Ob die Schweine einen Namen haben? Metzgermeister Robert Prosiegel schüttelt den Kopf. Er steht am Acker hinter Bauer Staches Scheune. Zwischen hohen Grashalmen grunzt es hier und schmatzt es dort, die vorwitzigsten Ferkel stecken ihre Schnauzen durch den Zaun. Könnte ja was zum Fressen abfallen! Prosiegel lacht und schüttelt wieder den Kopf, er hat nichts dabei. Braucht er auch nicht - die Schweine haben bei Klaus Stache Vollpension, bis sie von Prosiegel verwurstet und von ihren Paten verzehrt werden.

Paten? 50 waren es, als der Unternehmer aus dem mittelfränkischen Markt Berolzheim (Kreis Weißenburg) vor fünf Jahren seine Initiative "Sonnentiere" ins Leben rief - heuer sind es über 300. In seiner ruhigen Art erzählt der 61-Jährige, was ihn umtreibt: die Massentierhaltung. Seit 1978 ist Prosiegel Metzgermeister. Seinen Betrieb führt er in der fünften Generation.
Nachdem er eine Weile 30 Mitarbeiter in mehreren Filialen hatte, konzentrierte er sich wieder auf seinen Ursprungsbetrieb und ließ die Metzgerei 2005 biozertifizieren - der erste Schritt gegen ein System, das ihn schon lange stört. Bio heißt in diesem Fall: "In unsere Wurstwaren kommen nur Fleisch, Speck, Eis und Gewürze. Außerdem verwenden wir weder Pökelsalz noch Zusatzstoffe."


Engagement bei "Slowfood"

Weil Prosiegel seine Verantwortung für Mensch, Tier und Natur ernst nimmt, engagierte er sich zeitgleich bei Slowfood. Die weltweite Vereinigung hat es sich zur Aufgabe gemacht, "die Kultur des Essens und Trinkens zu pflegen und lebendig zu halten", sie fördert eine bewusste Landwirtschaft, artgerechte Viehzucht, das traditionelle Lebensmittelhandwerk und die Bewahrung der regionalen Geschmacksvielfalt. Außerdem bringt Slowfood Produzenten, Händler und Verbraucher miteinander in Kontakt, vermittelt Wissen über die Qualität von Nahrungsmitteln und macht so den Ernährungsmarkt transparent. Allesamt Punkte, die gut zu Prosiegels Vision von einer besseren, bewussteren Welt passen. Deshalb hat er die regionale Gruppe ("Convivium") Altmühlfranken von Slowfood mitbegründet und hält regelmäßig Vorträge für die Non-Profit-Organisation.


Gegen die Massentierhaltung

Sein nächster Schritt hin zu einem besseren System folgte dann vor fünf Jahren: "Bei einem Abendessen mit meiner Familie beschlossen wir, nicht wie die meisten nur gegen die Massentierhaltung zu schimpfen, sondern aktiv etwas dagegen zu tun." Prosiegel machte eine Rechnung auf: Von 180 bis 200 Euro, die der Landwirt für ein Schwein bekommt, blieben diesem etwa 10 Euro. "Wenn er 5000 Schweine hat, kann er gerade mal so davon leben", sagt der Metzger. Da müsse der Landwirt knapp kalkulieren und funktioniere die Zucht eben im Akkord, mit Flüssigfutter und präventiver Antibiotikagabe. Damit sich die Schweine im engen Stall nicht gegenseitig die Schwänze abknabbern, was zu Entzündungen in Rückenmark und Gehirn führen kann, werden sie kupiert. "Massentierhaltung erkennt man am Schwanzstummel", konstatiert Prosiegel.


Vorkasse für den Landwirt

Er entwickelte einen neuen Ansatz: "Ich wollte dem Landwirt im Voraus pauschal 500 Euro pro Schwein geben. Dafür muss er mehr tun als den Tieren Flüssigfutter geben und Gülle wegfahren." Prosiegels Bedingungen lauten: Die Schweine werden statt ein halbes Jahr wie in der konventionellen Haltung von seinen Kooperationspartnern elf Monate lang aufgezogen, sie dürfen im Freien laufen und bekommen anständiges Futter.

Bei allem Idealismus wollte er, sagt der Metzgermeister, "auch was davon haben", weshalb er die Verwurstung vorab vermarktete. Will heißen: "Paten", also Kaufinteressenten, bezahlen für die artgerechte Aufzucht zehn Euro pro Monat. Nach elf Monaten wiegen die Schweine etwa vier Zentner, "das sind richtige Eumel", sagt Prosiegel und schmunzelt. Geschlachtet bleiben etwa 150 Kilo übrig, die vom Metzger verarbeitet und in Paketen zu 13 Kilo den Paten übergeben werden. "Das macht etwa 8,50 Euro pro Kilo Fleisch, das ist billig", sagt Prosiegel. Während es 2015 erstmals zwei "Durchgänge" in der Ferkelaufzucht und -Vermarktung gewesen seien, rechnet der Metzgermeister für 2016 mit drei Durchgängen. Wer nicht so lange warten will, der könnte den Betrag auch auf einmal zahlen und noch aktuell Fleisch bekommen - aber dann fehlt halt die Spannung.

