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US-Wahlen: Wird der Super Tuesday zum Super Trumpday?

Super Tuesday, Großkampftag in den USA. Wahlen in zwölf Staaten, es geht um Hunderte Delegierte. Wird das schon die Krönungsmesse für Donald Trump?
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Donald TrumpFoto: EPA/RICHARD ELLIS/dpa
Donald TrumpFoto: EPA/RICHARD ELLIS/dpa
Er wird nach diesem Dienstag noch nicht am Ziel sein. Aber er wird ihm sehr viel näher kommen. Nach dem Super Tuesday, einem Höhepunkt im Vorwahlkampf der USA, könnte es nach Lage der Dinge nicht mehr viel geben, was zwischen Donald Trump und der Präsidentschaftskandidatur der republikanischen Partei liegt. Wie konnte es soweit kommen? Und was geschieht dann? 

Die Ausgangslage: In zwölf Staaten wird am Dienstag gewählt. Bei den Republikanern geht es um mehr als 600 Delegierte, bei den Demokraten um rund 1000. Letzte Umfragen sehen Trump fast überall vorne. Eng wird es in Texas, Heimatstaat von Ted Cruz.
Aber selbst als guter Zweiter sicherte Trump sich dort einen großen Anteil der Delegierten.


Wer kann Donald Trump noch stoppen?

Der einzige, der Trump stoppen kann, ist der Wähler, schrieb die "Washington Post". Vielleicht will er das aber gar nicht, der Wähler. Robert Kagan schreibt für den Thinktank Brookings: Trump sei Gezücht, Schuld und Verantwortung der republikanischen Partei. An seinem Erstarken sei niemand schuld als die Republikaner selbst.
Der Göttinger Politologe Torben Lütjen sieht es so: Zunächst habe die Grand Old Party Amerika mit der politischen Erzählung versorgt, das Land werde von einer abgehobenen Elite des Liberalismus regiert. Dort das korrupte, verkommene Washington, hier das amerikanische Kernland.

Es folgten erfolgreiche Jahre amerikanischen Konservatismus unter anderem mit mehreren Steuersenkungen, von denen aber ganz ausschließlich Reiche profitierten. Lütjen: "Um das fragile Bündnis mit den Wählern zusammenzuhalten, mussten die Attacken auf den Feind ständig gesteigert werden, der Feind ins Riesenhafte überhöht."

Am Ende griffen Ablehnung und Feindschaft der republikanischen Anti-Establishment-Erzählung auf das ganze System über. Jeder wollte in Washington "aufräumen". Es folgten sieben Jahre, die den Republikanern vor allem als komplette, 100-prozentige Verweigerung aller Zusammenarbeit mit Präsident Barack Obama dienten. Der Kompromiss, die DNA aller Politik, wurde zum Schimpfwort.

Lütjen: "Wer dem Affen ständig Zucker gibt, darf sich nicht wundern, wenn ihm plötzlich ein 400-Kilo-Gorilla auf dem Schoß sitzt." Nun regiere die reine Anti-Politik. "Trump: Das Monster, das die GOP geschaffen hat", schreibt die "Washington Post". Im Sommer 2015.


Der Donald kann das

Die GOP, die früher stolze Partei Abraham Lincolns und Ronald Reagans, sie liegt in Trümmern. Trump braucht sie überhaupt nicht, ebenso wenig wie die Medien. Er kanalisiert die riesige Wut im Land auf alle, die vermeintlich nichts geregelt bekommen. Er befeuert einen auf seine Art sehr amerikanischen Kinderglauben: Der Donald, der wird alles gut machen. Der ist Milliardär. Der hat Erfolg. Der kann das. Das mag ein etwas unterkomplexes Politikverständnis sein, aber es ist überaus erfolgreich.

Lakonisch schreibt die "Vanity Fair": All die schönen Faktenchecks, von denen es noch nie so viele gab wie in diesem Wahlkampf, sie werden einen Lügner nicht vom Weißen Haus fernhalten.


