Seine Eltern verbrachten nach monatelangem Kampf die letzten wertvolle Stunden mit ihrem Sohn, dann erlosch auch der letzte Funke Hoffnung für Archie: In einem Londoner Krankenhaus sind die Geräte abgestellt worden, die den seit Monaten im tiefen Koma liegenden Jungen am Leben gehalten hatten.

Der Zwölfjährige starb am Samstag um 12.15 Uhr (Ortszeit), wie seine Mutter Hollie Dance vor dem Krankenhaus bekanntgab. "Er hat bis zum Schluss gekämpft. Ich bin so stolz, seine Mutter zu sein."

Update vom 8. August 2022: Archie in Klinik verstorben - Familie gibt emotionales Statement

Archie lag seit April im Koma. Bei einem Unfall zu Hause in Southend-on-Sea rund 60 Kilometer östlich von London hatte er sich schwere Hirnverletzungen zugezogen, womöglich bei einer Internet-Mutprobe. Die behandelnden Ärzte sahen keine Chance auf eine Genesung. Im Royal London Hospital wurde er unter anderem mit Beatmungsgeräten und Medikamenten am Leben gehalten.

Die Eltern hatten rechtlich mit allen Kräften um ihren Sohn gekämpft - erst um sein Leben, dann um die Umstände seines Todes. Zuletzt wollten sie ihn vom Krankenhaus in ein Hospiz verlegen lassen, damit er seine letzten Stunden in einer ruhigeren, friedlicheren Umgebung erleben könnte. Entsprechende Anträge vor dem Berufungsgericht in London und beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg waren am Freitag jedoch gescheitert.

Das Krankenhaus hatte einen Umzug ins Hospiz zuvor abgelehnt - zu instabil sei der Zustand des Jungen, zu groß das Risiko, ihn in einem Krankenwagen zu transportieren. Auch das Londoner Berufungsgericht erklärte, es sei im besten Interesse des Jungen, die lebenserhaltenden Maßnahmen im Krankenhaus statt in einer anderen Umgebung einzustellen. Das Gericht in Straßburg erklärte danach, der Antrag falle nicht in seinen Zuständigkeitsbereich.

Klinik beendet lebenserhaltende Maßnahmen

Damit waren alle rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft. "Ich habe alles getan, was ich meinem kleinen Jungen versprochen habe", sagte seine Mutter dem Sender Sky News. Unter Tränen stellte sie fest, dass es nichts mehr gebe, was die Familie tun könne. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie schon, dass das Krankenhaus die lebenserhaltenden Maßnahmen am nächsten Vormittag beenden würde.

Nach Angaben seiner Familie wurden Archies Medikamente am Samstag um 10 Uhr abgesetzt, ehe zwei Stunden später die Beatmungsgeräte entfernt wurden. Ella Carter, die Verlobte von Archies älterem Bruder Tom, sagte heftig weinend an der Seite der Mutter: "Es ist absolut nichts Würdevolles daran, einem Familienmitglied oder einem Kind beim Ersticken zuzusehen. Keine Familie sollte das jemals durchmachen müssen, was wir durchgemacht haben. Es ist barbarisch."

Der Krankenhausbetreiber Barts Health NHS Trust bestätigte, dass Archies Behandlung im Einklang mit den Gerichtsentscheidungen zu seinem Wohl eingestellt worden und er am Nachmittag verstorben sei. Familienangehörige seien am Krankenbett bei ihm gewesen. "Dieser tragische Fall hat nicht nur die Familie und seine Betreuer betroffen, sondern auch die Herzen vieler Menschen im ganzen Land berührt", erklärte der Chief Medical Officer, Alistair Chesser.

Großbritannien trauert mit Archies Familie

Die Anteilnahme für Archies Familie war in der Tat groß gewesen. Viele Menschen brachten am Samstag unter anderem Blumen zum Krankenhaus. An einer Statue vor dem Gebäude formten Kerzen zudem ein Herz, das eine Karte mit Archies Namen umrahmte.

Der Fall erinnert an ähnliche Auseinandersetzungen um unheilbar kranke Kinder in Großbritannien. Der finanziell stark unter Druck stehende britische Gesundheitsdienst NHS neigt dazu, lebenserhaltende Maßnahmen sehr viel früher zu entziehen, als das etwa in Deutschland der Fall wäre. Zudem werden die Wünsche von Eltern und Angehörigen dabei nicht im selben Maße berücksichtigt. Was im besten Sinne des Patienten ist, entscheiden oft Richter auf Empfehlung von Medizinern.

