München

Kronacher Neonazi soll NSU unterstützt haben

Im NSU-Prozess ist am Mittwoch ein früherer, aus einem Dorf nahe Kronach stammender, Neonazi geladen. Er soll die Thüringer Szene um den NSU "als Führungskamerad" beim Aufbau unterstützt haben -  auch mit Geld, das er vom bayerischen Verfassungsschutz bekommen haben soll.
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Vor dem Oberlandesgericht wurde der Prozess um die Morde und Terroranschläge des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) fortgesetzt. Foto: Peter Kneffel/dpa
Vor dem Oberlandesgericht wurde der Prozess um die Morde und Terroranschläge des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) fortgesetzt. Foto: Peter Kneffel/dpa
Im Münchner NSU-Prozess ist an diesem Mittwoch ein Mann als Zeuge geladen, der als Aufbauhelfer aus Bayern eine zentrale Rolle bei der Organisation des NSU-Umfeldes in Thüringen gespielt haben soll. Er stammt aus einem Dorf nahe dem oberfränkischen Kronach. Seinen derzeitigen Wohnort hält er aus Angst vor Rache geheim.

Der Gründer und Anführer des "Thüringer Heimatschutzes" (THS), Tino Brandt, hatte den Mann in seiner Vernehmung vor Gericht als "Führungskamerad" bezeichnet. Der Franke habe schon mit dem langjährigen Neonazi-Anführer Christian Worch aus Hamburg zusammengearbeitet, als er Anfang der 1990er Jahre erste Kontakte in Thüringen knüpfte. Er sei "der Führungskamerad gewesen, der für Thüringen zuständig war", sagte Brandt.
Zum Thüringer Heimatschutz gehörte auch die Gruppe um Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Das Trio, das sich als "Nationalsozialistischer Untergrund" bezeichnet haben soll, ist nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft für zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge verantwortlich.

Brandt sagte in seiner Vernehmung, der Franke habe bei seinen Besuchen immer Zeitschriften, Flugblätter und anderes Propagandamaterial dabei gehabt. Er war außerdem als Administrator des "Thule-Netzwerks" bekannt. Dabei handelte es sich um ein konspiratives elektronisches Kommunikationssystem vor der Zeit des Internets, über das sich ausgewählte Mitglieder vertraulich austauschten. Auch Tino Brandt besaß nach eigener Aussage einen Zugang zum "Thule-Netz".

Anderen Neonazis aufgefallen

Als Anführer der Szene war der Franke auch anderen Thüringer Neonazis aufgefallen. Bei einem der "Mittwochsstammtische" des THS habe er an einem separaten Tisch Platz genommen, dem sich keines der normalen Mitglieder nähern durfte, heißt es in einem Vernehmungsprotokoll eines der Teilnehmer. Einer der Leute, mit denen der Franke sich bei diesem Treffen vertraulich besprach, sei der heutige stellvertretende Bundesvorsitzende der NPD, Frank Schwerdt, gewesen.

Brandt wurde in seiner Vernehmung vor Gericht auch gefragt, ob er in der Szene über seine Tätigkeit als V-Mann für den Thüringer Verfassungsschutz gesprochen habe. Er antwortete, er habe sich allein dem Franken offenbart. Der Aufbauhelfer habe entspannt reagiert: "Er hat gesagt, dass das im Endeffekt meine Entscheidung ist, was ich da mach'", so Brandt.

Dass der Franke seinerseits V-Mann-Spitzel für den bayerischen Verfassungsschutz gewesen sei, habe er damals nicht gewusst, sagte Brandt weiter. Frühere "Kameraden" des Franken schmähen ihn inzwischen als Verräter und behaupteten auf der Webseite des mittlerweile verbotenen "Freien Netz Süd", er habe 150.000 Euro vom Staat erhalten.

Der Franke äußert sich selber bis heute dazu nicht. Gegenüber der Nürnberger Kripo, die ihn vor eineinhalb Jahren vernahm, gab er eine schriftliche Erklärung ab, in der es heißt, "dass ich weder bestätige noch dementiere, dass ich V-Mann für eine landes- bzw. bundesdeutsche Sicherheitsbehörde war". Aus der Erklärung geht allerdings auch hervor, dass er seine Sicherheit "sowie die Sicherheit meiner Familienangehörigen massiv bedroht" sehe. Er fürchte einen "gewalttätigen Rachefeldzug bzw. Anschlag auf meine Person", sollte sein Adresse bekanntwerden.

In der Vernehmung in Nürnberg, deren Protokoll der Nachrichtenagentur dpa vorliegt, berichtet er andererseits detailliert darüber, wie sich der "Thüringer Heimatschutz" immer mehr radikalisierte und bewaffnete. Seines Wissens hätten sich Brandt und seine Mitstreiter Waffen und Sprengstoff aus Beständen der einstigen sowjetischen Streitkräfte und der DDR-Volksarmee beschafft. "Ich hätte damals auch eine Kalaschnikow kaufen können", sagte er den Kripo-Beamten.

Von Christoph Lemmer, dpa