Landwirt Klaus Stache im benachbarten Störzelbach war der erste, der in das Angebot des Metzgers einschlug - nach einem dreiviertel Jahr Bedenkzeit. Davon ist heute nichts mehr zu spüren: "Die Ferkel wühlen an der frischen Luft im Acker, entwickeln festes, dunkleres Fleisch und werden nicht krank. So sparen wir den Tierarzt", sagt der Schweinehalter. Mittlerweile arbeitet die Metzgerei mit zwei weiteren Züchtern - Hans Röttenbacher aus Gunzenhausen/Unterwurmbach und Fritz Kollmar in Auhausen zusammen.


Projekt mit Vorbildcharakter

Zwar kann man über das Projekt "Pick a pig" im Landkreis Aichach ebenso eine Patenschaft übernehmen wie beim "Uckerschwein" in Brandenburg und druckt in Berlin "Meine kleine Farm" das Gesicht der verwursteten Tiere aufs Endprodukt - mit der direkten Verquickung zwischen Metzger und Landwirt nimmt Prosiegel laut bayerischem Fleischerverband aber eine Vorreiterrolle ein. Auch der Deutsche Fleischerverband findet die Idee laut Sprecher Gero Jentzsch gut: "Diese Initiative führt zu einer höheren Wertschätzung für ein wertvolles Lebensmittel."


Auch "Glücksrinder" im Angebot

Prosiegel ist nach den ersten fünf Jahren zufrieden mit seiner Initiative. "Alle Beteiligten profitieren", sagt er. "Die Landwirte, die Metzgerei, die Paten und natürlich die Schweine. Die sausen rum und sind ohne Medikamente pumperlgesund."

Aufgrund der guten Erfahrungen hat Prosiegel jüngst zur "Sauwohl-Aktion" auch "Glücksrinder" gestellt. Derzeit sind es zwölf Stück gelbes Frankenvieh, die der Biolandbetrieb Kollmar in Auhausen (zusätzlich zu Sauwohl-Schweinen) für den Metzgermeister züchtet. Der Bauer bekommt 3000 statt wie im konventionellen Bereich 1500 Euro pro Tier und lässt die Rinder bei Gras und Heu über 22 Monate auf ein Schlachtgewicht von etwa 350 Kilo heranwachsen. "Die Tiere bekommen keine Silage zu fressen", das ist Prosiegels Bedingung. "Silo verändert den Milch- und Fleischgeschmack." Aktuell zahlen 100 Rinder-Paten 16 Monate lang 10 Euro pro Monat und bekommen dafür Pakete mit zehn bis zwölf Kilo Fleisch in Steaks, Rouladen, Salami, Hackfleisch und Gläsern.


Viele Idealisten unter den Paten

Wer sich vom Wohlergehen der Tiere überzeugen möchte, kann sich jederzeit auf den Bauernhöfen umschauen, einmal im Jahr gibt es außerdem ein Grillfest für alle Direktabnehmer. Die kommen durchaus von weiter her: "Die Wenigsten sind aus dem Landkreis", sagt Prosiegel. "80 Prozent wohnen mindestens 80 Kilometer entfernt von uns." So gebe es sogar in Berlin Paten, die ihre Fleischabholung stets gleich mit einem Kurzurlaub in Franken verbinden, ein Kunde komme aus Würzburg gefahren und nehme das Fleisch gleich für drei andere Familien mit.

Die Kunden würden über Mundpropaganda auf die "Sonnentiere" aufmerksam oder auf der Suche nach einem Geschenk im Internet, sagt Prosiegel. "Es sind alles Leute mit einem offenen Geist, da sind viele Idealisten dabei." So hat einer kostenlos den Flyer für die Sonnentiere entworfen, ein anderer spielt die Musik beim Grillfest. Für ihr Engagement bekamen beide ein Fleischpaket als Dank.

Der Idealismus der Paten passt in Prosiegels Vision von einer besseren Tierhaltung. Er gibt im Jahr mehr als 10 000 Euro mehr aus, um Fleisch aus der Region zu beziehen. Wenn sich seine Idee deutschlandweit durchsetzen würde und die Landwirte im Voraus ihr Geld zur besseren Aufzucht der Tiere und Kalkulation ihrer Arbeit bekämen, könnte das System der Massentierhaltung durchbrochen werden. "Gemeinsam könnten wir etwas verändern", ist sich Prosiegel sicher. "Aber", auch das ist ihm klar, "das wird bestimmt noch ein Jahrzehnt dauern." Der Metzgermeister wird in dieser Zeit nicht untätig bleiben, ihm schwebt da schon was vor: Ein Patensystem für Ziegen und Schafe, noch hat er aber kein Konzept dafür. Klar ist so viel: Keine Namen, egal für welche Tiere. "Lieber nicht", sagt Prosiegel. "Das ist einfach übertrieben."