Bamberg
Telefonaktion

Experten klären über Gelenk-Ersatz auf: Neue Hüfte, neues Knie?

Bei einer Leser-Experten-Runde konnten sich Betroffene bei zwei Medizinern über Gelenkersatz informieren. Lesen Sie hier die wichtigsten Tipps.
Artikel drucken Artikel einbetten
Für den Einsatz von Endoprothesen ist einiges an Werkzeug nötig, wie ein Blick in einen Operationssaal des Bezirksklinikums Obermain zeigt. Foto: Bezirksklinikum Obermain
Für den Einsatz von Endoprothesen ist einiges an Werkzeug nötig, wie ein Blick in einen Operationssaal des Bezirksklinikums Obermain zeigt. Foto: Bezirksklinikum Obermain
+3 Bilder
Es werden zu viele Hüft- und Kniegelenke operiert: Diese Nachricht taucht regelmäßig in den Medien auf. Und immer wieder heißt es auch, viele Implantate seien schlecht. Patienten, die von einer Operation profitieren könnten, ist damit nicht geholfen - wenngleich klar sein muss, dass jeder Eingriff gut überlegt und geplant sein will. Eine Möglichkeit für Betroffene, sich zu informieren, bot eine Telefonaktion dieser Zeitung zum Thema Endoprothetik. Eine Zusammenfassung der wichtigste Fragen und Antworten, Adressen von Endoprothetikzentren in Franken und einen Terminhinweis auf einen Vortrag über Endoprothetik finden Sie am Ende dieses Artikels.

Am Dienstag, 21. Juni, standen interessierten Lesern zwei Stunden lang zwei Fachärzte des Bezirksklinikums Obermain (Kutzenberg) Rede und Antwort: Alexandra Claus, Leiterin des Endoprothetikzentrums Kutzenberg und Chefärztin der Klinik für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, und Achim Weber, Oberarzt der Klinik für Orthopädie. Claus und Weber sind "Senior-Hauptoperateure" an einer Einrichtung, die es bisher in Oberfranken (weitere in Mittel- und Unterfranken) nur einmal gibt: Das seit Januar 2016 zertifizierte "Endoprothetikzentrum der Maximalversorgung" (EPZmax).

"Die Zertifizierung ist für uns eine Möglichkeit, Qualität zu demonstrieren", sagt Chefärztin Claus. Die Qualifizierung als EPZmax erhielten nur ausgewählte Kliniken, die einen aufwändigen Prozess durchlaufen, bestimmte Qualitätskriterien in vollem Umfang erfüllen und die Geld in die Hand nehmen: Etwa 20 000 Euro koste die Zertifizierung.


Fach-Zertifizierung

Anders als Qualitätsmanagement-Normen "Din" oder "Iso", die man auch aus Wirtschaft und Handwerk kennt, sei die für das EPZmax eine Fachzertifizierung. Diese kommt, erklärt Claus, ursprünglich von der deutschen Krebsgesellschaft, die seit langem Zertifizierungen für zum Beispiel Brust- oder Darmkrebszentren eingeführt hat.
Der Anforderungskatalog für EPZmax wurde von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik und dem Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie erstellt. Wichtigste Kriterien sind laut Claus "sorgfältige Indikationsstellung, hoch qualifiziertes Fachpersonal, neueste Medizintechnik und höchstmögliche Patientensicherheit".


Realistische Einschätzung

Auch eine ausführliche Beratung gehöre zu den Anforderungen der Zertifizierung, die außer mit klinikinternen Qualitätsmaßnahmen durch jährliche externe Audits sichergestellt würden. Das persönliche Gespräch - gemäß neuem Patientenrechtegesetz auch als Zweitmeinung möglich - sei wichtig für realistische Erwartungen. "Bei frei wählbaren Eingriffen muss man den Anspruch des Patienten deckungsgleich bringen mit dem, was Prothesen leisten können", sagt Claus. Das könne dazu führen, dass ein Gelenkersatz als nicht notwendig erachtet wird. "Dann empfehlen wir eine konservative Behandlung", sagt Claus.
Ist eine OP angezeigt, werde diese in einem EPZmax von so genannten Hauptoperateuren mit entsprechender Weiterbildung und Erfahrung ausgeführt. Chefärztin Claus und Oberarzt Weber setzen als Senior-Hauptoperateure gemeinsam mit zwei weiteren Hauptoperateuren in Kutzenberg etwa 500 Endoprothesen pro Jahr ein.


