Dortmund

Nach Todesfall im BVB-Stadion BVB-Kapitän Hummels im Interview

Nach dem 2:0 des BVB gegen Mainz herrschte Trauer über den Tod eines Zuschauers. Die Fans im Stadion zeigten eine bemerkenswerte Reaktion.
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Dortmunds Fans halten ihre Schals in die Höhe und singen «You never walk alone» für einen Fan, der während des Spiels an einem Herzinfarkt gestorben war. Foto: Bernd Thissen/dpa
Dortmunds Fans halten ihre Schals in die Höhe und singen «You never walk alone» für einen Fan, der während des Spiels an einem Herzinfarkt gestorben war. Foto: Bernd Thissen/dpa
Über Tore und Taktik wurde diesmal kaum geredet. Sichtlich bewegt und nahezu regungslos verharrten die Dortmunder Spieler nach dem Sieg über Mainz vor der Südtribüne. Begleitet von den "You'll never walk alone"-Gesängen der Fans trauerten sie Arm in Arm um einen beim Spiel gestorbenen Fan. Die eigentümliche Atmosphäre erinnerte BVB-Kapitän Mats Hummels an die Geschehnisse beim Terroranschlag vor vier Monaten in Paris während des Länderspiels gegen Frankreich.

Wie haben Sie heute die Atmosphäre im Stadion erlebt?

Das war sicher nichts Alltägliches - ganz im Gegenteil. So etwas habe ich bisher nur in Paris erlebt. Es gab große Parallelen zu sehen. Die Atmosphäre war irgendwie ein bisschen ruhig, trotzdem war eine gewisse Aufgewühltheit zu spüren. Ganz seltsam. Nach dem Spiel wurden wir direkt informiert. Aber es war klar, dass irgend etwas gewesen sein muss.

Hatten Sie die Gedanken an Paris bereits auf dem Platz?

Antwort: Dieser Gedanke ist mir erst nach dem Spiel gekommen. Während des Spiels habe ich nur daran gedacht, dass etwas passiert sein muss. Auch damals ist mir die Atmosphäre aufgefallen, daran habe ich mich erinnert gefühlt. Es nicht einfach, in einer solchen eigenartige Atmosphäre die Konzentration hochzuhalten. Aber das haben wir gut gemacht. Das muss man auch mal erwähnen, obwohl das heute nicht das hauptsächliche Thema ist.

Die Mannschaft stand nach dem Spiel Arm in Arm und reglos vor der Fantribüne ...


Das hat alle bedrückt. Das hat man doch gesehen, wie wir vor der Süd standen. Es ist nicht so, dass uns das nicht berührt. Wir wissen auch, was das bedeutet, wenn jemand auf der Tribüne zusammenbricht. Zwar genießen wir den Sieg. Aber in einer deutlich, deutlich, deutlich ruhigeren Atmosphäre als es ansonsten der Fall gewesen wäre.

Wie fanden Sie die Reaktion der Fans?

Hummels: Auf jeden Fall ein großes Kompliment an die Fans. Es war völlig angemessen, es so zu machen. Es ist schwierig, weil man ja von Herzen anfeuern soll. Aber wenn es so ist, geht das nicht zu 100 Prozent. Mit dem Lied "You'll never walk alone", was sie zweimal angestimmt haben, haben sie eine sehr, sehr gute Reaktion gezeigt.




Fußball-Tempel als Ort der Stille: Große Gefühle in Dortmund

Die kollektive Trauer ging selbst den Profis mächtig unter die Haut. Den Tränen nahe und nahezu regungslos verharrte das Dortmunder Team nach dem 2:0 (1:0) über den FSV Mainz minutenlang vor der mächtigen Südtribüne. Arm in Arm gedachten sie eines beim Spiel gestorbenen Fans - begleitet von den "You'll never walk alone"-Gesängen der Fans. Über Tore, Taktik und Punktabstände mochte danach kaum noch jemand reden. Liga-Präsident Reinhard Rauball war tief bewegt: "Das nötigt mir unfassbaren Respekt ab. Wir haben nicht immer nur Freude mit den Fans, aber das zeigt, wie tief verwurzelt Begriffe wie Ehre und Respekt vor anderen sind."


