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Kunst

Wenn Facebook Realität wird - Tea Mäkipääs unheimliche Stadt

Finnen sind bekannt für ihren dunklen Humor. Die Kunst von Tea Mäkipää scheint poppig bunt. Hinter den Fassaden verbergen sich aber Abgründe.
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Finnen sind bekannt für ihren dunklen Humor. Die Kunst von Tea Mäkipää scheint poppig bunt. Hinter den Fassaden verbergen sich aber Abgründe. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Finnen sind bekannt für ihren dunklen Humor. Die Kunst von Tea Mäkipää scheint poppig bunt. Hinter den Fassaden verbergen sich aber Abgründe. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Die finnische Künstlerin Tea Mäkipää lässt Wohnhäuser wie Atlantis im Wasser versinken. Oder sie setzt ein Haus im Originalmaßstab nur aus dem technischen Innenleben mit Leitungen, Kabeln, Wasserrohren, Toiletten und Spülbecken zusammen. In ihrem neuesten Werk lässt die 44-jährige Multimediakünstlerin das Internet Realität in Gestalt einer unheimlichen Ladenstraße werden. Erstmals ist in Deutschland eine umfassende Werkschau Mäkipääs im Museum Schloss Moyland am Niederrhein zu sehen.

"Early Harvest" - "Frühernte" - heißt die bis 19. November laufende Ausstellung mit spektakulären Installationen. Der Titel weist darauf hin, dass Mäkipää den Betrachter ihrer Kunst direkt mit den Folgen von Umweltzerstörung, ungebremstem Konsum und ungezügelter Globalisierung konfrontiert. Denn "Frühernte" bedeutet nichts anderes, als immer schneller und größere Mengen zu ernten und für die Nachwelt nichts übrig zu lassen.

"Wie werde ich mir über die Kunst meiner globalen gesellschaftlichen Verantwortung bewusst?" Das sei das Thema Mäkipääs, sagt die Moyland-Direktorin Bettina Paust. Insofern habe Mäkipää auch einen Bezug zu Joseph Beuys, dessen umfangreiches Frühwerk in Moyland gehütet und ausgestellt wird. Mäkipää hat als ihre Antwort auf die Zerstörung der Welt die "Zehn Gebote des 21. Jahrhunderts" aufgesetzt: Fliege nicht, recycle, meide Plastikverpackungen und produziere nicht mehr als zwei Kinder, heißt es da.

Mäkipääs Themen seien von einer subversiven Ironie durchsetzt, aber dennoch "bitterernst", sagt Paust. So hat die Künstlerin in ihre eigens für die Ausstellung entstandene "Ladenstraße" mit Geldwäschesalon und Luxushotel auch eine alte staubige Haustür eingebaut. Auf den Klingelschildern stehen illustre und zweifelhafte Namen: Assad, Trump, Erdogan, Putin, Goldman Sachs. Doch klingeln kann man nicht.

Ein Hunde Spa und eine Toilette als Denkfabrik ("Think Tank"), Überwachungskameras und ein Mikrofon, verborgen in einem künstlichen Blumenstrauß - die Eindrücke prasseln auf den Besucher der "Escape Allee" ungefiltert ein. Und nicht grundlos sagt Mäkipää: "Das ist wie Facebook im realen Raum." Das Warenangebot von Sex bis zu Big Data ist in der Ladenstraße grenzenlos.

Für Kurator Alexander Grönert ist Mäkipääs Kunst "eine Mischung aus Kitsch und totalem Ernst" - mit vielen Anspielungen auch an klassische Motive der Kunst. Mäkipää spannt für ihre Multimedia-Kunst auch immer andere Künstler ein. So hat ein Filmteam, das normalerweise Rentiervideos dreht, das verstörende Schwarz-Weiß-Video eines Drohnenangriffs im Irak in das Foto eines Popkonzerts hineinmontiert. Star auf der Bühne ist nicht mehr die Band, sondern der zerstörerische Krieg.
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