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Verbrechensbekämpfung

Jagd auf Cyber-Kriminelle: Polizei stellt Internet-Spezialisten ein

Bayerns Sicherheitsbehörden setzen vermehrt auf das Know-how im Internet. Die Jagd auf Cyber-Kriminelle dank Quereinsteigern soll zum Erfolg führen.
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Mit neuen Strategien will die Polizei künftig die zunehmende Zahl von Straftaten im Internet eindämmen.  Foto: Ole Spata, dpa
Mit neuen Strategien will die Polizei künftig die zunehmende Zahl von Straftaten im Internet eindämmen. Foto: Ole Spata, dpa
Bayerns Polizei drängt Richtung Internet. Waren früher die Straßen das Hauptbetätigungsfeld der Beamten, so verlagern sich nun eben Information und auch Verbrechensbekämpfung ins weltweite PC-Netzwerk. Herausforderungen, die sich vor allem auch dieses Jahr abgezeichnet haben: Als der Amoklauf im Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) die Stadt in Atem hielt, wurde Polizeigeschichte geschrieben.

Über Twitter und Facebook informierten die Beamten bei diesem Ereignis erstmals flächendeckend die Bevölkerung. "In Sachen Social Media ist 2016 für die Polizei das Jahr mit der größten Weiterentwicklung", sagt der Kriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger von der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg in Oranienburg. "Das war das Schaltjahr. Die Sicherheitsbehörden haben endgültig erkannt, dass sie es sich nicht mehr erlauben können, im Netz nicht aktiv zu sein. Stellen Sie sich mal vor, die Münchner Polizei wäre beim Amoklauf nicht bei Twitter gewesen."


Ordnung ins Chaos bringen

München ist das große, herausragende Beispiel für die Polizeikommunikation über Twitter und Co. In rasender Geschwindigkeit verbreiteten sich dort tatsächliche Neuigkeiten und Falschmeldungen gleichermaßen. Die Polizei versuchte, das Chaos zu ordnen.

"Wir hatten an dem Abend pro Minute 100 Nutzer-Interaktionen, also Kommunikation mit Bezug zu uns, für die fünf Leute zuständig waren", sagt Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins, der seit dem Schicksalsabend ein kleiner Star ist. Seit dem Einsatz hat er eine Fanseite bei Facebook mit fast 63.000 Anhängern.

"Ich bin nicht bereit zu sagen, Social Media ist das Problem. Aber natürlich ist beliebig veränderbare Massenkommunikation manchmal schwierig. Stille Post 2.0. Vor allem Whatsapp scheint an diesem Abend eine Rolle gespielt zu haben, die wir unterschätzt haben", meint der Polizeisprecher.


Die Polizei informiert sich mehr und mehr über Twitter


Das Polizeipräsidium in der bayerischen Landeshauptstadt steht mit seinen Twitter-Aktivitäten längst nicht allein da. Beim Fall Al-Bakr in Chemnitz informierte die sächsische Polizei ebenfalls über Twitter - und fand dabei auch deutliche Worte: "An alle Kleingeister, welche Ressentiments und Sinnlos-Meldungen verbreiten. Es ist einfach nur respektlos gegenüber der Lage in #Chemnitz!", hieß es zu ausländerfeindlichen Reaktionen auf den Fund von Sprengstoff in einer Chemnitzer Wohnung und die Fahndung nach einem jungen Syrer, der unter Terrorverdacht stand und sich später in der Untersuchungshaft das Leben nahm.

Nach Angaben des Kriminologen Rüdiger haben rund 90 Polizeiinstitutionen aktive Accounts. Zum Vergleich: 2012 waren es nur 19. Bald werden auch die Präsidien in Mittel- und Oberfranken regelmäßig twittern. Datenschützern allerdings sehen diesen Trend nicht nur mit Freude: "Im Grundsatz halte ich den Betrieb von Fanpages auf Facebook durch bayerische Behörden derzeit nicht für zulässig", sagt der Bayerische Landesbeauftragte für den Datenschutz, Thomas Petri. "Denn ich gehe von erheblichen Datenschutzverstößen von Facebook im Umgang mit den Nutzungsdaten aus." Und dafür hätten die Behörden dann eine Mitverantwortung, wenn sie eigene Facebook-Seiten einrichteten.


Quereinsteiger als Ermittler

Aber nicht nur Informationen sollen über das Internet verbreitet werden. Schließlich steigen die Straftaten, die online begangen werden, enorm an. Betrug oder Hackerattacken sind mittlerweile an der Tagesordnung. Daher sucht Bayern nun auch per Stellenanzeigen 68 "Computer- und Internetkriminalisten". Sie sollen künftig in eigenen Kommissariaten diesen Delikten auf die Spur gehen. Voraussetzungen der neuen Beamten: ein abgeschlossenes Studium an einer Fachhochschule mit fundierten Kenntnissen der praktischen Informatik.

Am Ende einer einjährigen zusätzlichen Polizeiausbildung steht die Übernahme in das Beamtenverhältnis als Oberkommissar (Besoldungsgruppe A10; ca. 3000 Euro brutto). Die Deutsche Polizeigewerkschaft begrüßt diese Neuausrichtung.

Oberfrankens Bezirkschef Jürgen Köhnlein: "Wir brauchen diese Verstärkung durch Seiteneinsteiger. Auch wenn wir in Bezug auf die Bezahlung noch attraktivere Angebote bereitstellen müssen, da wir in Wettbewerb mit großen Konzernen um die besten Köpfe stehen." Für den Kriminologen Rüdiger geht die Polizeipräsenz im Netz noch lange nicht weit genug. In den Niederlanden und Großbritannien sei man da beispielsweise schon sehr viel weiter.  mit dpa