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Gesellschaft

Regenbogenfamilien: der weite und steinige Weg zur Gleichberechtigung

Familie ist inzwischen mehr als Vater-Mutter-Kind. Wie ist es, wenn gleichgeschlechtliche Paare ihren Wunsch nach Kindern verwirklichen?
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Familie ist inzwischen mehr als Vater-Mutter-Kind. Wie ist es, wenn gleichgeschlechtliche Paare ihren Wunsch nach Kindern verwirklichen? Foto: Carmen Jaspersen/dpa
Familie ist inzwischen mehr als Vater-Mutter-Kind. Wie ist es, wenn gleichgeschlechtliche Paare ihren Wunsch nach Kindern verwirklichen? Foto: Carmen Jaspersen/dpa
Wenn die dreijährigen Zwillingsjungen aus Bremen nach ihrem Papa gefragt werden, kommt die Antwort schnell: "Wir haben eine Mama und eine Mami", erklären sie. Komisch finden die Kindergartenkinder das nicht. "Für sie ist das selbstverständlich", sagt Tina S., die seit neun Jahren mit ihrer großen Liebe Saskia zusammen ist. Seit 2012 sind sie eine eingetragene Lebenspartnerschaft und haben den gleichen Nachnamen.
Der Weg zu den Wunschkindern führte bei dem Paar über eine Samenbank. Lange stöberten die Frauen in den Datensätzen, um einen passenden Spender zu finden. "Weil Saskia zuerst schwanger werden wollte, haben wir einen Spender gesucht, der mir ähnlich sieht", erzählt die 36-Jährige Tina S., die als Geschäftsführerin eines Forschungsinstituts arbeitet. "Uns war außerdem wichtig, dass der Mann die Kinder kennenlernen möchte, wenn sie erwachsen sind. Und dass er offen gegenüber lesbischen Paaren ist."


Immer mehr Regenbogenfamilien

Offenheit ist den beiden auch in ihrer Beziehung zu den Kindern wichtig. Dass die Zwillinge mit Hilfe einer Samenspende gezeugt wurden, ist kein Tabu. "Wir gehen offen damit um", sagt die 38-jährige Saskia S., die Juristin ist. So taucht auch in Kinderbüchern der Familie das Thema Samenspende auf. Tieferes Interesse an dem Thema haben die Dreijährigen allerdings noch nicht. "Das wird in der Schule sicher anders werden", so die 38-Jährige. Dass sie manchmal von Leuten, die sie kaum kennt, gefragt wird, wie die Kinder entstanden sind, wundert sie. "Heteros würde man das nicht fragen", sagt sie.

Familie ist schon lange mehr als die klassische Variante Vater-Mutter-Kind. Die Zahl der Alleinerziehenden ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, Patchworkfamilien trifft man immer häufiger. Auch Regenbogenfamilien sind eine wachsende Gruppe. Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften seit 1996 von bis zu 124.000 auf bis zu 225.000 im Jahr 2015 gestiegen. Im vergangenen Jahr hatten mindestens 9000 dieser Paare Kinder.


Viel Verbesserungsbedarf bei Gleichberechtigung

Das Bundesfamilienministerium findet Regenbogenfamilien so wichtig wie alle anderen Familienformen. Für Kinder sei es egal, in welcher Familienform sie aufwachsen, teilte eine Sprecherin mit. "Wichtig ist, dass sie bestmöglich gefördert und begleitet werden und die Liebe und Zuneigung erfahren, die ihnen zusteht." Der Sprecherin zufolge ist es Aufgabe der Politik, Vielfalt anzuerkennen und passgenaue Rahmenbedingungen für die unterschiedlichen Familienformen zu schaffen.

Bei den Rahmenbedingungen gibt es aus Sicht des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD) allerdings Verbesserungsbedarf. "Es gibt immer noch eine rechtliche Ungleichbehandlung zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren mit Kindern und heterosexuellen Paaren mit Kindern", sagt Elke Jansen, die im LSVD ein bundesweites Projekt zur Verbesserung der Regenbogenkompetenz von Fachkräften leitet.



Zusätzlicher Bewährungsdruck

In der Tat unterscheidet die deutsche Rechtslage deutlich zwischen den Familienformen: Wenn ein Ehepaar mit Hilfe einer Samenspende ein Kind bekommt, ist der Ehemann automatisch zum Zeitpunkt der Geburt der rechtliche Vater. Wenn ein Mütterpaar in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft auf diesem Weg ein Baby bekommt, wird die soziale Mutter, die das Kind nicht zur Welt bringt, erst über den langen Weg einer Stiefkindadoption auch rechtliche Mutter des gemeinsamen Wunschkindes.

"Regenbogenfamilien erfahren durch die Überprüfung der Gerichte und Jugendämter im Zuge einer Stiefkindadoption einen zusätzlichen Bewährungsdruck. Gerade in einer Zeit, in der alle jungen Eltern von Staat und Gesellschaft gestärkt werden sollten, werden Mütter- und Väterfamilien hierdurch zusätzlich belastet", sagt Jansen.

Das Adoptionsverfahren haben auch Saskia und Tina S. durchlaufen. "Wir mussten dem Jugendamt unseren Lebenslauf schicken, erzählt die Juristin. "Das Jugendamt schaute sich unsere Wohnung an, fragte nach unseren Finanzen." Eineinhalb Jahre dauerte es, bis Tina S. in der Geburtsurkunde stand - als Vater. "Das steht jetzt für immer in der Geburtsurkunde", sagt sie mit einem Schmunzeln.

Bald wird die 36-Jährige auch als Mutter in einer Geburtsurkunde stehen, denn in ihrem Bauch wächst ein kleiner Junge. Im Januar soll das dritte Kind der Familie zur Welt kommen. Der biologische Vater ist der gleiche wie bei den Zwillingen. Die elterlichen Rechte und Pflichten wollen sich Saskia und Tina S. von Geburt an gleichberechtigt teilen - auch wenn es wieder ein Adoptionsverfahren braucht, bis das auch urkundlich ist. Für die drei Kinder spielt das keine Rolle. Für sie sind Saskia und Tina S. Mama und Mami.
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