Berlin

Lieder als interreligiöses Friedenszeichen

Kurz vor Weihnachten sorgt ein Vorschlag für Wirbel: Sollen Christen zum Zeichen des Friedens islamische Lieder singen und Muslime christliche? Die Kirchen lehnen das ab. Weihnachten sei selbst ein Zeichen des Friedens.
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Foto: Michael Kappeler/dpa
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Angesichts anhaltender islamfeindlicher Proteste in Deutschland haben sich kurz vor Weihnachten Politiker und Religionsvertreter für ein musikalisches Zeichen der Verständigung in christlichen und islamischen Festtagsgottesdiensten ausgesprochen. "Es wäre ein tolles Zeichen des friedlichen Zusammenlebens der Religionen, wenn in der Kirche ein islamisches Lied gesungen würde und in der Moschee ein Weihnachtslied", sagte der Grünen-Politiker Omid Nouripour auf Anfrage der "Bild"-Zeitung (Montagsausgabe). Die Kirchen lehnten den Vorschlag ab. Die Syrisch-Orthodoxe Kirche in Deutschland sprach von "plumpen Symbolismus".

Dem Bericht der Zeitung zufolge schlug der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, als Lied für die Weihnachtsgottesdienste "Tala'a al-badru alayna" ("Heller Mondschein leuchtet") vor. "Das wäre ein wunderbares Zeichen des Friedens und der Anteilnahme", sagte er. Auch der baden-württembergische SPD-Landtagsabgeordnete Thomas Funk befürwortete ein Signal der Verständigung zwischen den Religionen. Er fände es gut, wenn sich das "mit einem Lied befördern" lasse.

Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach sprach sich indes gegen islamische Lieder im Gottesdienst aus. "Weihnachten ist kein Hochamt für Multikulti, sondern ein christliches Fest", sagte er "Focus online". Dabei würden traditionell nur christliche Weihnachtslieder gesungen. "Dabei soll es bleiben", sagte Bosbach.
Die Kirchen wiesen das Ansinnen ebenfalls zurück. "Das kirchliche Liedgut kennt seit Jahrhunderten eine Vielzahl von Friedensliedern. Die singen wir an Weihnachten und schließen alle, die Frieden suchen, auch die Muslime, mit ein", erklärte der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, in Bonn. Das christliche "Friede den Menschen auf Erden" umfasse alle Menschen guten Willens und erhebe keinen Anspruch auf Exklusivität.

Die evangelische Kirche reagierte ebenfalls mit Zurückhaltung. Für den Wunsch nach Symbolen der Solidarität habe man großes Verständnis, sagte Carsten Splitt, Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover mit Blick auf die fremdenfeindlichen "Pegida"-Demonstrationen. Die EKD sei dankbar dafür, wie gut Christen und Muslime zusammenlebten und unterstütze jede Möglichkeit, dieses friedliche Miteinander weiter zu befördern. Den Wunsch nach Aufnahme eines muslimischen Liedes in die Weihnachtgottesdienste betrachte man jedoch zurückhaltend" Die vertrauten christlichen Weihnachtslieder und die Friedensbotschaft vom Kind in der Krippe setzten ihrerseits ein deutliches Zeichen gegen Ausgrenzung und Ausländerfeindlichkeit.

Die Syrisch-Orthodoxe Kirche in Deutschland erklärte, sie lehne die Versmischung von Religionen als Antwort auf Integrationsprobleme ab. Weihnachten eigne sich nicht für "politischen Aktionismus jeder Art". Die kirchlichen Liturgien sollten sich nicht nach der politischen Großwetterlage richten, sondern nach der Lehre der Heiligen Schrift. Zu respektvollen Begegnungen der Religionen gebe es Gelegenheit bei Konzerten, Diskussionsveranstaltungen und gemeinsamen Gebeten. Das christliche Hochfest wäre der denkbar schlechteste Ort und Zeitpunkt dafür.

Die Kirchen hatten zunächst irritiert auf den Vorstoß regiert. Nach Angaben der "Bild"-Zeitung wollten sich katholische und evangelische Kirche auf Anfrage nicht zu der Anregung äußern. Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, und EKD-Pressesprecher Carsten Splitt erklärten jedoch, sie seien gar nicht gefragt worden. Omid Nouripour unterstrich in einem Facebook-Beitrag, dass er einen Austausch der Lieder vorgeschlagen habe, nicht nur das Singen eines muslimischen Liedes in einer Christmette, wie aufgrund der "Bild"-Überschrift suggeriert worden sie. Er verteidigte seinen Vorschlag, wies aber darauf hin, der gesellschaftliche Graben im Land sei nicht der zwischen Christentum und Islam, sondern Demokraten und Feinden der Demokratie. epd
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