Toronto
Umwelt

Wie gefährlich sind Insektizide für Bienen und Hummeln wirklich?

Über die Gefährlichkeit bestimmter Insektizide für Bienen wird seit Jahren gestritten. Zwei neue Studien belegen: Neonicotinoide sind schädlich - manchmal.
Artikel drucken Artikel einbetten
Insektenvernichtungsmittel sollen die Navigationsleistung von Bienen stören und ihr Gedächtnis beeinträchtigen.  Foto: Michael Reichel, dpa
Insektenvernichtungsmittel sollen die Navigationsleistung von Bienen stören und ihr Gedächtnis beeinträchtigen. Foto: Michael Reichel, dpa
Für Randolf Menzel ist die Sache ziemlich klar: Insektenvernichtungsmittel aus der Gruppe der Neonicotinoide schaden Bienen und Hummeln. Der Neurobiologe von der FU Berlin hat fast sein ganzes Wissenschaftlerleben der Erforschung dieser Insekten gewidmet. In mehreren Untersuchungen hat er gezeigt, dass die Substanzen unter anderem die Navigationsleistung der Insekten stören und ihr Gedächtnis beeinträchtigen.

Auch viele Umweltschützer und Imker fürchten, dass diese Insektizide das Überleben der für die Menschen so wichtigen Bestäuberinsekten gefährden. Zwei im Fachmagazin "Science" veröffentlichte Studien aus Großbritannien und Kanada scheinen ihnen nun Recht zu geben: Sie kommen zu dem Schluss, dass Neonicotinoid-Insektizide (NNI) die Gesundheit von Bienen und Hummeln beeinträchtigen.

Neonicotinoide sind synthetisch hergestellte Insektengifte. Die Substanzen binden an einen Rezeptor auf Nervenzellen und stören so die Weiterleitung von Nervenreizen. Häufig werden sie als Saatgutbeizmittel eingesetzt, beim Wachsen verteilt sich das Gift dann in der Pflanze - bis in Pollen und Nektar. So können auch nützliche Insekten wie Bienen und Hummeln die Stoffe aufnehmen. Die Frage, inwieweit dies den Nutzinsekten schadet, bewegt die Gemüter seit langem. Studien, die negative Auswirkungen fanden, gibt es zuhauf. So zeigten Schweizer Forscher 2016, dass bestimmte NNI die Fruchtbarkeit männlicher Honigbienen verringern und deren Lebensspanne senken. Eine andere Studie zeigte, dass Bienen mit NNI behandelte Pflanzen nicht etwa meiden, sondern sogar bevorzugt ansteuern. Aufgrund mehrerer Untersuchungen beschloss die Europäische Kommission 2013 ein Moratorium, das die Anwendung der drei als besonders gefährlich erachteten NNI in der EU stark einschränkt.

Kritiker des Moratoriums bemängeln hingegen, die Studien seien nicht unter realistischen Bedingungen durchgeführt worden, Belastungen der Insekten viel höher als im Freiland zu erwarten. Was genau wurde untersucht? Ein Wissenschaftlerteam um Ben Woodcock vom britischen Natural Environment Research Council führte Freilandversuche in drei Ländern durch, in Deutschland, Ungarn und in Großbritannien.

Die Wissenschaftler setzten Honigbienen, Erdhummeln und Rote Mauerbienen neben Rapsfeldern aus. An allen Standorten wuchsen auf einem Teil der Felder Pflanzen, deren Samen unter anderem mit NNIs behandelt worden war. Ein Ergebnis: In Großbritannien und in Ungarn sank die Überwinterungsfähigkeit der Honigbienen neben den NNI-Feldern.

In Deutschland fanden die Forscher diesen Effekt nicht. Warum, können sie nicht erklären. Sie vermuten, dass verschiedene Umweltbedingungen in den einzelnen Ländern die Unterschiede hervorrufen. Denkbar sei auch, dass der Gesundheitszustand der deutschen Bienen besser ist, sie damit nicht so empfindlich auf eine NNI-Belastung reagieren. In allen drei Ländern schmälerten Neonicotinoid-Rückstände in den Nestern den Fortpflanzungserfolg der Hummel und der Wildbienen-Art.

Unabhängige Fachkollegen bewerten die erste Studie in Teilen problematisch. Es gebe methodische Schwächen, die gemessenen Parameter seien sehr grob. "Die Menge an Neonicotinoiden, die in der Studie ausgebracht wurden, variieren und es ist auch unklar, warum verschieden hohe Saatgutkonzentrationen ausgebracht wurden, beziehungsweise, wie realistisch die sind", sagt etwa der Ökotoxikologe Carsten Brühl von der Universität Koblenz-Landau.

Dennoch zeige die Studie klare Effekte sowohl auf Honig- als auch auf Wildbienen. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)in Leipzig ergänzt: "Die Studie scheint mir bezüglich des Versuchsaufbaus nicht angemessen gut vorbereitet worden zu sein." In der zweiten Studie hatten kanadische Forscher um Nadia Tsvetkov von der York University in Toronto die NNI-Belastung in Kolonien von Honigbienen gemessen, die neben landwirtschaftlichen Feldern oder fernab davon lebten. In den Kolonien neben den Feldern fanden sie deutlich häufiger NNIs und andere Chemikalien - in den Tieren selbst sowie in Pollen und im Honig. Am stärksten belastet waren die Pollen, und zwar zumeist die von Wildpflanzen.

Dies deute daraufhin, dass sich die wasserlöslichen NNI von den Feldern in die Umgebung ausbreiten, so die Forscher. Sie zeigten desweiteren, dass unter anderem das Hygieneverhalten der Bienen beeinträchtigt wurde und dass Fungizide die toxische Wirkung der Neonicotinoide verstärken. Alles in allem scheinen die beiden Studien die Vorbehalte gegenüber den NNI zu bekräftigen.