Hamburg
Chaos Communication Congress

Hacker rufen zum digitalen Widerstand auf

Jedes Jahr nach Weihnachten treffen sich tausende Internetaktivisten und Hacker zum Chaos Communication Congress. Dieses Jahr steht der Kongress im Schatten der Berichte über Geheimdienst-Spionage ungeahnten Ausmaßes. Die Hacker blasen zur Gegenwehr.
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Ein Teilnehmer des 30. Chaos Communication Congress (30C3) des Chaos Computer Clubs (CCC) sitzt im Congress Center (CCH) in Hamburg mit seinem Laptop in einem Becken mit weichem Verpackungsmaterial. Fotos: dpa
Ein Teilnehmer des 30. Chaos Communication Congress (30C3) des Chaos Computer Clubs (CCC) sitzt im Congress Center (CCH) in Hamburg mit seinem Laptop in einem Becken mit weichem Verpackungsmaterial. Fotos: dpa
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Die Hacker haben das Kongresszentrum eingenommen. Eine Rakete kündigte ihre Ankunft an, sie ist das Symbol des Chaos Communication Congresses, des jährlichen Treffens der Hackergruppe Chaos Computer Club. Überall in dem riesigen Kongressgebäude sitzen Menschen mit ihren Laptops auf dem Schoß. Bis zu 8000 Teilnehmer erwarten die Organisatoren. Plastikrohre mit roten Lämpchen winden sich durch das Gebäude, eine Mischung aus Rohrpost und Kunstprojekt. In einer Halle flickern Lämpchen in bunten Mustern auf, 3D-Drucker schichten Plastik zu digital gezeichneten Gegenständen. Darüber thront ein Radom, eines dieser weißen, kuppelartigen Gebilde, die normalerweise Spionagetechnik verhüllen sollen.

Doch viele Hüllen sind gefallen in den vergangenen Monaten: Praktisch wöchentlich wurden neue Geheimnisse der Geheimdienste an die Öffentlichkeit gezerrt.
Spionageprogramme bisher unvorstellbaren Ausmaßes wurden bekannt, sie betreffen die gesamte digitale Kommunikation. Für die Hacker ist das auch eine Bestätigung ihrer Warnungen: "Durch die Snowden-Enthüllungen haben viele gesehen, dass wir nicht gesponnen haben die ganzen Jahre", sagt Frank Rieger vom Chaos Computer Club.

Dennoch sitzt der Schock in der Szene tief. Seine schlimmsten Alpträume seien noch übertroffen wurden, erklärte der Auftaktredner Tim Pritlove, ein Urgestein der Szene. Daher gebe es auch kein Motto für den Kongress. "Dieses Jahr sind wir sprachlos", sagte er. "Es gab keine Botschaft, die stark genug war." Die versammelten Internet-Aktivisten und Computer-Experten rief er zum Widerstand auf. Sie müssten das Internet neu erfinden und die Überwachung eindämmen.

In den vergangenen Jahren gab es oft augenzwinkernde oder auch leicht überhebliche Themen. "Wir kommen in Frieden", etwa, oder auch 2012 "not my department", was sich etwa mit "dafür bin ich nicht zuständig" übersetzen lässt. Das war damals ein kritischer Kommentare zu Politikern, die sich um die Auswirkungen ihrer Entscheidungen nicht kümmern. Dieses Jahr könnte es heißen: Wir sind alle zuständig. "Seid ein Teil der Lösung", lautet Pritloves Aufruf.

Wie eine solche Lösung aussehen soll, werden die Computer-Experten in den nächsten Tagen diskutieren. Aus ihrer Sicht muss viel repariert und erneuert werden. Dabei geht es nicht nur um die Szene selbst, in der viele in digitalem Selbstschutz versiert sind. Einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der dpa zufolge glauben 84 Prozent der deutschen Internet-Nutzer, dass die Überwachung durch die NSA und den britischen Partnerdienst GCHQ gegen die Bürgerrechte in Deutschland verstößt. Ihr Verhalten im Netz ändern dennoch nur wenige.
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