Bremervörde
Unfallgaffer

Immer mehr Gaffer bei Unfällen: Wenn Sensationslust zur Gefahr wird

Bei einem tödlichen Unfall in Niedersachsen wurden Einsatzkräfte massiv von Gaffern behindert. Das Problem ist nicht neu, doch es wird größer.
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Bei einem Unfall mit zwei Toten im niedersächsischen Bremervörde im Juli 2015 werden Rettungskräfte von drei Männern massiv an ihrer Arbeit behindert. Jetzt stehen die Gaffer vor Gericht. Foto: Theo Bick/dpa -Archiv
Bei einem Unfall mit zwei Toten im niedersächsischen Bremervörde im Juli 2015 werden Rettungskräfte von drei Männern massiv an ihrer Arbeit behindert. Jetzt stehen die Gaffer vor Gericht. Foto: Theo Bick/dpa -Archiv
Der Prozess um drei mutmaßliche Schaulustige, die bei einem Unfall mit zwei Toten die Einsatzkräfte stark behindert haben sollen, ist ausgesetzt worden. Die Jugendrichterin Swantje Gerdes-Franski schloss sich am Donnerstag einem entsprechenden Antrag der Verteidigung an. Es sei notwendig, noch weitere Hintergründe zu klären, sagte die Richterin. Die Staatsanwaltschaft hatte sich zuvor ebenfalls dafür ausgesprochen. Das Gericht muss nun einen neuen Prozesstermin festlegen.

In Bremervörde (Niedersachsen) müssen sich drei Männer im Alter von 20, 26 und 35 Jahren vor Gericht verantworten. Zu dem Zwischenfall soll es im Sommer 2015 nach einem Unfall mit zwei Toten in einer Eisdiele gekommen sein. Das Strafmaß wird nach Einschätzung des Direktors des Amtsgerichts, Helmut Claudé, voraussichtlich zwei Jahre nicht überschreiten.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hatte zuvor erklärt, er hoffe, dass der Prozess in Bremervörde eine abschreckende Wirkung auf Nachahmer hat. "Wir haben dort oder erst letzte Woche wieder in Hagen gesehen, wie Bilder wehrloser Unfallopfer ins Netz gestellt oder die Rettungsarbeiten teils live gestreamt werden - und zwar ausschließlich, um sich wichtig zu machen", sagte Pistorius der Deutschen Presse-Agentur. Wenn Rettungsarbeiten behindert würden oder Bilder der Opfer im Netz landeten, müsse das härter bestraft werden.


Zweijähriger Junge und 65-jähriger Mann kamen ums Leben

Bei dem Unfall in Bremervörde war eine Autofahrerin an einer Kreuzung geradeaus direkt in eine Eisdiele gefahren. Dabei kamen ein zweijähriger Junge und ein 65 Jahre alter Mann ums Leben. Sechs Menschen wurden verletzt - einige von ihnen schwer. Die inzwischen 60 Jahre alte Autofahrerin steht vom 17. November an wegen fahrlässiger Tötung und fährlässiger Körperverletzung vor dem Amtsgericht Bremervörde.


Polizeigewerkschaft: Zahl der Unfallgaffer nimmt zu

Das Problem mit den Gaffern ist kein Neues, doch es wird größer: Schaulustige erschweren zunehmend die Arbeit von Polizei und Rettungskräften nach schweren Unfällen. "Das Problem wird größer", bestätigt auch der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow. In den vergangenen fünf Jahren habe die Zahl der Gaffer, die Helfer behindern, deutlich zugenommen. Diese würden immer rabiater. Genaue Zahlen liegen aber nicht vor.

Malchow erklärt sich die große Zahl der Gaffer unter anderem mit der Verbreitung des Smartphones. "Die Menschen wollen Geschichtenerzähler sein", sagt er. Ihm zufolge stellen viele Schaulustige Fotos und Videos der Unfälle ins Internet - ohne Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte der Opfer. Um eine möglichst gute Geschichte zu bekommen, sei es manchen egal, ob sie am Unfallort die Rettungskräfte behindern.

Immer mehr Menschen schauten nicht nur, sondern filmten und fotografierten auch. Manche widersetzten sich den Anweisungen der Polizei und ließen Rettungskräfte absichtlich nicht durch.

Meldungen über Schaulustige, die Helfer behindern, gibt es inzwischen bei nahezu jedem größeren Unfall. Ein besonders drastischer Fall ereignete sich im Mai im nordrhein-westfälischen Hagen. Rund 150 Gaffer liefen an der Unfallstelle herum. Polizei und Feuerwehr wurden massiv bei ihrer Arbeit behindert.


Psychologe: Sensationslust ist Folge eines Triebes

Psychologen erklären die Sensationslust als Folge eines Triebes. Bereits im alten Rom habe es etwa bei Kämpfen viele Zuschauer gegeben. "Es muss einen besonderen Reiz haben", sagte der emeritierte Psychologie-Professor der TU Dortmund, Bernd Gasch. Auch heute bedeute es für viele Menschen offensichtlich einen Lustgewinn, das Geschehen am Unfallort aus nächster Nähe zu beobachten. Aber: "Wenn Rettungskräfte behindert werden, muss dieser Trieb zurückstehen."

Für die Polizei bedeutet die Entwicklung einen enormen Aufwand. Bei fast allen großen Unfällen auf Autobahnen werden inzwischen Sichtschutzwände aufgebaut, bei vielen Unfällen braucht es mehr Personal, etwa um Platzverweise auszusprechen.


So reagiert die Politik auf die Gaffer

Die Politik hat ebenfalls reagiert. Als Konsequenz aus den Vorfällen in Bremervörde hat Niedersachsen im Mai eine Gesetzesinitiative im Bundesrat eingebracht. Die Länderkammer startete daraufhin einen Vorstoß. Nach dem Gesetzentwurf soll das Behindern von Rettungskräften mit Geld- und Haftstrafen bis zu einem Jahr geahndet werden. Dabei soll "behindern" alles umfassen, was Einsätze erschwert - also auch bloßes Sitzen- oder Stehenbleiben.

Schärfere Sanktionen soll es nach dem Willen des Bundesrats auch für sensationsgieriges Fotografieren und Filmen geben. "Die Gesetzeslage muss der Realität von Smartphones und Facebook angepasst werden", sagt die niedersächsische Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) im Juni im Bundesrat. Eine Lücke gebe es, was Getötete bei Unglücken angeht. Wer von einer gestorbenen Person eine Bildaufnahme mache und verbreite, "die diese zur Schau stellt", solle mit bis zu zwei Jahren Gefängnis oder Geldstrafe bestraft werden können. Der Gesetzentwurf ist inzwischen beim Bundestag eingegangen, wann er beraten wird, steht noch nicht fest.

Die Polizei begrüßt die Initiative. Es sei wichtig, dies als Straftatbestand aufzunehmen, sagt Malchow. Bislang könnten Beamte höchstens Ordnungswidrigkeiten ahnden, etwa wenn Schaulustige sich den Anweisungen der Polizei widersetzen. Gaffen an sich bleibt allerdings erlaubt. "Stehenbleiben und gucken ist nicht verboten", erklärt der GdP-Vorsitzende.