"Knie ist komplizierter"

Bei künstlichen Hüftgelenken, mittlerweile ein in allen Kliniken standardisierter und relativ sicherer Eingriff, ist die Erfolgsrate und Patientenzufriedenheit laut Claus sehr gut. Das Knie sei komplizierter als das Hüftgelenk, weil es - auch mit Ersatz - komplexe Roll-, Gleit- und Drehbewegung ausführen muss. "Etwa 20 Prozent der in Deutschland operierten Kniepatienten haben Restbeschwerden", sagt Claus. Nach durchschnittlich 15 Jahren müssen Endoprothesen gewechselt werden, manchmal früher, wenn sich etwas gelockert hat. Entgegen anders lautender Meldungen würden "nicht immer mehr Hüften und Knie operiert", jedoch gebe es häufiger Wechsel der künstlichen Gelenke. Claus vermutet: "Das mag daran liegen, dass die Gesellschaft älter wird und aktiv bleiben will."


Fragen und Antworten

Lesen Sie hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Fragen, die unsere Leser gestellt haben, und die Antworten, die Claus und Weber bei unserer Telefonaktion gegeben haben.

Ich bin 48 Jahre alt und habe eine fortgeschrittene Arthrose des Kniegelenks. Man hat mir eine Prothese empfohlen. Soll ich das durchführen lassen oder bin ich zu jung?
Da muss man individuell beraten. Solange wie es geht, sollte man konservativ behandeln. Achten Sie auf Ihre allgemeine Lebensführung und auf Ihr Gewicht, bewegen Sie sich mit möglichst geringer Belastung. Die genaue Ausprägung und Lage der Arthrose müssen untersucht werden, um die Alternativen zum Kunstgelenk überprüfen zu können. So könnte eine Umstellungsosteotomie in Frage kommen, das ist eine Veränderung der Beinachse zum Beispiel vom O- zum leichten X-Bein. Dadurch werden gesunde Anteile des Gelenks belastet und die Zeit bis zum Kunstgelenk hinausgezögert.

Ich habe seit fünf Jahren eine Knieprothese und immer noch Schmerzen. Auch ist das Gelenk leicht geschwollen und ich habe eine Bewegungseinschränkung. Was kann ich tun?
Als erstes sollten Sie sich bei Ihrem Operateur noch einmal vorstellen. Wenn das Röntgenbild gut aussieht und die Beschwerden weiter bestehen, kann man besondere Untersuchungen durchführen. Es könnte zum Beispiel eine Allergie gegen Prothesenbestandteile vorliegen, die vorher nicht bekannt war, oder die Prothese könnte sich gelockert haben. Mögliche Ursache könnte auch eine Infektion sein, die noch Jahre nach der OP auftreten kann und natürlich kann auch eine mechanische Komplikation am Kunstgelenk aufgetreten sein.

Ich habe von einem Verfahren bei einer Kniearthrose gehört, das Bioprothese heißt. Was ist das?
Darunter versteht man, dass der Knorpel geglättet wird und im geschädigten Knorpelgebiet versucht wird, durch Einblutung aus Knochenkanälen einen Ersatzknorpel zu schaffen. So etwas kann man sich nur unter bestimmten Umständen überlegen: Wenn der Knorpelschaden sehr klein und lokal begrenzt ist und nicht alle Anteile des Kniegelenkes vom Knorpelschaden betroffen sind. Dieses Verfahren ist nicht unumstritten.

Ich bin 79 und habe einen Meniskusschaden. Wann hilft eine Arthroskopie und wann macht sie keinen Sinn mehr?
Eine Arthrose allein ist keine Indikation für eine Arthroskopie, sondern ein definierter und korrigierbarer Begleitschaden im Gelenk, zum Beispiel ein Meniskusproblem. Eine Arthroskopie ist dann sinnvoll, wenn der begleitende Knorpelschaden so gering wie möglich ist. Je kleiner der Knorpelschaden neben dem Meniskusproblem ist, umso größer ist die Chance, dass das Knie nach der Arthroskopie beschwerdefrei ist. Je größer der Knorpelschaden samt Begleiterscheinung ist, desto geringer ist die Chance einer Arthroskopie.

Können Sie Vor- und Nachteile verschiedener Implantatgruppen benennen?
Bei Hüftgelenken zum Beispiel gibt es verschiedene Gleitpaarungen. Keramik-Keramik hat den geringsten Abrieb, der für Lockerungen von Prothesen den Hauptgrund darstellt. Bei Keramik-Polyethylen ist das Risiko des Inlaybruchs im Vergleich zu Keramik-Keramik geringer. Metall auf Metall-Gleitpaarungen, über die in jüngster Zeit wegen hoher Metallspiegel im Blut häufig negativ berichtet wurde, sollten vermieden werden. Insgesamt muss man für jeden Patienten individuell das am besten geeignete Implantat wählen.

