Air Berlin zieht die Notbremse: Die angeschlagene Fluggesellschaft will bis zu 1200 Mitarbeiter entlassen und einen Teil ihrer Flotte an die Lufthansa abgeben. Dies gab das Unternehmen am Mittwochabend in einer Mitteilung an die Finanzmärkte bekannt. Lufthansa will bis zu 40 Flieger der zweitgrößten deutschen Airline samt Besatzungen für sechs Jahre anmieten. Der Großteil soll für die Billigtochter Eurowings fliegen, wie Lufthansa mitteilte.

Air Berlin will sich auf das Kerngeschäft mit einer Flotte von 75 Maschinen von den beiden Drehkreuzen Berlin und Düsseldorf aus konzentrieren. Das Touristikgeschäft mit 35 Flugzeugen soll in einem eigenen Geschäftsbereich zusammengefasst werden mit dem Ziel, strategische Optionen zu prüfen.

Dabei geht es Insidern zufolge um ein mögliches Gemeinschaftsunternehmen mit der deutschen Ferienfluglinie Tuifly.
Wie die Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX aus dem Umfeld der Verhandlungen erfuhr, will Air Berlin ihre österreichische Air-Berlin-Tochter Niki in die Gesellschaft einbringen. Hinzu kämen 14 Maschinen der Tuifly samt Personal, die der Reisekonzern seit mehreren Jahren an Air Berlin vermietet hat.


Fast eine Milliarde Euro Schulden

Die Berliner stecken in einer desolaten finanziellen Lage. Die mit fast einer Milliarde Euro verschuldete zweitgrößte deutsche Fluglinie wird schon seit Jahren von ihrer arabischen Großaktionärin Etihad mit immer neuen Millionenspritzen in der Luft gehalten.

Air-Berlin-Chef Stefan Pichler bedauerte die Entscheidung für Stellenkürzungen, begründete dies aber mit der Notwendigkeit, das Unternehmen effizienter auszurichten: "Es fällt mir schwer, in einem dynamischen Arbeitsmarkt wie dem deutschen betriebsbedingte Kündigungen anzukündigen. Dennoch müssen wir leider Personal abbauen. Unser Ziel ist es, dies so sozialverträglich wie möglich zu gestalten."

Die Lufthansa baut durch die Vereinbarung ihre Billigtochter Eurowings im Kampf gegen die Konkurrenz von Ryanair und Co. dagegen kräftig aus. Die Flotte der Tochter von derzeit 90 Jets soll durch den Air-Berlin-Deal um 35 Maschinen wachsen. Weitere fünf Flugzeuge würden von Austrian Airlines angemietet. Die Vereinbarung soll sechs Jahre laufen und mit dem Sommerflugplan am 26. März 2017 beginnen.

Zuvor hatte der Lufthansa-Aufsichtsrat der Komplettübernahme der belgischen Fluglinie Brussels Airlines zugestimmt. Früheren Angaben zufolge soll Brussels für Eurowings an den Start gehen.

Eurowings ist als Plattform angelegt, an der andere Fluggesellschaften auf verschiedene Weise andocken können. Der Kauf weiterer Fluglinien ist dabei ebenso denkbar wie eine Kooperation oder eben Leasing-Vereinbarungen wie mit Air Berlin.


Über Air Berlin

Gegründet wurde Air Berlin von dem ehemaligen Flugkapitän Kim Lundgren im US-Bundesstaat Oregon, denn während der deutschen Teilung durften nur Jets der Alliierten Berlin ansteuern. Nach dem Mauerfall stieg Joachim Hunold 1991 in das Unternehmen ein und rief die deutsche "Air Berlin GmbH & Co. Luftverkehrs KG" ins Leben. Mehrere andere Privatleute beteiligten sich.

Seit Anfang 2006 ist Air Berlin eine Kapitalgesellschaft britischen Rechts. Im Mai 2006 ging das Unternehmen an die Börse. Im Streben um Wachstum übernahm Air Berlin die dba und LTU, auch die österreichische Niki und die Schweizer Fluglinie Belair kamen dazu. Wirtschaftlich steckte das Unternehmen aber seit dem Börsengang meist in den roten Zahlen. Zuletzt flog es 2015 einen Rekordverlust ein.