Berlin

Ein Kita-Platz um jeden Preis?

Der lang umstrittene Kita-Rechtsanspruch für ein- und zweijährige Kinder tritt am 1. August in Kraft. Der Ausbau der Betreuung kam jahrelang nur schleppend voran, in den vergangenen Monaten wurden bundesweit massiv Plätze geschaffen. Dennoch sind viele Fragen offen.
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Symbolbild: dpa
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1. In welchem Umfang haben Eltern Anspruch auf Betreuung?
In der Regel werden Halbtagsplätze angeboten. Ein- und zweijährige Kinder haben darauf auch dann einen Anspruch, wenn deren Eltern nicht arbeiten gehen. Wem ein Halbtagsplatz nicht reicht, der muss seinen erhöhten Bedarf nachweisen, erklärt Thomas Meysen vom Institut für Jugendhilfe und Familienrecht. Ob dabei Schichtarbeiter auch ein Übernacht-Angebot beanspruchen können, muss möglicherweise individuell geklärt werden. Der Platz muss in zumutbarer Nähe liegen - bisher wird das definiert mit einer halben Stunde Zeitaufwand. Bei Sonderwünschen wie nach Montessori-Pädagogik oder integrativer Gruppe sind die vorhandenen Kapazitäten entscheidend.


2. Was ist wichtig für das Wohl der Kleinsten?
Kontinuität und Verlässlichkeit gehören dazu.
Wird ein einjähriges Kind nur an zwei Tagen in der Woche gebracht, bleibt es immer fremd in der Gruppe. Regelmäßigkeit im Tagesablauf gibt den Kleinsten Sicherheit. Umstritten ist die Übernacht-Betreuung. Das Kind sollte niemals im Schlaf oder Halbschlaf in die Einrichtung kommen und immer von derselben Betreuungsperson zu Bett gebracht werden, die es dann am nächsten Morgen auch weckt. Mehr als 45 Wochenstunden externe Betreuung sind nicht förderlich.


3. Was ist besser - Kita oder Tagesmutter?
Beide Formen - Tageseinrichtung oder Tagespflege - stehen gleichwertig nebeneinander. Der Bund geht davon aus, dass gut zwei Drittel aller Plätze in einer Kita bereitstehen und rund 30 Prozent bei Tagesmüttern oder -vätern. In Kitas muss mindestens eine Kraft ausgebildete Erzieherin sein. Tagesmütter können maximal fünf Kinder daheim aufnehmen oder kommen mitunter auch in den Haushalt der Eltern. Sie werben mit Flexibilität und Familienähnlichkeit. Tagesmütter müssen eine 160-Stunden-Grundqualifizierung absolvieren und brauchen vom Jugendamt eine Pflegeerlaubnis.


4. Haben Eltern immer ein Wahlrecht zwischen Kita und Tagespflege?
Laut Gesetz besteht ein Recht auf eine Förderung in einer Tageseinrichtung oder in der Kindertagespflege. Viele Rechtsanwälte bewerten das ausdrücklich als Entweder-Oder-Wahlrecht. Andere sagen dagegen, man müsse die jeweils andere Alternative akzeptieren, wenn nicht beide Varianten zur Verfügung stehen. Für Unruhe hat ein Eilentscheid des Kölner Verwaltungsgerichts Mitte Juli gesorgt, das den Elternwillen für maßgeblich erklärt. Die unterlegene Stadt Köln greift die Entscheidung vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster an.


5. Wie steht es um die Qualität der U3-Betreuung?
Bei Gruppengröße und Personal-Zahl gibt es Unterschiede, weil diese von den einzelnen Bundesländern festgelegt werden. Experten raten, genau auf den Schlüssel zu achten, wie viele ausgebildete Erzieherinnen auf wie viele Kleinkinder kommen. Die umfassende und viel beachtete Nubbek-Studie (Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit) kam nach zweijähriger Analyse im Frühjahr zu ernüchternden Ergebnissen. Die pädagogische Arbeit in deutschen Kitas sei "im Durchschnitt nur mittelmäßig". Quantität gehe vor Qualität. Die Kommunen betonen bei ihren Ausbau-Anstrengungen stets, dass sie Qualitätsansprüche hochhalten.


6.Was tun, wenn man leer ausgeht?
Man kann vor dem Verwaltungsgericht auf einen Platz klagen. Das kann allerdings lange dauern. Rechtsanwälte raten zum Eilverfahren - "einstweiliger Rechtsschutzantrag" im Fachjargon. "Wir klagen Ihr Kind in die Kita ein!", werben manche Kanzleien offensiv. Andere - wie die Düsseldorfer Anwältin Katharina Eibl - halten es für sinnvoller, selbst initiativ zu werden, das Kind in einer privaten - oft teureren - Einrichtung unterzubringen und die Mehrkosten über ein Schadenersatzverfahren von der Kommune einzufordern. Bei einigen Verwaltungsgerichten sind erste Klagen von Eltern anhängig.


7. Wer kommt für eventuelle Verdienstausfälle der Eltern auf?
Wenn Eltern nachweislich mangels Betreuungsplatz etwa nach ihrer Elternzeit erst verspätet in den Job zurückkehren oder sie eine Stelle nicht antreten können, ist Schadenersatz möglich. Wer solche Verdienstausfälle erstreiten will, muss Zivilgerichte ansteuern. dpa