Kann man zu alt oder zu jung für eine Prothese sein?
Im Alter sind neben den Beschwerden und dem Aktivitätsanspruch des Patienten insbesondere Begleiterkrankungen zur Risikoeinschätzug wichtig.Eine Prothesenimplantation darf den Patienten nie an Leib und Leben gefährden. Es gibt keine klassische Altersgrenze, man muss den Menschen anschauen. Bei massiver Einschränkung der Lebensqualität kann die Indikation bei jüngeren Menschen großzügiger gestellt werden, da bei der dann zu erwartenden Lockerung der Prothese die Möglichkeiten deutlich besser geworden sind.

Wie oft muss eine Prothese gewechselt werden?
Früher hat man gesagt, das geht ein- bis zweimal. Heute kann man die Prothesen häufiger wechseln, weil sie technisch ausgereifter sind. Jedoch muss auch die restliche verbleibende Knochensubstanz gut sein.

Ich denke mir, ich zögere die Prothese so lange hinaus wie möglich. Ist das die richtige Einstellung?
Hüftprothesen sind erfolgreicher als endoprothetischer Kniegelenksersatz. Etwa 20 Prozent der Patienten mit einem künstlichen Kniegelenk haben Restbeschwerden. Der Patient muss sich überlegen, was er von der Prothese erwarten kann und seine Erwartungshaltung mit dem zu erwartenden Ergebnis in Einklang bringen. Wer mit 50 eine kaputte Hüfte hat und sich nicht mehr bewegen kann, ist in der Regel nach der OP beschwerdefrei. Bei einer Kniearthrose sollte man zuwarten, solange es geht.

Ich bin 85 und denke, ich bin zu alt und auch zu krank für eine künstliche Hüfte. Was meinen Sie?
Das ist eine subjektive Definition, Sie müssen sich beim Arzt vorstellen und ruhig auch eine Zweitmeinung einholen. Mit 85 hat es keinen Sinn, zuzuwarten, wenn man sonst keine Erkrankungen hat. Sonst besteht die Gefahr, sich immer weniger zu bewegen und seine Mobilität zu verlieren. Wenn alle konservativen Maßnahmen ausgeschöpft sind und eine OP wegen Nebenerkrankungen nicht in Frage kommt, kann eine individuelle Schmerztherapie helfen.


Diese Endoprothetikzentren gibt es in Franken:

EPZmax Folgende "Zertifizierte Endoprothetikzentren der Maximalversorgung" (EPZmax) gibt es in der Region:
Oberfranken:
Bezirksklinikum Obermain/Kutzenberg;
Mittelfranken:
Waldkrankenhaus Erlangen, Nürnberg: Klinikum, Klinik Martha-Maria, Kliniken Dr. Erler; Klinik Rummelsberg;
Unterfranken: König-Ludwigs-Haus Würzburg, Klinik Schloss Werneck.

Endoprothetikzentren Zertifizierte Endoprothetikzentren gibt es aufgrund des geringeren Zertifizierungsaufwands häufiger als "EPZmax". Beide werden über die EndoCert-lnitiative der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie zertifiziert. Unter www.endocert.de gibt es eine Datenbank: Sucht man zum Beispiel Kliniken im Umkreis von 100 Kilometern um Bamberg werden 42 Endoprothetikzentren angezeigt, unter anderem in Bamberg, Kutzenberg, Schweinfurt, Erlangen, Nürnberg, Lichtenfels, Forchheim, Fürth, Kulmbach, Bayreuth, Nürnberg, Schloss Werneck, Bad Neustadt, Würzburg oder Hof.

Kliniksuche Nach Kliniken sowie Ärzten, Pflegeheimen und -Diensten kann man auch über die "Weisse Liste" unter www.weisse-liste.de suchen. Das Internetportal ist ein gemeinsames Projekt der Bertelsmann Stiftung und der Dachverbände der größten Patienten- und Verbraucherorganisationen. Die Weisse Liste ist kosten- und werbefrei.


Vortrag über Gelenkersatz

Am Samstag, 2. Juli 2016, findet im Bezirksklinikum Obermain (Markt Ebensfeld, Landkreis Lichtenfels) das nächste "Kutzenberger Gesundheitsforum" statt. Über das Thema "Gelenkversorgung im Endoprothetikzentrum der Maximalversorgung" wird Alexandra Claus, Chefärztin der Klinik für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie des Bezirksklinikums, referieren. Angesetzt sind zwei Vorträge, die um 13.30 und 16 Uhr (Festsaal des Klinikums) beginnen. Im Anschluss bleibt Zeit für die Beantwortung von Fragen interessierter Zuhörer.