Brutal, rücksichtslos, antiintellektuell und gewieft

Trump ist alles andere als ein Ideologe. Und kein Politiker. Er ist ein Demagoge und ein Hetzer, er wird von Neonazis unterstützt und vom Ku Klux Klan, aber inhaltlich ist er oft nahe bei den Demokraten. Er ist ein begnadeter Selbstdarsteller, hat wie niemand sonst begriffen, was die Leute hören wollen und wie man Tsunamis in den Social Media losschickt. Er ist brutal, rücksichtslos, antiintellektuell und gewieft. Er glaubt ganz ausschließlich an sich selbst. Und ihm geht etwas ab, was den allermeisten Politikern eignet: Scham.

All das trägt ihn immer und immer weiter, auch wenn Politico sich zuletzt nicht mehr ganz sicher war, ob es sich bei 2016 vielleicht nicht um eine Posse handle, eine ganz große Verlade, die zum eigenen Ergötzen auch die Wähler mitmachten, bevor es dann wieder um Inhalte gehe und um echte Politik.

Der März wird ein entscheidender Monat. Die Mehrzahl der Delegierten wird vergeben. Vor allem auf den 15. März richtet sich der Blick, eine Art zweiter Super Tuesday, wenn mit dem besonders wichtigen Florida der erste "Winner Takes All"-Staat ansteht (sonst werden die Delegierten anteilig vergeben). Dann wird man klarer sehen.
Und die anderen? Für Marco Rubio ist es noch nicht vorbei. Auch Bill Clinton gewann 1992 keine der ersten vier Wahlen (Georgia war am Super Tuesday seine erste). Die "New York Times" rechnete aus, dass Rubio am Dienstag auch alle Staaten verlieren und trotzdem am Ende obsiegen kann. Voraussetzung sind allerdings eine ganze Menge Wenns und Konjunktive. Cruz hat kaum Chancen, die anderen Bewerber keine.

Rubio braucht mindestens Achtungserfolge und danach einige Wunder. Dass Chris Christie nun Trump unterstützt, tut Rubio weh. In der Partei schrillten alle Alarmsirenen, schrieb Politico: New Jerseys Gouverneur werde sicher nicht der letzte aus dem Establishment sein, der Trump unterstützt. "Am Ende ist das hier Washington. Und am Ende geht es um die Verteilung von Macht und Positionen. Für viele."


Demokraten: Clinton voll in der Spur

Für die Demokraten ist die Geschichte des Super Tuesday eher rasch erzählt. Topfavoritin Hillary Clinton ist wieder voll in der Spur. Bernie Sanders könnte Vermont für sich entscheiden, den Staat vertritt er als Senator, und ebenfalls im Nordosten vielleicht Massachusetts. Der große Rest vor allem im Süden scheint Hillary-Land zu sein. Das sieht kommod aus, aber 2016 weiß man nie.

Da im Wahljahr 2016 bisher alles passiert, was passieren kann, zwei Szenarien für den Sommer. Eins: Bei den Demokraten holt sich Clinton locker die Kandidatur. Dann klagt das FBI die Kandidatin wegen ihrer E-Mail-Affäre an. Zwei: Bei den Republikanern hat niemand der Bewerber nach den Vorwahlen die nötige Mehrheit. In Cleveland käme es zu einer "brokered convention": Alle Delegiertenstimmen werden auf Null gestellt, in einer historischen Wahlschlacht wird in vier Tagen der eine Kandidat für das Weiße Haus bestimmt.
Dies wird noch ein langes Jahr, bevor am 8. November gewählt wird. dpa




 


Interview: Wer sind Trumps Anhänger, warum stimmen sie für ihn?

Wer Trumps Anhänger sind, warum sie sich dem Establishment verweigern und wie es nun weitergeht im US-Wahlkampf, darüber hat Jens Schmitz mit dem Soziologen und Politikwissenschaftler Andrew Cherlin von der Johns Hopkins University in Baltimore gesprochen.

Professor Cherlin, Donald Trump hat drei von vier Vorwahlen gewonnen und in Iowa einen starken zweiten Platz belegt. Ist er als Präsidentschaftskandidat der Republikaner unaufhaltsam?
Andrew Cherlin: Er ist stark, aber ich glaube nicht, dass er unaufhaltsam ist. Er kann sich jeden Moment selbst zerstören. Und die Partei wird alles versuchen, um ihn zu schlagen.

