Der Mann, der ein Mullah war, ist frisch rasiert. Er trinkt Bitter Lemon. Ordentlich gekämmter Seitenscheitel, darunter ein Lächeln und ein schwarzes Sakko über dunkelrotem Hemd. Der 53-Jährige trägt keine Krawatte, sieht jünger aus als er ist, passt ins kühl-moderne Ambiente des Cafés in der Bamberger Innenstadt. Doch während an den anderen Tischen über den Wochenmarkt, das vergangene Uni-Semester und diverse Liebeleien geplaudert wird, spricht Reza Hajatpour über gesellschaftliche Widersprüche in der Islamischen Republik Iran.
Hajatpour war 20 Jahre alt und studierte islamische Theologie an der Hochschule Ghom, als Ayatollah Ruhollah Chomeini 1979 aus dem Exil in den Iran zurückkehrte und den Gottesstaat ausrief - der junge Hajatpour fand das "paradiesisch: sich von der Familie lösen, selbstständig werden, Weisheit gewinnen". Er lächelt. Fältchen um die Augen verraten dabei, dass die Naivität der Jugend lange hinter ihm liegt.

"Schizophrenie der Geschichte"

Sechs Jahre nach Entstehung der islamischen Republik floh der junge Geistliche aus dem Gottesstaat, entsetzt, desillusioniert, als Regimekritiker ein Ex-Häftling. "Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit - das waren unsere Parolen in der Revolution. Wir wollten einen Despoten beseitigen, keinen neuen Despoten." Lakonisch ergänzt er: "Das ist die Schizophrenie unserer Geschichte."
Im Sommer 2009, nachdem Machtinhaber Mahmud Ahmadinedschad erneut zum Sieger der Präsidentschaftswahl erklärt worden war, gingen Millionen Iraner auf die Straße. Die so genannte "grüne Bewegung" wurde brutal niedergeschlagen. Sie wird oft als Vorbild des Arabischen Frühlings gesehen - auch wenn kein Systemwechsel gelang. Gebildete junge Iraner sehen die allgegenwärtigen Lügen. "Die Bevölkerung ist wütend auf das System", sagt Hajatpour. "Viele sind auch wütend auf den Westen." Diejenigen, die auf Hilfe vom Ausland gehofft hatten, sind enttäuscht. "Die Grüne Bewegung wurde kaum unterstützt." Andere fürchten die Einmischung des Westens, haben Angst, dass ihr Land seine Souveränität verliert. "Was in Afghanistan oder dem Irak passiert ist, will im Iran keiner. Und der Westen kommt ständig nur mit Drohungen. Die Iraner wollen sich nicht erpressen lassen."

Die Bombe als natürliches Recht

Das Regime heizt diese Stimmung an. "Das Atomprogramm wird zu diesem Zweck instrumentalisiert: als ein natürliches Recht für den Iran. Die Amerikaner haben Atomwaffen, die Israelis, die Pakistanis." Das stört die Iraner - und lenkt sie von der Innenpolitik ab. "Ahmadinedschad redet jetzt über iranische Nationalität, nicht mehr so über den islamischen Staat." Im Frühjahr endet die zweite Amtszeit des Präsidenten. Er wird nicht erneut kandidieren. Eine entscheidende Veränderung erwartet Hajatpour dadurch nicht: "Ahmadinedschad ist nur eine Figur. Eine Spielfigur."

