Das lange Sterben eines Unfallopfers aus Schleswig-Holstein wird zum Fall für die Justiz. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe will die Todesumstände der 72-Jährigen genau untersuchen. Die Frau war nach einem Verkehrsunfall am Montagmorgen zunächst für "klinisch tot" erklärt und im Leichenwagen abtransportiert worden. Erst als der Bestatter bemerkte, dass sie noch atmete, kam sie auf die Intensivstation. Im Westküstenklinikum in Heide erlag die Frau am Dienstag gegen 23 Uhr ihren Verletzungen, wie Klinik-Geschäftsführer Harald Stender am Mittwoch sagte.

"Die schweren Kopfverletzungen haben letztendlich zum Tod geführt", sagte Stender und schloss einen Zusammenhang mit der verzögerten Behandlung der Frau aus. Genau wegen dieses Verdachts leitete die Staatsanwaltschaft indes ein Todesermittlungsverfahren ein: Starb die Frau womöglich, weil sie zu spät ins Krankenhaus kam?

"Zunächst wird der Leichnam der Frau obduziert", sagte Behördensprecher Uwe Dreeßen. Falls ein rechtsmedizinisches Gutachten die Verzögerung bei der Behandlung der Frau mitverantwortlich für deren Tod mache, würde wegen schuldhaften Verhaltens ermittelt.

Dramatische Umstände sind verantwortlich

Fachleute traten angesichts des Falls der Befürchtung entgegen, Unfallopfer könnten wegen ihrer Organe zu früh für tot erklärt werden. "Leider sind immer viele Gerüchte im Umlauf", beklagte der Vorsitzende des Vereins Transplantationsbetroffene Schleswig-Holstein, Günther Schulz. Er hat seit 20 Jahren ein Spenderherz. Bei dem Unfall bei Itzehoe handele es sich um einen Einzelfall, geschuldet den dramatischen Umständen.

"In Deutschland braucht niemand Angst zu haben, für eine Organspende vorschnell für tot erklärt zu werden", meinte Birgit Blome von der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Der Ablauf sei exakt geregelt. Zwei Ärzte müssten unabhängig voneinander den endgültigen Ausfall des gesamten Gehirns, den Hirntod, feststellen. Der Patient müsse zudem vorher auf einer Intensivstation behandelt worden sein - Unfalltote kämen nicht infrage.

"Bundesweit ist der tragische Fall der 72-Jährigen meines Wissens der erste dieser Art", sagte der schleswig-holsteinische Rettungsdienst-Sprecher Christian Mandel. Er verwies auf das Dilemma, in das die ersten Helfer bei großen Unfällen kommen können: "Dann gibt es mehr Verletzte als Hände, die behandeln können." Die Helfer forderten Verstärkung an und kümmerten sich um die Unfallopfer.

Bei Unfällen mit vielen Verletzten werden diese nach Angaben Mandels in Schleswig-Holstein mit verschiedenfarbigen Kärtchen markiert. Bei dem fraglichen Unfall auf der Störbrücke waren zwei Menschen sofort getötet und sechs schwer verletzt worden - unter ihnen die nunmehr gestorbene 72-Jährige. Ob den Opfern dort Kärtchen angeheftet wurden, ist bislang nicht bekannt geworden.

Rettungsdienst-Sprecher Mandel gab zu bedenken: "Es dreht sich bisher alles um den tragischen Fall der alten Frau. Durch die Entscheidung der Einsatzleitung wurden aber Kapazitäten frei, die anderen Schwerstverletzten zügig optimal zu behandeln. Und diese Verletzten befinden sich glücklicherweise auf dem Wege der Besserung." dpa