Die Führung der Republikaner hat aber offenbar Probleme mit ihrer Basis.
Die Partei war in der Vergangenheit um die Stimmen der weißen Arbeiterklasse herum gebaut. Bislang war sie in der Lage, deren Wahlverhalten zu kontrollieren. Diese Kontrolle geht jetzt verloren.

Trump ignoriert viele Grundpfeiler der herkömmlichen konservativen Ideologie. Er will die Sozialsysteme ausbauen, fordert höhere Steuern für Reiche, bekämpft Handelsabkommen und hat gelobt, die USA aus militärischen Abenteuern herauszuhalten. Religiöse Bekenntnisse kommen ihm nur mühsam über die Lippen. Tickt die Basis anders, als man an der Spitze denkt?
Das Establishment hat überschätzt, wie stark seine Wähler an die Standardpositionen glauben. Die weiße Arbeiterklasse besteht aus Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen und zornig sind über ihre wirtschaftliche Lage.

Was hat die Parteiführung falsch gemacht, dass man ihren Kandidaten nicht zutraut, diese Sorgen zu vertreten?
Sie hat die wachsende Einkommensschere ignoriert. Wir haben ja auf beiden Seiten des politischen Spektrums Bewerber, die sie thematisieren. Bernie Sanders spricht direkt darüber, Donald Trump tut es indirekt: Er macht Immigranten für die Probleme verantwortlich und sagt, er könne sie lösen.

Seit dem Herbst sind mehrere Studien erschienen, die belegen, dass unter 45- bis 54-Jährigen in den USA Weiße als Einzige eine steigende Sterblichkeitsrate haben. Dafür sind vor allem Alkohol, Drogen und Medikamentenmissbrauch verantwortlich. Sie haben das in der "New York Times" mit einem speziellen Pessimismus der Weißen verknüpft.
Warum einzelne Personen abhängig werden oder sich umbringen, wissen wir natürlich nicht. Aber der Trend passt zum abnehmenden Zutrauen dieser Bevölkerungsgruppe in den amerikanischen Traum.

Warum reagieren Afroamerikaner nicht ähnlich? Denen geht es doch im Schnitt noch schlechter.
Zum amerikanischen Traum gehört die Vorstellung, dass die eigene Generation bessere Chancen hat als die davor. Afroamerikaner und Latinos haben niedrigere Einkommen als Weiße. Doch wenn diese beiden Gruppen auf ihre Eltern schauen, geht es ihnen besser als denen. Für Weiße mit einem Universitätsabschluss trifft das womöglich auch noch zu; in der weißen Arbeiterklasse ist es erstmals nicht mehr der Fall. Diese Menschen werden nie so leben können wie ihre Eltern. Das ist sehr deprimierend für jemanden, der an den amerikanischen Traum glaubt.

Ist das eine Theorie oder haben Sie das geprüft?
Ich habe ein Buch über Familien in der Arbeiterklasse geschrieben. Dabei hat mein Team mit vielen jungen Männern in ihren 20ern und 30ern gesprochen. Die weißen Männer waren sehr entmutigt. Die schwarzen waren optimistischer. Es gibt auch eine Studie, die regelmäßig fragt, wie Menschen ihren Lebensstandard im Vergleich zu dem ihrer Eltern erleben. Der Anteil der Weißen, die ihn als besser bewerten, ist seit dem Jahr 2000 ziemlich steil gefallen, während das auf die anderen Gruppen nicht zutrifft.

Denken Trumps Anhänger nicht daran, dass ihr Kandidat später auch gegen die Demokraten eine Chance haben muss?
In diesem Jahr lautet die Antwort wohl Nein. Das wundert mich genauso wie jeden anderen. Ich halte Trump für unwählbar. Senator Marco Rubio ist sehr konservativ, aber es ist durchaus im Bereich des Möglichen, dass er eine Wahl gegen die Demokraten gewinnt. Ohios Gouverneur John Kasich könnte womöglich sogar ein paar Demokraten überzeugen, die Hillary Clinton nicht mögen. Aber wenn man Trumps Anhänger befragt, denken die, dass er gewinnen kann.