Zwei tragische Zwischenfälle machten das sportliche Geschehen auf dem Rasen zur Nebensache.

Trotz Reanimationsversuchen erlag ein 79 Jahre alter Zuschauer in der Südwestecke des Stadions einem Herzinfarkt. Ein weiterer 55 Jahre alter Anhänger konnte erfolgreich wiederbelebt und ins Krankenhaus gebracht werden.

Die Nachricht verbreitete sich dank der Stadion-Internetanbindung und der sozialen Medien in Windeseile auf den Tribünen. Zudem trugen die Ansagen der sogenannten "Capos", die die akustische Unterstützung via Megafon koordinieren, zur spontanen Reaktion beider Fanlager bei. Die Fahnen wurden eingerollt, die Sprechchöre verstummten.


Gespenstische Stimmung im Stadion


Es gab schon häufiger Todesfälle in Stadien, aber noch nie hatten sie derartige Auswirkungen auf ein Spiel. "Ich wollte in der zweiten Halbzeit an der Seitenlinie noch pushen. Irgendwann habe ich mich gefragt, was ist das für eine Stimmung?", kommentierte der Mainzer Coach Martin Schmidt. "Wie 80.000 Leute innerhalb von wenigen Minuten verstummen können, finde ich unheimlich beeindruckend. Die Einzigen, die gegeneinander gekämpft haben, waren die 22 auf dem Platz. Alle anderen waren eine Einheit."

Der abrupte Stimmungswechsel blieb auch auf dem Rasen nicht unbemerkt. "Die Atmosphäre war irgendwie ein bisschen ruhig, trotzdem war eine gewisse Aufgewühltheit zu spüren. Ganz seltsam", sagte BVB-Kapitän Mats Hummels. Für kurze Zeit kamen beim Nationalspieler die Bilder vom Terroranschlag vor vier Monate während des Länderspiels der DFB-Elf gegen Frankreich zurück. "Auch damals ist mir die Atmosphäre aufgefallen, daran habe ich mich erinnert gefühlt. Es nicht einfach, in einer solchen eigenartige Atmosphäre die Konzentration hochzuhalten."

In ungewohnter Stille ging die Partie zu Ende. Nur beim Tor von Shinji Kagawa (73. Minute), der nach dem Führungstreffer des überragenden Marco Reus (30.) den letzten Zweifel am BVB-Sieg beseitigte, stieg der Geräuschpegel im Stadion kurz an. Aus Respekt vor dem Todesopfer und den Angehörigen wurde auf die Tormusik und die Verkündung des Torschützen verzichtet.

Wenige Minuten vor dem Abpfiff erhoben sich auch die Sitzplatzbesucher und stimmten in die "You'll never walk alone"-Gesänge der Fan-Gruppen ein. "Es war eine sehr beklemmende Situation und sehr schwer, am Spielfeldrand oder auf dem Feld zu stehen, ohne zu wissen, was los ist. Und trotzdem der Verpflichtung nachzukommen, so gut wie möglich zu spielen", sagte BVB-Trainer Thomas Tuchel.

Bei allem "Mitgefühl für die Angehörigen der betroffenen Personen" war es dem Fußball-Lehrer jedoch ein Bedürfnis, seinen Spielern ein großes Lob auszusprechen: "Um noch ein paar Sätze zur Leistung zu verlieren. Ich finde es herausragend gut, was die Mannschaft heute gezeigt hat. Schließlich hatten wir zuletzt so viele Spiele und keine einzige Woche, in der wir regenerieren konnten", sagte der Coach mit Verweis auf die zurückliegende Terminhatz mit elf Partien in den vergangenen fünf Wochen.

Ein Kräfteverschleiß seines Teams war auch am Sonntag nicht erkennbar. In beeindruckender Manier dominierte der BVB auch die Mainzer, die sich zuvor mit Siegen gegen Mönchengladbach, Schalke, Leverkusen und München den Ruf als Favoritenschreck erworben hatten. Vor allem der schon drei Tage zuvor beim 3:0 über Tottenham treffsichere Reus lief zu großer Form auf. Tuchel geriet ins Schwärmen: "Es war überragend, wie er sich bei jedem Spielstand reingeklemmt hat. Marco kann die Grenzen nach oben verschieben."