Sugenheim
Historie

Napoleon war der Geburtshelfer des modernen Bayern

Die am 30. April beginnende Landesausstellung 2015 in Ingolstadt beschäftigt sich mit "Napoleon und Bayern" und belebt den Mythos um den Kaiser der Franzosen.
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Dose mit dem Porträt Napoleons als Kaiser. Foto: Patrice Maurin Berthier
Dose mit dem Porträt Napoleons als Kaiser. Foto: Patrice Maurin Berthier
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Keiner hätte gedacht, dass so ein Emporkömmling einmal Kaiser werden könnte: Napoleon Bonaparte (1769-1821), Sohn eines verarmten Adligen auf Korsika. Aber Napoleon beißt sich durch. Er macht in den Wirren der Französischen Revolution Karriere beim Militär, übernimmt die Macht in Frankreich und krönt sich 1804 selbst zum Kaiser. Bald beherrscht er weite Teile Europas. Doch so kometenhaft sein Aufstieg, so tief ist sein Fall. 200 Jahre nach seiner Niederlage bei Waterloo 1815, seiner endgültigen Abdankung und seiner Verbannung nach St. Helena erzählt die Landesausstellung 2015 in Ingolstadt die Geschichte Napoleons aus dem Blickwinkel des ehemaligen Verbündeten Bayern.


Historischer Schauplatz


Allein schon der Schauplatz der Präsentation ist Historie pur: Das Neue Schloss in Ingolstadt - Herberge des Bayerischen Armeemuseums - blieb von der einstigen
Landesfestung übrig, die Napoleon 1800/1801 schleifen ließ. Hier übernachtete der Kaiser der Franzosen auch auf dem Feldzug gegen die Österreicher 1809. Und hier traf er den bayerischen Kronprinzen Ludwig, der Napoleon zugleich bewunderte und hasste. So hat das Haus der bayerischen Geschichte als Hauptorganisator der Schau Ingolstadt trefflich für die Landesausstellung 2015 gewählt. Zumal etwa 100 der insgesamt 400 Exponate aus den Beständen des Armeemuseums stammen.


Napoleon - ein "Hundling"


Projektkuratorin Margot Hamm und ihr Team haben bayerischen Ruhm, Glanz und Verderben durch Napoleon augenfällig in Szene gesetzt. Nicht nur Geschichtsbeflissene machen zwischen Ausstellungsarchitektur, pfiffigen Mitmachstationen und bewegenden Inszenierungen ihre Entdeckungen. Denn "auch wer von Geschichte nichts weiß, hat schon von Napoleon gehört", sagt Kuratorin Hamm. Napoleon sei "ein Hundling" gewesen, ein "Meister der Propaganda", dessen Sog man nicht erliegen dürfe: "Seine Kehrseite ist das Leid, das er der Bevölkerung gebracht hat." Gleichwohl gelingt es der Ausstellung, den Mythos Napoleon, der die Landkarte Europas drastisch veränderte, geschickt zu beleben. Leihgaben aus französischen, russischen, schwedischen und österreichischen Sammlungen versinnbildlichen Krieg und Frieden, Hoffnungen und Ängste der napoleonischen Ära.

Unter den Ausstellungsobjekten ist viel Martialisches: Kanonen, Gewehre, Soldatenuniformen und -helme, dreidimensionale Bilder mit Schlachtenszenen, Waffenteile oder ein knöcherner Schädel, der vierzehn Säbelhiebe aufweist. Selbst die Kugel, die Napoleon in der Schlacht bei Regensburg 1809 in den Fuß getroffen haben soll und die ansonsten im Pariser Armeemuseum verwahrt ist, kann bestaunt werden; wie auch Napoleons Hut, der zu seinem Markenzeichen wurde. Ein Zweispitz, wie ihn Offiziere aufsetzen, aber um 90 Grad gedreht. Dieses Originalmodell hat Napoleon auf dem Russlandfeldzug 1812 getragen.


Bayern wechselte die Fronten


Und gerade dieser Feldzug wurde zum Wendepunkt in der napoleonisch-bayerischen Allianz: Von den über 30 000 bayerischen Soldaten, die mit der Grande Armée nach Osten zogen, kehrten nur wenige zurück. Napoleons Abstieg begann. Bayern wechselte im letzten Augenblick die Seiten und stand 1815 im Wiener Kongress auf der Siegerseite.
Dabei war es das einstige Bündnis mit dem Franzosenkaiser, das Bayern die Königskrone, ein um weite Teile Frankens und Schwabens vergrößertes Territorium und die erste liberale Verfassung brachte. Damals begann das moderne Bayern - und sein Geburtshelfer war Napoleon.