Was könnte geschehen, um einen Kandidaten Trump zu verhindern?
Ich frage mich, wie viele politisch nicht ratsame Dinge man sagen kann, bevor sich die Wähler gegen einen wenden. Trump verstößt gegen alle Gesetze des Wahlkampfs, und eines davon wird ihn vielleicht einholen. Von Seiten des Establishments erwarte ich vor dem "Super Tuesday" eine starke Sammlungsbewegung um Marco Rubio. So lang Senator Ted Cruz im Rennen bleibt und fast genauso gut abschneidet, hat Rubio es aber schwer. Trump profitiert vom Ehrgeiz seiner Verfolger.

Das Gespräch führte unser Korrespondent Jens Schmitz.

 


Super Tuesday in den USA: die aussichtsreichsten Bewerber

Das Rennen um die Präsidentschaftskandidaturen der beiden großen US-Parteien ist in vollem Gang, das Bewerberfeld hat sich gelichtet, der "Super-Tuesday" könnte weitere Weichenstellungen bringen. Die aussichtsreichsten Bewerber:

DEMOKRATEN

HILLARY CLINTON (68): 2008 unterlag sie Barack Obama in den innerparteilichen Vorwahlen. Der machte sie später zur Außenministerin. Diesmal gilt die Ehefrau von Ex-Präsident Bill Clinton als große Favoritin bei den Demokraten - auch wenn ihr Kontrahent Bernie Sanders ihr mehr zu schaffen macht, als ihr lieb sein kann. Clinton hat als einzige Bewerberin überhaupt ein politisches Profil im Ausland. Sie steht für eine Fortsetzung der Außenpolitik Obamas, einen härteren Kurs gegen die Waffenlobby und soziale Erleichterungen für Familien.

BERNIE SANDERS (74): Er ist der erfahrenste Parlamentarier im Rennen um das Präsidentenamt, 1990 wurde er erstmals ins Abgeordnetenhaus gewählt. Seit 2006 ist er Senator für den Staat Vermont. Sanders bezeichnet sich selbst als "demokratischer Sozialist" und wurde lange als krasser Außenseiter erachtet. Doch wenn er vor Tausenden Studenten spricht, bebt die Arena, Sanders verbreitet ungewöhnlich viel Energie. Er steht für eine liberalere Drogenpolitik, vor allem eine deutlich striktere Regulierung von Banken und Finanzmärkten.

REPUBLIKANER

DONALD TRUMP (69): Er wirft mit reißerischen Parolen um sich und beherrscht damit nicht nur die Schlagzeilen, sondern auch die Umfragen. Ein politisches Amt bekleidete der Immobilienunternehmer noch nie, ist aber als Parteispender in Erscheinung getreten. Er unterstützte sowohl Republikaner als auch Demokraten. Im Jahr 2000 hatte er sich für die inzwischen unbedeutende Reform-Party schon einmal zur Wahl gestellt. Der in New York lebende Investor hat fünf Kinder aus drei Ehen. Er holzt vor allem gegen Migranten aus Mexiko und will eine Mauer zwischen beiden Ländern bauen.

TED CRUZ (45): Er war schon mit kaum 30 Jahren als Wahlkampfberater für George W. Bush tätig. 2012 wurde der Jurist für Texas in den US-Senat gewählt. Er steht der rechtskonservativen Tea Party nahe, ist unter anderem gegen Abtreibung und schärfere Waffengesetze. Cruz hat großen Rückhalt bei den konservativen Christen und bei der Waffenlobby, beide Interessengruppen haben großen Einfluss. Er wurde in Kanada als Sohn einer US-Amerikanerin geboren. Manche - etwa Trump - stellen deshalb in Frage, ob er überhaupt Präsident werden könne.

MARCO RUBIO (44): Der Sohn kubanischer Einwanderer buhlt vor allem um die wichtigen Stimmen der Latinos. Rubio studierte Jura und wurde schon mit 28 Jahren in das Parlament von Florida gewählt. Dort arbeitete er unter anderem auch mit dem damaligen Gouverneur Jeb Bush zusammen. 2010 wurde der Aufsteiger mit dem jungenhaften Auftreten für Florida in den US-Senat gewählt. Er fordert eine umfassende Einwanderungsreform und lehnt die Annäherung zwischen Havanna und Washington vehement ab.