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Berlin
Germanwings-Unglück

Taskforce soll über Konsequenzen aus Flugzeugabsturz beraten

Sind Änderungen im Cockpit nötig oder neue Vorschriften für die Gesundheitschecks von Piloten? Sollten Passagiere auch bei Flügen in Europa zwingend den Ausweis vorlegen? Politiker und Luftfahrtbranche denken über Konsequenzen aus dem Flugzeugabsturz in Frankreich nach.
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Foto: AFP PHOTO/Eric Cabanis/dpa
Foto: AFP PHOTO/Eric Cabanis/dpa
Experten der deutschen Luftfahrtbranche wollen über weitere Konsequenzen aus dem Absturz der Germanwings-Maschine mit 150 Toten beraten. Eine neu eingerichtete Arbeitsgruppe soll nach Ostern starten und auch künftige Ermittlungsergebnisse aufnehmen, wie Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, Klaus-Peter Siegloch, am Donnerstag in Berlin ankündigten. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) brachte eine Ausweispflicht für Passagiere auf innereuropäischen Flügen ins Gespräch.

Die Expertengruppe soll unter anderem über mögliche Veränderungen der Regeln zur festen Verriegelung der Cockpittüren beraten. Geprüft werden sollen auch weitere medizinische und psychologische Checks, mit denen die Flugtauglichkeit von Piloten festgestellt wird. In dem Gremium vertreten sein sollen die Flugbetriebschefs der großen deutschen Airlines, Flugmediziner sowie Verbände der Piloten und Flugbegleiter. Das Verkehrsministerium und das Luftfahrtbundesamt sollen eingebunden werden. Vorschläge sollen an europäische und internationale Behörden, Branchenverbände und Luftfahrtorganisationen weitergeleitet werden.

"Die Aufgabe dieser Taskforce ist offen", sagte Siegloch. "Es ist wichtig, dass wir nicht zu übereilten Beschlüssen kommen." Wichtig sei, ausgiebig über Vor- und Nachteile möglicher Änderungen zu beraten. Denkbar sei auch, dass bestehende Regeln bestätigt würden. Bis zu ersten Erkenntnissen würden sicherlich nicht Monate vergehen.

Als Reaktion auf den Absturz hatten die deutschen Fluggesellschaften bereits entschieden, dass immer zwei Personen im Cockpit sein sollen. Der Germanwings-Copilot wird verdächtigt, seinen Kollegen ausgesperrt und die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht zu haben.

De Maizière für Ausweispflicht an Flughäfen

De Maizière schlug die Einführung einer Ausweispflicht an Flughäfen vor. "Meines Erachtens müssen wir aus Sicherheitsgründen wissen, wer tatsächlich an Bord eines Flugzeuges ist", sagte er der "Bild"-Zeitung. Bislang müssen Passagiere bei Flügen innerhalb des Schengen-Raumes nicht immer einen Ausweis vorzeigen, bevor sie eine Maschine besteigen. De Maizière hält das für ein Sicherheitsproblem. Hintergrund ist das Schengener Abkommen, dem sich bis auf wenige Ausnahmen alle EU-Staaten sowie einzelne andere Länder angeschlossen haben. Im Schengen-Raum gibt es keine systematischen Grenzkontrollen.

Dobrindt und Siegloch äußerten sich offen für eine mögliche Ausweispflicht innerhalb der Schengen-Grenzen. Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), sagte "Spiegel Online", dies zu prüfen, sei sinnvoll - allerdings nicht als rein nationale Regelung. Die Linke-Abgeordnete Ulla Jelpke sprach dagegen von einer "pietätlosen Stimmungsmache für Fluggastüberwachung".

De Maizière warb außerdem dafür, den Informationsaustausch mit Nicht-EU-Staaten über sogenannte Gefährder zu verbessern. "Wir müssen in Zukunft (...) insbesondere mit Krisenregionen Namen von gefährlichen oder potenziell gefährlichen Personen austauschen", sagte er der "Bild"-Zeitung. Bislang geschieht das in Europa, jenseits davon gibt aus laut Innenressort aber Nachbesserungsbedarf.

Von Christiane Jacke und Sascha Meyer, dpa



Chronologie: Die Ermittlungen nach dem Absturz von Flug 4U9525

Beim Absturz des Germanwings-Airbus in den französischen Alpen kamen alle 150 Insassen ums Leben, darunter 72 Deutsche. Mit an Bord: 16 Schüler und 2 Lehrerinnen aus Haltern in Nordrhein-Westfalen. Die Tage nach der Katastrophe:

25. März: Präsident François Hollande, Kanzlerin Angela Merkel und Nordrhein-Westfalens Regierungschefin Hannelore Kraft fliegen über den Unglücksort. - Die Staatsanwaltschaft Marseille ermittelt wegen fahrlässiger Tötung.

26. März: Die Auswertung des Stimmenrekorders nährt einen Verdacht: Der Copilot steuerte den Airbus wohl mit Absicht in die Katastrophe. Der Pilot sei aus dem Cockpit ausgesperrt gewesen.

27. März: Ermittler geben bekannt, dass zu Hause beim Copiloten zerrissene Krankschreibungen gefunden wurden, auch für den Absturztag. - Bundespräsident Joachim Gauck kommt zu einem Gedenkgottesdienst in Haltern. - Lufthansa sagt den Hinterbliebenen eine Soforthilfe von jeweils bis zu 50.000 Euro zu. - Viele Airlines führen die Zwei-Personen-Regel im Cockpit ein.

28. März: Germanwings eröffnet in der Nähe der Absturzstelle ein Betreuungszentrum für Angehörige.

29. März: Für Berichte, der Copilot habe an psychischen Problemen gelitten, gibt es zunächst keine Bestätigung. Die Meldungen lösen eine Debatte über die ärztliche Schweigepflicht aus.

30. März: Es wird offiziell mitgeteilt, dass der Copilot Jahre vor dem Absturz als suizidgefährdet eingestuft und in Psychotherapie war.

31. März: Es wird bekannt, dass die Lufthansa-Verkehrsfliegerschule während der Ausbildung des Copiloten von einer früheren Depression wusste. - Ein Video aus dem Airbus soll Medien zufolge Bilder aus den letzten Sekunden des Flugs zeigen. - Versicherungen stellen laut Lufthansa für Kosten der Katastrophe 278 Millionen Euro zurück.

1. April: Nachdem die Gendarmerie die Bergung von Opfern an der Absturzzone abgeschlossen hat, konzentrieren sich die Experten auf die Suche nach dem zweiten Flugschreiber. - In Haltern kommen erneut viele Menschen zu einem öffentlichen Gedenkgottesdienst zusammen. dpa
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