Bamberg
Kommentar

ESC: Kein bisschen Frieden in Europa

Fachwelt und Publikum sind auch zwei Tage nach dem European Song Contest (ESC) gespalten.
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Foto: Britta Pedersen/dpa
Foto: Britta Pedersen/dpa
Ist die rote Laterne für die deutsche Vertreterin Jamie-Lee Kriewitz der Qualität des musikalischen Auftrittes geschuldet oder ist sie die Quittung für die dominante, für so manchen Partner schmerzhafte Führungsrolle Deutschlands in Europa und damit ein politisches Statement? Ist die rote Laterne beim ESC die rote Karte dafür, dass Deutschland Europa mit seiner Willkommenskultur nervt, dass es Ländern Sparprogramme diktiert?
Der Wettbewerb ist ohne Zweifel politischer geworden. Bei Conchita Wurst ging es im übertragenen Sinn um Genderpolitik. Jetzt besingt die Ukrainerin Jamala in ihrem Siegerlied "1944" die Deportation der Tartaren im Zweiten Weltkrieg, obwohl politische Lieder beim ESC eigentlich nicht erlaubt sind. Damit ist die Weltpolitik angekommen im Wettbewerb um die musikalische Krone Europas.


Nimmt man das Abstimmungsverhalten beim diesjährigen ESC, so ist Europa fast so tief gespalten wie in der Zeit, in die das Siegerlied zurückreicht. Der Musikwettbewerb entwickelt sich von einem Beliebtheitsbarometer zu einer Abstimmung über politische Weichenstellungen und Machtverhältnisse in Europa. Der Kontinent reagiert sich ab, degradiert Deutschland zum Schlusslicht. Er benutzt den ESC als Krücke, um dem politischen Taktgeber zu zeigen, wo die Musik spielt, wer Europa - zumindest für einen Abend - dirigiert. Kein bisschen Frieden also in Europa. Die verbindende Kraft der Musik verhallt nahezu wirkungslos.

Ausschließlich mit einer Stellvertreterwahl ist das Abschneiden der deutschen Vertreterin beim ESC allerdings nicht zu entschuldigen. Während sich die ukrainische Vertreterin zu ihrer eigenen Kultur und Geschichte bekennt, hüpft Jamie-Lee im japanischen (!) Manga-Style mit kaum erkennbarer Botschaft über die Bühne. Nicht der Newcomerin selbst ist es anzulasten, dass sie nur Ersatz für Xavier Naidoo ist, dessen Star-Kür grandios scheiterte. Schon vor Jahresfrist hatte Deutschland nach dem plötzlichen Rückzieher von Publikumsliebling Andreas Kümmert nur die zweite Geige ins Rennen geschickt. Es bleibt also Zukunftsmusik, an die Zeiten einer Lena Meyer-Landrut oder einer Nicole anzuknüpfen.