Brüssel

Kommentar zu Brüssel: Hinterher Beileidstelegramme verlesen reicht nicht mehr

Die Terroranschläge von Brüssel haben Europa nicht nur getroffen, sondern auch entlarvt. Ein Kommentar unseres Korrespondenten aus Brüssel, Detlef Drewes.
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Foto: EPA/OLIVIER HOSLET/dpa
Foto: EPA/OLIVIER HOSLET/dpa
Es ist die brutale, menschenverachtende Willkür des Terrors, die verstummen lässt. Brüssel wurde bis ins Mark getroffen, die Opfer sind Kollateralschäden einer perversen Ideologie, in der Gewalt als Mittel der Politik und der persönlichen Rache immer noch einen Platz zu haben scheint.

Doch auch die EU-Metropole wird wieder aufstehen - wie Paris, Madrid, London und Istanbul zuvor. Aus dem Schmerz wird neuer Lebenswille wachsen. Aber auch Wut - nicht nur auf die Attentäter, sondern auch auf die, die diesen Massenmord nicht verhinderten. Denn wenn die Rituale der Betroffenheit abgespult sind, wenn Beileidstelegramme verklungen sind und Solidaritätsadressen verlesen wurden, werden die Menschen in dieser Stadt fragen: Warum?

Und sie werden sich dabei an jene wenden, die Verantwortung tragen, die Beschlüsse zu engeren europäischen Zusammenarbeit zwar schmieden, aber nicht umsetzen und zu Hause die Gärtchen ihrer
nationalen Geheimdienste pflegen. Denn zu den ewigen Wiederholungen solcher Gewaltakte gehört auch diese Wahrheit: Es hat immer jemand zumindest Indizien gehabt oder sogar Konkretes gewusst.

Aber der Austausch, die Weitergabe von Informationen unterblieb. Der Anschläge von Brüssel haben Europa nicht nur getroffen, sondern auch entlarvt. Wenn die Attentate auf Paris, London, Madrid und New York sowie Washington etwas gezeigt haben, dann war es die bittere Erkenntnis, dass nicht zu wenig Informationen vorlagen, die man nun durch immer neue Fahndungsmethoden erweitern müsste.

In allen Fällen wurde das vorhandene Wissen nicht so genutzt, dass ein Blutbad verhindert wurde. Die jedes Mal sich wiederholenden Krisentreffen zuständiger Minister oder Staats- und Regierungschefs in Brüssel brachten nicht mehr als das Versprechen, enger zusammenarbeiten.

Doch schon als die Vertreter der Mitgliedstaaten wieder zu Hause landeten, waren die hehren Zusagen vergessen. Das kann und darf nicht so bleiben.

Die Toten und Verletzten, aber auch die Hinterbliebenen von Brüssel müssen die letzten sein, die der Ignoranz nationaler Sicherheitsbehörden zum Opfer fallen. Natürlich gibt es auch Erfolgsmeldungen von verhinderten Anschlägen, von enttarnten Attentätern, von gestoppten Terroristen. Aber sie reichen nicht, solange Extremisten eine ganze Millionenstadt zum Kriegsschauplatz machen können, wie das gestern in Brüssel der Fall war.

Der Satz von der 100-prozentigen Sicherheit, die es nicht gibt, ist erschreckend banal. Dennoch darf er nicht als Begründung für Defizite und Fehler herhalten. Spätestens jetzt, wo die Terroristen das Herz der Europäische Union getroffen haben, muss jeder Verantwortliche aufwachen und begreifen, dass diese Union zusammenrücken muss. Denn in Brüssel wurde nicht nur die Stadt angegriffen, sondern alle.

Die Opfer solcher Terrorakte mahnen. Brüssel wird drei Tage Staatstrauer tragen. Aber dann brauchen die Stadt und ihre Menschen endlich jene Entschlossenheit, die bisher nicht aufgebracht wurde.