Nürnberg
Armutsbericht

Am Untermain leben die wenigsten Armen

In Deutschland gibt es immer mehr Arme. Heißt es im neuesten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Die Studie zeigt aber auch: Franken schneidet im Vergleich sehr gut ab.
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Immer mehr Menschen versorgen sich in caritativen Einrichtungen mit Lebensmitteln.  Foto: Ronald Rinklef
Immer mehr Menschen versorgen sich in caritativen Einrichtungen mit Lebensmitteln. Foto: Ronald Rinklef
12,5 Millionen arme Menschen gibt es im Land. So das Ergebnis der letzten Armutsstudie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Per Definition ist demnach arm, wer als Single im Monat nicht mehr als 892 Euro zur Verfügung hat. Bei Familien mit zwei Kindern liegt die Grenze bei 1873 Euro. Jeweils maximal, wohlgemerkt. Am meisten betroffen sind Alleinerziehende, Erwerbslose, kinderreiche Familien, Minderjährige und Rentner.
Wo ist die Armut am größten? Welche Regionen sind weniger betroffen?

Im deutschlandweiten Vergleich weisen hier die beiden Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg mit einer Armutsquote von 11,3 bzw. 11,4 Prozent das beste Ergebnis auf. Am Ende dieses Länderrankings rangieren Mecklenburg-Vorpommern mit 23,6 Prozent und Bremen mit 24,6 Prozent. Das heißt: Nahezu jeder vierte Bremer gilt demnach als arm.

Kaum arme Leute am Bodensee

Und Franken? Die Studie bricht hier ihre Ergebnisse herunter bis auf die Ebene der Planungsverbände oder Raumordnungsregionen. Mit durchaus interessanten Ergebnissen. Bundesweit am besten schneidet die Region Bodensee-Oberschwaben ab. Die Armutsquote liegt hier gerade mal bei 7,8 Prozent. Unter den insgesamt 95 bundesdeutschen Planungsregionen liegt die Region des fränkischen Untermains um Aschaffenburg und Miltenberg mit einer Armutsquote von 10,3 Prozent auf Bundesebene mit Rang 9 ebenfalls unter den Top Ten. Mit einer Armutsquote von 12 Prozent und Rang 21 im bundesweiten Ranking ist auch die Region Westmittelfranken mit dem Landkreisen Neustadt/Aisch-Bad Windsheim, Weißenburg-Gunzenhausen und Ansbach deutschlandweit im oberen Drittel angesiedelt. Ebenso wie die Planungsregion Oberfranken-West, die mit einer Quote von 12,2 direkt auf Rang 22 folgt.

Mit etwas Abstand folgt auf Rang 30 die Planungsregion Main-Rhön mit Schweinfurt und den Landkreisen Bad Kissingen, Rhön-Grabfeld und Haßberge. Die Armutsquote liegt hier bei 12,7 Prozent.

Schlusslicht Würzburg

Ganz knapp hintereinander auf den Rängen 34, 35, und 36 rangieren die Industrieregion Mittelfranken um Nürnberg. Fürth, Erlangen, Schwabach und die Landkreise Erlangen-Höchstadt, Fürth und Nürnberger-Land mit 13,5 Prozent, die Planungsregion Oberfranken Ost um Hof und Bayreuth mit 13,6 Prozent und die Region Würzburg mit 13,7 Prozent. Während mit einer etwas höheren Armutsquote für die wirtschaftliche Problemregion Nordostoberfranken zu rechnen war, überrascht die hohe Quote für den Raum Würzburg, der das fränkische Schlusslicht im bundesdeutschen Ranking bildet.

Auf Bundesebene liegt jedoch selbst Würzburg noch im oberen Drittel der 95 Planungsregionen. Ein Beweis dafür, dass es den Franken immer noch sehr gut geht. Zum Vergleich: In Vorpommern liegt die Armutsquote bei 27,8 Prozent, und in Bremerhaven (32,6 Prozent) gilt bereits nahezu jeder dritte Bürger als arm.

Info:
Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband

Geschichte Der Verband wurde am 7. April 1924 unter dem Namen "Vereinigung der freien privaten gemeinnnützigen Wohlfahrtseinrichtungen Deutschlands gegründet. 1932 erhielt der Verband seinen heutigen Namen.

Aufgabe Neben seiner Lobbyarbeit für die Kranken und Schwachen der Gesellschaft versteht sich der Verein als Dienstleister. Mitgliedsorganisationen werden in fachlichen. rechtlichen und organisatorischen Fragen beraten und erhalten Hilfe bei der Finanzierung von Projekten.

Selbstverständnis Jeder Mensch verdient den gleichen Respekt und gleiche Chancen - dieser Gedanke der Gleichwertigkeit (lateinisch paritas: Gleichheit, gleich stark) gab dem Verein seinen Namen.

Struktur Der Verband gliedert sich in 15 Landesverbände. Unter seinem Dach sind mehr als 10 000 Vereine, Organisationen und Einrichtungen versammelt, die im sozialen Bereich tätig sind. Vorsitzender des Verbandes ist seit 2012 Rolf Rosenbrock, der Hauptgeschäftsführer seit 1999 Ulrich Schneider.


Kommentar

Fränkische Sonderrolle

Bundesweit muss die Armutsentwicklung nachdenklich stimmen. Das Land spaltet sich regelrecht auf. In Regionen, in denen Armut nahezu unbekannt ist, so am Bodensee. Und Gegenden wie Bremerhaven, wo schon heute nahezu jeder Dritte als armutsgefährdet gilt. Franken steht da, egal ob Ober- Unter- oder Mittelfranken, vergleichsweise gut da. Was allerdings für diejenigen, die unmittelbar von Armut betroffen sind, kein sonderlicher Trost ist. Es sind immer wieder die gleichen Gruppen, die es trifft. Alleinerziehende, Kinderreiche, Langzeitarbeitslose, oft mit schlechtem oder gar keinem Bildungsabschluss. Erschrecken muss der Trend. Lag die Armutsquote im Jahr 2006 noch bei 14 Prozent, ist sie in der Zwischenzeit um 10,7 Prozent auf den aktuellen Stand von bundesweit 15,5 Prozent gestiegen.

Das heißt, trotz des Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre, trotz eines An stiegs des Bruttolinlandsprodukts, erleben wir wachsende Armut im Land. Wirtschafts- und Armutsentwicklung, sie haben offenbar nicht mehr viel miteinander zu tun. Zunehmender Reichtum im Land korrespondiert mit steigenden Armutsquoten. Die Schere öffnet sich. Nicht zuletzt deshalb, weil oft genug selbst Vollzeitbeschäftigte mit ihren Einkommen unterhalb der Armutsgrenze liegen.

Aus fränkischer Sicht fällt auf, dass sich im Verlauf der letzten acht Jahre die Armutsquoten entgegen dem Trend nicht automatisch erhöht haben. Im Gegenteil: Von den sieben Planungsregionen weisen fünf eine im Vergleich zum Jahr 2006 niedrigere Armutsquote auf. Franken entwickelt sich anders als Deutschland. Die Armutsquoten stagnieren, sind eher rückläufig. Eine fränkische Sonderrolle, mit der sich allerdings gut leben lässt.