Berlin
Nahverkehr

Sicherheit auf Bahnhöfen: Wahrnehmung und Wirklichkeit

Tagsüber warten Manager in Anzügen auf den Bahnsteigen, Servicemitarbeiter sind unterwegs, Kinder schreien. Abends hängen Betrunkene in der ansonsten leeren Bahnhofshalle ab. Bei Reisenden macht sich dann ein Gefühl der Angst breit. Aus gutem Grund?
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Nach Angaben der Deutschen Bahn sind Bahnhöfe weit sicherer als andere Orte im öffentlichen Raum. Symbolbild: dpa
Nach Angaben der Deutschen Bahn sind Bahnhöfe weit sicherer als andere Orte im öffentlichen Raum. Symbolbild: dpa
Jugendliche hängen vor den Rolltreppen ab, Betrunkene pöbeln, in dunklen Tunneln stinkt es. Solche Eindrücke von Bahnhöfen kennen viele Reisende, gerade Frauen. Meist bleibt dieses diffuse Gefühl von Bedrohung aber ein Gefühl. Nach Angaben der Deutschen Bahn sind Bahnhöfe weit sicherer als andere Orte im öffentlichen Raum.

Der Sicherheitschef des Konzerns unterlegt das am Mittwoch mit einem Beispiel: Berlin hatte 2013 mit seinen knapp 3,5 Millionen Einwohnern 42 000 Fälle von Körperverletzung, wie Gerd Neubeck erklärt. Das seien rund 115 Übergriffe täglich.

Dagegen ist die Kriminalität in Zügen und auf Bahnhöfen vergleichsweise gering - in ganz Deutschland waren es rund 14 600 Fälle von Körperverletzung. "Die Entwicklung dieser Taten verläuft nahezu gleichbleibend und mit 40 Taten bei 7,4 Millionen Reisenden am Tag auf einem niedrigen Niveau", sagt Neubeck. Damit liege die Zahl der körperlichen Übergriffe in der Hauptstadt also sechs Mal höher als im gesamten Gebiet der Deutschen Bahn.
Nach einer jüngst veröffentlichten Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands Allianz pro Schiene ist die Zahl derer, die auf Bahnhöfen und an Haltestellen ein eher mulmiges Gefühl beschleicht, im Vergleich zum Vorjahr von 32 Prozent auf nun 27 Prozent gesunken. Verbandsgeschäftsführer Dirk Flege sprach dennoch von einem "gewaltigen Handlungsbedarf".

Fahrgästen das Gefühl von Unwohlsein nehmen

Dem versucht die Bahn mit Sicherheitsmitarbeitern zu begegnen. Das "subjektive Sicherheitsgefühl" von Reisenden werde vor allem durch DB-Mitarbeiter oder Bundespolizisten gestärkt, sagte Neubeck. 3700 Sicherheitskräfte bundesweit blieben die wichtigste Säule, um Fahrgästen ihr Gefühl von Unwohlsein zu nehmen. Hinzu kämen 5000 Beamte der Bundespolizei, 3000 Servicemitarbeiter auf den Bahnhöfen, 4800 Zugbegleiter im Nahverkehr und 4000 Zugbegleiter im Fernverkehr.

Die Forsa-Umfrage gibt dem Ansatz der Bahn Recht. 90 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen vor allem mehr Sicherheitspersonal wichtig sei. Videoüberwachung wünschten sich 82 Prozent der Teilnehmer.

Obwohl keine Kamera einem gewaltbereiten Täter seine Aggression nehmen könne, sei die Videoüberwachung dennoch wesentlich für die Strafverfolgung. Derzeit sind den Angaben nach 4800 Kameras an rund 640 Bahnhöfen deutschlandweit angebracht, weitere 18 000 in Regional- und S-Bahnzügen installiert. Tendenz steigend. Alles in allem würden damit etwa 80 Prozent der Fahrgastströme videoüberwacht.

Kleine Bahnhöfe bleiben Sorgenkinder

Der Sprecher des Fahrgastverbands "Pro Bahn", Gerd Aschoff, bewertet die Entwicklung positiv. Sorgenkinder blieben aber die kleineren Bahnhöfe, die gerade bei Anbruch der Dunkelheit oft menschenleer seien: "Hier muss die Bahn deutlich mehr investieren." Es brauche mehr Kameras, und auch die Polizei müsse öfter Streife fahren und damit Präsenz zeigen.

Verbessert habe sich die Situation hingegen auf den Bahnhöfen großer Städte. Das zeige eine Zahl in der Sicherheitsbilanz der Bahn: Der Konzern hat im vergangenen Jahr 6100 Hausfriedensbrüche festgestellt - ein Plus von 70 Prozent gegenüber 2012. Das hat nach den Worten von DB-Sicherheitschef Neubeck nichts damit zu tun, dass es an Bahnhöfen krimineller zugeht. "Wir greifen deutlich härter durch", sagt er.