Am Ende stand der Staatsbankrott


Allerdings war es eine schwierige Geburt, die vor allem für die Bevölkerung mit großen Opfern verbunden war und an deren Ende der Staatsbankrott stand. Der bayerische Kurfürst Max IV. Joseph und sein Minister Maximilian Montgelas hatten sich in höchster Not - bedroht auf der einen Seite von den Österreichern, bedrängt auf der anderen von den Franzosen - auf Napoleons Seite geschlagen. Diese Wahl zwischen Pest und Cholera wurde belohnt: Napoleon erhebt Bayern 1806 zum Königreich. Der Preis dafür: die Hand einer Prinzessin. Die Tochter des bayerischen Königs, Auguste Amalie, muss Napoleons Stiefsohn Eugène de Beauharnais heiraten. Ein überdimensionaler Ehering, der in einem Ausstellungsraum von der Decke hängt, verdeutlicht Napoleons Bestreben, durch geschickte Heiratspolitik seinen europäischen Machtbereich zu festigen und von den alten Herrscherhäusern wie den Wittelsbachern oder Habsburgern anerkannt zu werden.

Moderne Verfassung

Der erste bayerische König Max I. Joseph und seine Beamten reformieren nach dem Vorbild Frankreichs das Land. Bayern wird ein straff organisierter, wesentlich erweiterter Staat. Der Kitt, der das alte und das neue Bayern zusammenhält, ist die Konstitution von 1808, eine der modernsten Verfassungen ihrer Zeit. Dennoch steht Bayern unter Napoleons Dirigat: Es muss als Verbündeter bei den Feldzügen Soldaten stellen. Bayern selbst ist Aufmarsch- und Kriegsgebiet. Bis heute finden sich an vielen Orten Erinnerungsspuren an den Einfall der Soldaten, der häufig leergeräumte Felder, Stallungen, Speicher und Vorratskammern hinterließ. Auf baye rischem Gebiet tobten Schlachten zwischen den französischen Heeren unter Napoleon und seinen Gegnern, allen voran Österreich. Hohenlinden und Eggmühl legen davon beredtes Zeugnis ab.


Die Weste eines Nürnberger Buchhändlers


Der Landesausstellung gelingt es auf geradezu berührende Weise, diese großen Ereignisse biografisch herunterzubrechen: Da gibt es das Kriegstagebuch des einfachen Soldaten Peter Schucher als Exponat. Oder die Brieftasche des Offiziers Cajetan Sales Graf von Spreti aus Straubing, der seinen Tod auf dem Schlachtfeld vorausahnt und darin einen Abschiedsbrief an seine geliebte Ehefrau aufbewahrt. Oder die Feldflasche des Tiroler Aufständischen Andreas Hofer, der auf Befehl Napoleons in Mantua hingerichtet wurde, nachdem er sich gegen den bayerischen Landesherrn erhoben hatte. Tirol gehörte ab 1806 von Napoleons Gnaden zum Königreich Bayern. Oder die Weste mit Einschusslöchern des Nürnberger Buchhändlers Johann Philipp Palm, der anonyme antinapoleonische Schriften verlegte und deshalb von Napoleons Schergen erschossen wurde.
Von der Laune des Glücks kündet der Los-Sack mit den Loskugeln, der für die Rekrutierung der Soldaten diente. Seit 1804 wurden Soldaten in Bayern nicht mehr angeworben, sondern alle Untertanen waren grundsätzlich dienstverpflichtet. Allerdings entschied das Los, wer von den gemusterten und tauglichen Untertanen wirklich für acht Jahre zum Militärdienst eingezogen wurde.
Die Landesausstellung thematisiert die Säkularisation 1803 in Bayern, an der auch Napoleon Schuld war: Er genehmigte, dass die deutschen Staaten für Verluste aus den Revolutionskriegen Entschädigungen erhalten. Und was hätte dafür geeigneter sein können als der Besitz der Klöster, Stifte und Domkapitel? Letztlich waren aber alle Institutionen wie Reichsstädte oder Reichsadel Verlierer der neuen Zeiten.


Hoher Blutzoll


Bayern insgesamt verlor durch den Russlandfeldzug Napoleons. Zehntausende bayerische Soldaten starben - die meisten nicht in den Schlachten, sondern an Krankheiten und Erschöpfung. Bayern wechselte gerade noch rechtzeitig das Bündnis: weg vom sinkenden Stern Napoleon hin zum alten Verbündeten Österreich. An der letzten entscheidenden Schlacht gegen Napoleon, der Völkerschlacht von Leipzig im Oktober 2013, in der der Kaiser eine verheerende Niederlage erlitt, nahmen die Bayern zwar nicht teil. Sie standen jedoch auf der Seite der Sieger. So konnten sie die durch Napoleon gewonnenen Territorien auch im Wiener Kongress sichern.
Bayern erholte sich nur langsam von dem hohen Blutzoll, den es Napoleon mit seinem grenzenlosen Expansionsdrang leisten musste. Dennoch blieben das vergrößerte Staatsgebiet und die innenpolitischen Errungenschaften. Nicht nur die Landesausstellung belegt, dass es zudem eine spezifisch bayerische Erinnerung an diese Zeit gibt: der Mythos Napoleon à la bavaroise.


Die Landesausstellung ist vom 30. April bis 31. Oktober im Neuen Schloss (Bayerisches Armeemuseum), Paradeplatz 4, 85049 Ingolstadt, täglich von 9 bis 18 Uhr zu sehen.