Baden-Baden
Kinder

Eltern und Theatermacher diskutieren: Darf ein schwules Känguru ins Kindertheater?

Ein Theaterstück für Kinder wirbt für Freundschaft, Toleranz und Vielfalt. Doch niemand kommt. Das Stück wird aus dem Programm genommen.
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Ein Theaterstück für Kinder wirbt für Freundschaft, Toleranz und Vielfalt. Doch niemand kommt. Das Stück wird aus dem Programm genommen. Symbolbild: pixabay.com
Ein Theaterstück für Kinder wirbt für Freundschaft, Toleranz und Vielfalt. Doch niemand kommt. Das Stück wird aus dem Programm genommen. Symbolbild: pixabay.com
Nicht verheiratet und nicht verlobt? Dann muss ihr Dompteur schwul sein, denken zwei junge Raubkatzen. Was Schwulsein bedeutet, ist den beiden zwar nicht so ganz klar, dafür aber, dass das überhaupt nicht geht. Als sie dem boxenden Känguru Django begegnen, wissen sie sofort: Das ist ein Siegertyp. Und dann stellt sich heraus, dass Django schwul ist.

Das Stück "Ein Känguru wie du" des Tübinger Autors Ulrich Hub soll Kindern Werte wie Freundschaft, Toleranz und Vielfalt näherbringen - so wie es seit 2016 im Bildungsplan von Baden-Württemberg steht. Doch die Schulklassen bleiben aus. Deshalb nimmt das Theater Baden-Baden das Stück aus dem Programm, was für bundesweiten Medienwirbel sorgte.

Druck oder Proteste habe es nicht gegeben, betonte die Intendantin Nicola May am Sonntagabend in Baden-Baden. "Den Medienhype sehe ich kritisch", sagte sie. Dies bedeute, dass das Thema in der Gesellschaft noch nicht selbstverständlich sei.


"Starke Berührungsängste" als Grund

Als die Schulklassen ausblieben, fragte das Theater bei den Lehrern nach. Es gebe "starke Berührungsängste" bei Eltern und Lehrern. Sie hätten Bedenken geäußert, ob die Thematik für Kinder ab acht Jahren geeignet sei. Allerdings habe niemand habe das Buch gelesen, in dem es nicht um Aufklärung und Sex gehe, sondern um Freundschaft und Toleranz.

Die Reaktionen überraschen Autor Ulrich Hub nicht. Von Veranstaltern werde er vor Lesungen oft gebeten, nicht aus "diesem Buch" zu lesen. "Vermutlich denken viele Eltern, bei dem Stichwort 'schwul' geht es automatisch um Sexualität und stellen sich auf der Bühne hoppelnde und kopulierende schwule Kängurus vor", schreibt Hub auf seiner Internetseite.

Nur Erwachsene hätten ein Problem mit der Geschichte, sagt er. Kinder hätten eine völlig andere Erlebniswelt und fänden das Stück vor allem lustig. Es sei "realitätsfern", wenn Erwachsene behaupteten, Grundschulkinder wüssten nichts über die Existenz von Schwulen und Lesben. Vor zwei Jahren hatten Kinder in der Jury des Mülheimer Theaterpreises das Stück mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.


Positive Reaktionen

Am Sonntagabend wurde das Stück in einer szenischen Lesung letztmals gezeigt. Trotz freiem Eintritt kamen nur etwa 60 Zuschauer. Deren Reaktionen waren durchweg positiv. "Das Stück muss für Eltern angeboten werden", sagte eine Grundschullehrerin, die zuvor schon mit ihren Schülern die Aufführung besucht hatte. Ihren Kindern habe das Theaterstück gut gefallen. Als "sehr kindgerecht" beschreibt die Großmutter eines achtjährigen Mädchens das Stück. Kritische Stimmen waren nicht zu hören.

Auch wenn Django in Baden-Baden vorerst nicht mehr über die Bühne springt: In Köln wird das Theaterstück schon seit drei Jahren gespielt, die nächste Inszenierung ist im Januar am Deutschen Theater Göttingen geplant. Und auch dort werden die Raubkatzen am Ende feststellen: "Weibchen, Männchen, Ananas - es ist doch egal, was man lieber mag. Hauptsache man mag überhaupt irgendwas."