«Es gilt klarzustellen, dass der deutsche Staat eine Souveränitätskränkung solchen Ausmaßes in hohem Maße missbilligt», betonte Oberstaatsanwalt Wolfgang Siegmund in seinem rund vier Stunden langen Plädoyer. Der Geheimnisverrat wiege schwer. Der Spionageprozess zählt zu den größten seit Ende des Kalten Krieges. (Az.: 4b - 3 StE 5/12)

Getarnt als biederes Ehepaar mit den Aliasnamen Heidrun und Andreas Anschlag lebten die Angeklagten zuletzt in Marburg und Balingen. Von hier aus sollen sie dem russischen Geheimdienst SWR über Kurzwelle, Satellit und Verstecke mehrere hundert geheime Dokumente zu Nato, EU und den Niederlanden zugespielt haben. Nach Hochrechnungen Siegmunds waren es allein von 2008 bis 2011 rund 500 Unterlagen und Notizen. Dafür soll das Ehepaar zuletzt etwa 100 000 Euro jährlich kassiert haben.

Ein Mitarbeiter des niederländischen Außenministeriums besorgte die Dokumente. Viele waren «für den Dienstgebrauch», hätten aber laut Bundesanwalt einen höheren Sicherheitsstatus haben müssen. Unter anderem ging es um Kosovo, Afghanistan und Libyen. Der Maulwurf ist inzwischen in den Niederlanden zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Andreas Anschlag habe ihn angeleitet, sagte Siegmund. «Er hatte die Aufgabe, den Mitarbeiter zum Strolch zu machen und durch Schmiergeld dafür zu sorgen, dass er ein Strolch blieb.» Die niederländischen Dokumente habe Anschlag auf USB-Sticks übertragen und dem russischen Geheimdienst unter anderem über genau festgelegte Erdlöcher - sogenannte «tote Briefkästen» - zugespielt.

Die wahren Identitäten der Eheleute kennt selbst das Gericht nicht. Nach Angaben in ihren österreichischen Pässen, die auf Basis falscher Urkunden ausgestellt wurden, haben sie südamerikanische Wurzeln. In Wirklichkeit sind sie wohl Russen und etwa über 50 Jahre alt. Die erwachsene Tochter soll von der Agententätigkeit der Eltern nichts gewusst haben. Als der Bundesanwalt sie im Plädoyer erwähnte, flossen bei der Mutter die Tränen.

Das Urteil könnte nach derzeitiger Planung am 2. Juli verkündet werden.