Ursprüngliche Meldung vom 4. August 2022: Eltern kämpfen um todkranken Sohn Archie

Eigentlich hätte Archie bereits am Montag sterben sollen. Um 14 Uhr Londoner Zeit sollten die Geräte, die den unheilbar kranken Zwölfjährigen in England am Leben halten, abgeschaltet werden. Dann am Dienstag, 12 Uhr. Später dann Mittwoch, 11 Uhr. Immer wieder wurde der Zeitpunkt seines Todes nach hinten geschoben - nun dürfte es doch bald so weit sein. Denn am Mittwochabend (3. August 2022) lehnte es der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) ab, sich in den Fall einzumischen. Archies Eltern klammern sich nun an eine letzte Hoffnung.

Seine Mutter Hollie Dance, die sich bisher kämpferisch gezeigt hatte, wirkte nun gebrochen. "Das ist das Ende", sagte sie zu Reportern vor der Klinik, in der Archie liegt. Nun geht es in erster Linie um einen würdigen Tod. "Der Gesundheitsdienst NHS, die Regierung sowie die Gerichte in diesem Land und in Europa mögen die Behandlung aufgegeben haben, aber wir nicht", sagte Dance.

Archie soll sterben: Eltern des unheilbar kranken Jungen suchen verzweifelt Hilfe

Die behandelnden Ärzte wollen den Jungen sterben lassen. Sie meinen, dies sei in seinem besten Interesse. Archies Eltern sind es, die ihren Sohn bislang mit einem unermüdlichen Rechtsstreit am Leben gehalten haben. Nachdem sie die juristischen Möglichkeiten in Großbritannien ausgeschöpft hatten, appellierten sie schließlich an den EGMR in Straßburg - vergebens.

Seit April liegt Archie im Koma. Bei einem Unfall hatte er sich zu Hause in Southend-on-Sea schwere Hirnverletzungen zugezogen, womöglich bei einer Internet-Mutprobe. Die Ärzte haben keine Hoffnung mehr, dass sich sein Zustand noch wesentlich bessern wird - im Gegenteil. Das ist auch der Grund, warum alle britischen Gerichte - bis hin zum obersten Supreme Court - es abgelehnt haben, die lebenserhaltenden Maßnahmen fortzusetzen. Die Richter am Supreme Court erklärten am Dienstag, da es keine Aussicht auf eine wirkliche Genesung gebe, würden die lebenserhaltenden Maßnahmen nur "das Sterben verlängern".

Nur wenige Stunden vor der zuletzt angesetzten Abschaltung der Geräte am Mittwoch reichten Archies Eltern dann in Straßburg einen Antrag ein. "Irgendwann werde ich eine ernsthafte Therapie brauchen", sagte Hollie Dance danach vor dem Krankenhaus im Osten Londons zu Reportern. "Aber momentan habe ich keine Zeit, darüber nachzudenken."

 "Worst-Case-Szenario": Familie will Archie ins Hospiz verlegen

Der Barts NHS Health Trust, der das Krankenhaus betreibt, sagte zu, die Geräte laufen zu lassen, solange eine abschließende gerichtliche Entscheidungen aussteht. Dass es in der Heimat keine Chancen für Archie gibt, hatte die Familie mittlerweile akzeptiert. Doch das Schicksal einfach hinnehmen, will sie auch nicht.

Es habe Angebote aus Japan und Italien gegeben, wo man bereit sei, Archie weiterzubehandeln. "Man sollte ihm das erlauben", sagte Dance, die fest daran glaubt, dass ihr Sohn gesundheitliche Fortschritte mache. Zumindest solle Archie in ruhiger Umgebung in einem Hospiz sterben können - statt in einem lauten, sterilen Krankenhauszimmer. Dieses "Worst-Case-Szenario" wollten die Eltern nun durchsetzen.

Doch entgegen früherer Versprechen habe die Klinik dies abgelehnt, sagte Dance erschüttert. Sie forderte Reformen, damit nicht noch mehr Eltern vor Gericht ziehen müssen, wenn sie ihr Kind nicht aufgeben wollen. Am Donnerstagmorgen reichte das Paar einen entsprechenden Antrag für Archies Verlegung in ein Hospiz beim High Court in London ein, meldete die britische Nachrichtenagentur PA unter Berufung auf einen Sprecher der Familie.

Ärzte wollen Jungen in Klinik behalten und warnen vor Risiken

Doch die Klinik stellt sich gegen den Wunsch der Eltern: "Archie ist in einem solch instabilen Zustand, dass ein erhebliches Risiko sogar dann besteht, wenn er innerhalb seines Krankenhausbettes gedreht wird, was im Rahmen seiner fortlaufenden Pflege erfolgen muss", teilte der Krankenhausbetreiber mit. "Dies bedeutet, dass in seinem Zustand eine Verlegung mit dem Krankenwagen in eine völlig andere Umgebung höchstwahrscheinlich die vorzeitige Verschlechterung beschleunigen würde, die die Familie vermeiden möchte."

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