Zwei Mädchen am Nebentisch lachen, aus dem Lautsprecher singt Edith Piaf "Non, je ne regrette rien" - "Nein, überhaupt nichts, nein, ich bereue nichts." Hajatpours Finger tippen den Takt auf der Tischplatte. Nachdem er das Asylverfahren in Bayern durchgestanden, den Aufenthaltsstatus bekommen und Deutsch gelernt hatte, studierte er Islamwissenschaft, Philosophie und Politikwissenschaft in Heidelberg und Bonn. Er promovierte und arbeitete als Iranistik-Dozent an der Universität Bamberg. Derzeit hat er eine Vertretungsprofessur für Islamkunde Universität an der Tübingen. Das Exil ist für ihn zur Heimat geworden. Er hat hier eine neue Familie gegründet.
Seine beiden ältesten Töchter, der Rest der Familie und viele Freunde leben im Iran. "Unter den Sanktionen leidet nicht nur das System, sondern auch die Bevölkerung." Die Abkapselung vom internationalen Bankenmarkt und das Ölembargo führen zu Inflation und Lebensmittelrationierung. "Die Armut wird schlimmer. Wie lange kann die Bevölkerung das noch akzeptieren?", fragt Hajatpour. Vielleicht münden die Wirtschaftssanktionen in eine neue Revolution, meint er. "Aber es darf keinen Krieg geben!" An eine Reformierung des Landes glaubt er nicht. "Alle wollen innerhalb des Systems etwas verändern. Das kann nicht funktionieren. Nur der Klerus könnte etwas bewegen - wenn er denn wollte."

Der oberste geistliche Führer des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, ist die entscheidende Macht im Land. Er - und die Leute dahinter. "Das System hat die Presse unter Kontrolle. Sie haben die Gefängnisse. Sie haben alle Macht. Die klerokratische Herrschaftsstruktur ist das Herz des Systems." Hajatpour spricht von einer Symbiose zwischen Klerus und Revolutionsgarden. "Früher waren die Garden die Stütze der Herrschaftsstruktur." Er überlegt. "Jetzt sind sie - meines Erachtens - fast eine Parallelmacht." Der Exilant zählt an den Fingern ab: "Sie haben außenpolitisch großen Einfluss, wirken beim Atomprogramm mit. Sie haben die ganze Wirtschaft in der Hand. Sie haben militärische Macht: 5000 Mann bewaffnet bis an die Zähne, auch mit modernen Waffen. Außerdem haben sie mafiöse Strukturen."

Profit aus Öl und Drogen

Etwa 90 Prozent der Opiate, die weltweit im Umlauf sind, werden laut dem "United Nations Office on Drugs and Crime" in Afghanistan hergestellt. Der Iran hat über die Straße von Hormus nicht nur Einfluss auf die internationalen Öltransporte, sondern ist auch ein Umschlagplatz für Heroin und Opium auf der Route von Afghanistan nach Europa. Die Revolutionsgarden stecken Hajatpour zufolge mit im Drogengeschäft. Sie sind es auch, die Verbindungen zur Hisbollah unterhalten. Aber den Garden fehlt der Rückhalt in der Bevölkerung. Nur in der Symbiose mit dem Klerus sind sie stark.

Literarische Aufarbeitung

Der frühere Mullah trinkt einen letzten Schluck Bitter Lemon. Er habe die Religion nie kritisiert. "Nur die Vermischung von Religion und Politik kann ich nicht akzeptieren." Seine Erfahrungen als junger Geistlicher im Iran, die Zweifel und Widersprüche zu den neuen, religiösen Machthabern, hat er in Deutschland in seinem autobiografischen Roman "Der brennende Geschmack der Freiheit" verarbeitet. Er hat dieses Kapitel seines Lebens abgeschlossen. Inzwischen ist sein zweites Buch erschienen, diesmal ist es ein fiktiver Stoff: "Tage der Liebe" handelt zwar von einem Exil-Iraner, sei aber nicht seine Geschichte, betont der Autor. Er spricht von Liebe und Poesie, Literatur und Sprache - das passt in das von Studenten bevölkerte Café in seiner Wahlheimat Bamberg.

Hajatpours Literatur

Das autobiografische Werk "Der brennende Geschmack der Freiheit: Mein Leben als junger Mullah im Iran" erschien 2005 in der Edition Suhrkamp und kostet 12 Euro.

Der Roman "Tage der Liebe, im Schatten der Erinnerung" kam im Herbst 2011 in der Edition Hamouda heraus, handelt von einem Exiliraner, dem Anderssein und der Auseinandersetzung mit einer Lebenskrise. Es kostet 10 Euro.