkeit genauso viel wie andere Länder mit Restriktionen." Der Epidemiologe verantwortet die Coronavirus-Strategie der Skandinavier, welche weltweit für Schlagzeilen sorgt.

Schweden verzichtet nämlich auf einen "Lockdown": Das Land geht vergleichsweise freizügig mit der Pandemie um. Schulen und Kindergärten sind nicht geschlossen, Restaurants und Bars dürfen öffnen, Fitnessstudios und Sportanlagen sind voller Menschen. Einzig Versammlungen mit mehr als 50 Personen wurden verboten. 

Experiment mit Bevölkerung?

Die Behörden sind von ihrem Vorgehen überzeugt. Nicht sie seien es, die mit ihrer Bevölkerung herumexperimentieren, sondern die anderen europäischen Staaten. "Es ist ein sehr schwieriges Experiment eine Bevölkerung für vier, fünf Monate einzusperren", sagte Johan Carlson, Generaldirektor der Agentur für Volksgesundheit "Folkhälsomyndigheten", zuletzt im schwedischen Fernsehen.

"Auf bestmögliche Weise verhindern" lasse sich die Ausbreitung des Coronavirus, indem man auf Methoden setze, die sich aufrechterhalten lassen, ohne dass die Menschen aufbegehren, so Carlson. 

Geben die Zahlen dem schwedischen Sonderweg recht? 

Derzeit (Stand: 24. April 2020, 16.30 Uhr) haben sich 17.567 Menschen in Schweden mit "Sars-CoV-2" angesteckt. 2152 Todesfälle gab es bislang zu beklagen. Das geht aus Daten der Johns-Hopkins-Universität hervor. 

Im Vergleich zu seinen Nachbarstaaten Norwegen und Dänemark weist Schweden deutlich höheren Werte auf. Dänemark zog, ähnlich wie Deutschland, den "Lockdown" vor. Ministerpräsident Mette Frederiksen setzte auf rasche Abschottungsmaßnahmen. 

Während in Dänemark die Schulen schlossen, empfahl der führende Epidemiologe Anders Tegnell Tausenden Familien, die aus dem Skiurlaub in Italien heimkehrten, falls sie keine Corona-Symptome, zur Arbeit und in die Schulen zurückzukehren. Seine Begründung: In Schweden gebe es keine Anzeichen dafür, dass sich das Coronavirus innerhalb der Gemeinschaft übertrage. 

Corona in Schweden: Wann endet der Sonderweg?

Mittlerweile hat die schwedische Regierung um Ministerpräsident Stefan Löfven die Besuche in Pflegeheimen verboten. Dies geschah jedoch erst, als die Hälfte aller Heime in der Hauptstadt Stockholm, dem größten Corona-"Hotspot" des Landes, vom Erreger befallen war. 

Mögliche Verschärfungen sind denkbar. Allerdings erweckt die Regierung den Anschein, weiterhin auf eine Herdenimmunität der Bevölkerung zu setzen: Herdenimmunität heißt, dass durch die Immunität vieler Menschen gegen eine Krankheit die Ausbreitung und Ansteckungsgefahr reduziert werden kann. Mit diesem Prinzip können Krankheiten teilweise komplett verhindert werden. Betrachtet man das am Beispiel der Masern, dann lässt sich sagen, dass eine Ausbreitung durch Masernimpfung verhindert werden kann, wenn 95 Prozent der Bevölkerung geschützt ist. So werden durch die Herdenimmunität  zum Beispiel Säuglinge geschützt, die für eine Impfung noch zu jung sind.

Löfven forderte die Bevölkerung am Mittwoch (22. April 2020) vehement dazu auf, sich an die Empfehlungen der Regierung zur Eindämmung zu halten: "Die Gefahr ist noch lange nicht vorbei", sagte der 57-Jährige auf einer Pressekonferenz. Ob diese Einsicht möglicherweise zu spät kommt, wird sich zeigen.